Zum Hauptinhalt springen

Praktikant steht vor der Meisterprüfung

Dem Schweizer Mike Kurt ist im olympischen Kanu-Slalom nur ein Podestplatz gut genug.

Heute Vormittag Schweizer Zeit tritt Kurt auf der Olympia- Strecke im Shunyi District zur Qualifikation im Kajak-Einer an. Für den Halbfinal-Vorstoss braucht der 28-jährige Wiedlisbacher lediglich einen 15. Rang. Alles andere kann sich Kurt für morgen, den Tag der Entscheidung, aufsparen.

Die zweite Chance

Vor vier Jahren in Athen hatte Kurt die Qualifikation für sich entschieden. Es war ein Coup ohne Wert, im Halbfinal paddelte Kurt auf Irrwegen, das Olympia-Debüt endete im Niemandsland der Rangliste. «Ich kann jetzt schon sagen, dass ich die Qualifikation dieses Mal nicht gewinnen werde», sagte Kurt mit Blick auf seine zweite Olympia-Chance. Kurt will sich den Medienrummel und den zusätzlichen Druck sparen. Als ein Medaillenanwärter unter vielen lässt es sich ruhiger schlafen. Umso lieber würde Kurt nach dem Final im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, wenn sich der Medaillenanwärter in einen Medaillengewinner verwandelt haben soll.

Kurt und sein Trainer Ludovic Boulesteix sind überzeugt, dass ein Podestplatz realistisch ist. Sie formulieren das Ziel ohne Umschweife und im Wissen um die unbestrittene Klasse. «Gold wäre zu hoch gegriffen, aber ein Medaillengewinn muss unser Anspruch sein», sagt Boulesteix. Er und sein Schützling wirken weder überheblich noch so, als ob sie sich zur Stärkung des Selbstvertrauens selber gut zureden müssten. Auch ein kleiner Trainingsunfall brachte das Duo nicht aus dem Konzept. Schaden nahm nur das Boot, was dank dem handwerklichen Geschick von Boulesteix halb so schlimm war. Das Loch, das beim Zusammenstoss mit einem Stein in die Karbon-Schale gerissen worden war, reparierte der Franzose gleich selbst.

Schritt für Schritt zum Profi

Kurt hat lange an der Pleite von Athen zu kauen gehabt. Fast vier Jahre habe der Verarbeitungsprozess gedauert. Marlies Bernhard, die einstige Mentaltrainerin von Tom Lüthi, hat ihm dabei geholfen. Auch sonst überliess Kurt in der Vorbereitung nichts dem Zufall. Nachdem er 2006 sein FH-Studium in Betriebsökonomie abgeschlossen hatte, ermöglichte ihm Swiss Olympic ein einjähriges Praktikum im Bereich Sponsoring. Dass Kurt in dieser Zeit sportlich keine Abstriche machen musste, lag auch im Interesse des Arbeitgebers.

Kaum auszudenken, in welches Dilemma Swiss Olympic geraten wäre, wenn die Vergabe des einzigen Startplatzes zu ähnlich hitzigen Diskussionen Anlass gegeben hätte wie vor vier Jahren. Doch Kurt hob sich in der Qualifikationsphase deutlich von seinen Konkurrenten Mathias Röthenmund und Moritz Lüscher ab, obwohl es Röthenmund war, der Swiss Olympic an der WM 2007 den Quotenplatz sicherte. Am besten schnitt Kurt Ende Juni in Prag ab. An der einzigen Weltcup-Veranstaltung mit lückenloser Beteiligung war von den Olympia-Teilnehmern nur Topfavorit Fabien Lefèvre besser.

Für die Materialschlacht gerüstet

Seit einem Jahr konzentriert sich Kurt nun ganz auf seine Kanu- Karriere, das Top-Athletes-Programm von Swiss Olympic und einige persönliche Sponsoren machen das Profitum möglich. Als Kurt die Weltcup-Saison 2007 im 2. Gesamtrang abgeschlossen hatte, verpflichtete ihn der holländische Ausrüster Double Dutch als «Werksfahrer». Die Firma entwickelte ein Boot, das ganz auf die Bedürfnisse ihres neuen Aushängeschilds ausgerichtet ist.

Vor der Abreise nach Peking erhielt Kurt noch einmal eine optimierte Version. Auch der Kanusport ist längst zur Materialschlacht geworden. Kurts Kajak ist «einige zehntausend Franken» wert und wiegt noch 8,2 kg. Das Mindestgewicht beträgt 9 kg; die Differenz muss Kurt mit Bleigewichten ausgleichen, die ähnlich wie in der Formel 1 dort platziert werden, wo sie am wenigsten stören. Den Zwischenfall im Training erklärt er nicht nur mit seiner Unaufmerksamkeit. Er deutet ihn auch als Indiz dafür, dass seine Bootsbauer sich ganz ans Limit gewagt haben. Das wird in Peking auch Kurt selber tun müssen. Nicht unbedingt heute, aber mit Sicherheit morgen.

si/fal

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch