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Henkelpott in Griffnähe«Paris steht vor den Toren des Paradieses»

Neun Jahre nach der Übernahme von PSG durch die reichen Besitzer aus Katar stehen die Pariser endlich im Final der Champions League, und die französischen Medien wollen keinen Final gegen das kleine Lyon.

Paris Saint-Germain besiegt RB Leipzig ohne grössere Probleme.
Video: Teleclub

Wenn nach grossen Siegen die Historie herhalten muss für die Verortung der Gefühle, dann stellt sich im Fussball immer die Frage: Was zum Teufel lief denn bisher immer schief?

«Geschichte im Lauf», titelt «Le Parisien» am Tag nach dem recht leicht erspielten Sieg von PSG über RB Leipzig, und es liest sich, als wäre dieser Lauf jetzt unaufhaltsam, schiere Fatalität. Final in der Champions League. Musste ja mal passieren, sollte eigentlich schon lange passiert sein.

Neun Jahre ist es her, da umrissen die neuen katarischen Besitzer von Paris Saint-Germain ein Zeitfenster für die Eroberung Europas: Fünf Jahre, hiess es damals, höchstens fünf Jahre, dann werde man die Königsklasse gewonnen haben. Damit die Stadt des Lichts noch etwas mehr strahle – und der Ölstaat am Golf gleich mit. Aber Geschichte ist nun mal dehnbar, ihr Lauf ist selten gerade. Geld allein reicht nicht, um ihn gerade zu machen. Neun Jahre.

Wenn es dann endlich mal passt, auch darin ist der Mensch ein erstaunliches Wesen, verblassen alle Enttäuschungen, sie sind einfach weg. Wie oft war PSG in den vergangenen Jahren an sich selbst gescheitert, am mangelnden Widerstand gegen den Druck der Erwartungen, daran, dass im entscheidenden Moment der Elf aus Stars und Sternchen immer die Seele fehlte. Diesmal nicht, diesmal dominierte man in jeder Hinsicht, auch in Willenskraft.

Ausgelassenes Feiern in den Strassen Paris’

Auf den Champs-Élysées feierten sie so ausgelassen, mit Autocorso und Herzungen, ohne Abstandswahrung und Gesichtsmasken, dass die CRS, die immer bei Grossanlässen und politischen Demonstrationen ausrückt, eingreifen musste. In den Bars an der Avenue liess die Polizei da und dort die Grossbildschirme ausschalten, weil sich die Besucher nicht an die Anti-Corona-Vorschriften hielten. Man schaute dann auf den kleinen Bildschirmen der Handys weiter, alle eng an eng, wie der Sender BFM TV es zeigte – was daran wohl besser war? Der Platz vor dem Parc des Princes füllte sich, kaum war das Spiel vorbei, aus allen Seitenstrassen strömten die Fans herbei, mit Petarden, Pyros und Feuerwerk. Einen öffentlichen Aufruf der Ultras zu dieser Feier hatte es nicht gegeben, das wäre ja auch Selbstsabotage der Veranstalter gewesen, und der Prinzenpark wäre von den CRS wohl grossräumig abgesperrt worden. Bei aller verständlichen Euphorie: Wie viel ist der sportliche Zwischentriumph wert, während gleichzeitig ein Wettrennen gegen das heimtückische Virus läuft? In Frankreich registrieren sie gerade eine neue Welle von Ansteckungen.

Als hätte es Corona nie gegeben: Die Fans von PSG feiern den Finaleinzug ausgelassen.
Als hätte es Corona nie gegeben: Die Fans von PSG feiern den Finaleinzug ausgelassen.
Foto: Julien Mattia/Anadolu Agency/Getty Images

«On est en finale, on est en finale!» Wir sind im Final, wir sind im Final. In diesen Chor stimmten alle ein, auch die Spieler von PSG im nächtlichen Lissabon. Zunächst versammelten sie sich auf dem Rasen und sangen im Kreis. Am französischen Fernsehen gab es dann aber auch Bilder, die das Team bei der Rückkehr ins Hotel zeigen – hübsche Bilder von einer Mannschaft mit ihrem Leader mittendrin, dem Brasilianer Neymar Junior, der eine grosse Lautsprecherbox in den Armen trägt. Wie eine Gang von Freunden in den Sommerferien sah das aus: Samba und gar kein Fado.

Endlich ein Team

Vielleicht liegt in diesen Bildern die Erklärung für den späten Erfolg: Nie zuvor in der katarischen Ära von PSG erschien das teuer zusammengekaufte Ensemble geeinter, nie spielte es kollektivistischer, solidarischer. «Gewinnen können wir nur alle gemeinsam», sagte etwa Kylian Mbappé, der nach seiner Verletzung einen eher durchschnittlichen Abend erlebt hatte. «Zwei reichen nicht.» Der Youngster meinte: ich und Neymar. Man sah das schon im Viertelfinal gegen Atalanta Bergamo, das ja beinahe verloren gegangen wäre: Am Biss fehlte es nicht, an dieser Gemeinmachung mit der Sache, irgendwann fielen die Mauern.

So konnte es nicht überraschen, dass im Halbfinal einer alle überragte, den man in Paris zuweilen als schnöseligen Frühpensionär wahrgenommen hatte: Ángel Di María gab den Ergänzungsspieler im Offensivtrio, man spielte 4-3-3. Der dünne Mann aus Rosario, der die Champions League schon mal mit Real Madrid gewann, machte ein grosses Spiel, er wurde dann auch zum «Man of the match» gewählt: zwei Vorlagen, ein Tor. Alles mit links, wie immer, notfalls mit akrobatischen Verrenkungen – den rechten Fuss braucht er nur zum Laufen.

Stolzer «Man of the match»: Der viel kritisierte Ángel Di María konnte gegen RB Leipzig mit zwei Vorlagen und einem Tor überzeugen.
Stolzer «Man of the match»: Der viel kritisierte Ángel Di María konnte gegen RB Leipzig mit zwei Vorlagen und einem Tor überzeugen.
Foto: Michael Regan/Getty Images

Neymar selbst traf schon wieder nicht, was Trainer Thomas Tuchel die Frage eintrug, was denn da los sei. «Ich selbst habe in meiner gesamten Karriere nur zwei Tore erzielt», gab Tuchel ganz gelöst zurück. «Ich werde mich hüten, Neymar da Ratschläge zu geben.» Für einmal war auch das oft gescholtene Mittelfeld von PSG auf Niveau, kompakt und zuweilen sogar kreativ. Gegen Atalanta hatte Neymar fast alle Bälle im Rückraum holen müssen, damit sie etwas hergaben, nun sorgten vor allem der umfunktionierte Innenverteidiger Marquinhos und Leandro Paredes dafür, dass die Schalte von Abwehr auf Angriff auch ohne den Rückfallstürmer funktionierte. Am Ende kam auch der Italiener Marco Verratti zu einem Kurzeinsatz, er ist der eigentliche Umschalter des Pariser Spiels, seit vielen Jahren schon. Neulich hatte er sich im Training eine Wadenverletzung zugezogen. Im Final könnte er dann wieder dabei sein, genauso wie Torwart Keylor Navas.

Für PSG ist das also eine Premiere, passenderweise genau zum 50. Geburtstag des Vereins. Vor ihm schafften es schon vier andere französische Klubs ins Endspiel der Champions League: Stade Reims zwei Mal, AS Monaco, AS Saint-Étienne und Olympique Marseille je einmal. Nur die Marseillais gewannen den Henkelpott dann auch. 1993 war das, 1:0 gegen Milan, Tor von Basile Boli, lange her.

Die Sportzeitung «L’Équipe» erinnert nun daran, dass sie es war, die den Pokal mit den grossen Ohren einst erfunden und entworfen hatte. Als 1956 der damalige Chefredakteur des Blattes, Jacques Goddet, die erste Ausgabe des grossen Potts an Santiago Bernabéu übergab, den Präsidenten von Real Madrid, das gerade Stade Reims geschlagen hatte, sagte er: «Hegen und pflegen Sie ihn, er ist das Kind der Liebe.»

Ein bisschen mehr Liebe wünscht man sich ja schon beim chronisch ungeliebten PSG – für sich, für das, was man für das Renommee des französischen Fussballs zu tun glaubt. Und damit der Stolz das Land wenigstens ein bisschen erfasst, hofft man auf einen grossen Final, einen Finale gegen einen grossen Gegner, gegen Bayern. Für den schönsten Tag im Leben wünsche man sich eben schon etwas Spezielles. «Ginge es gegen Lyon, wäre das wie ein Tag im Büro», kommentiert «L’Équipe», und wahrscheinlich macht sie sich damit nicht nur Freunde. «Paris steht vor den Toren des Paradieses», schreibt «Le Parisien», nie verlegen um superlative Emphase, wenn es um Paris geht. «Depuis toujours» warte man auf diesen Tag, seit immer also. Auch die Ewigkeit ist dehnbar.