War die älteste Frau der Welt eine Betrügerin?

Die Französin Jeanne Calment hat offiziell ein Rekordalter von 122 Jahren erreicht. Doch ein Mathematiker äussert nun Zweifel an diesem ungewöhnlich langen Leben.

Wie alt war sie wirklich? Laut offiziellen Angaben zeigt das Foto Jeanne Calment im Alter von 120 Jahren. Foto: Reuters

Wie alt war sie wirklich? Laut offiziellen Angaben zeigt das Foto Jeanne Calment im Alter von 120 Jahren. Foto: Reuters

Der Artikel fängt mit Gott an und endet 20 Seiten später mit Lenin. Dazwischen zerstört er eine Legende. Denn in ihm behauptet ein russischer Mathematiker, dass die Südfranzösin Jeanne Calment, bisher offiziell der älteste Mensch aller Zeiten, womöglich gar nicht das Rekordalter von 122 Jahren und 164 Tagen erreichte.

Mehr noch: Dass die Dame, die noch hochbetagt in Filmen auftrat, vielleicht gar nicht Jeanne Calment war, sondern ihre Tochter Yvonne. Dass Yvonne schon früh die Identität ihrer Mutter angenommen habe, um die Erbschaftssteuer von damals 35 Prozent zu umgehen. So zumindest legt es der Autor Nikolai Sak in einem Aufsatz nahe, den er im Wissenschaftlernetzwerk «Researchgate» publizierte. Eine unabhängige Begutachtung gibt es nicht.

Mehrfach geht es ziemlich durcheinander, wenn die alte Dame in ihren Erinnerungen Ereignisse datiert.

Jeanne Calment, das erkennt auch Sak an, wurde 1875 in Arles geboren. 1898 bekam sie ihre Tochter Yvonne, die den Akten zufolge im Alter von etwa 35 Jahren starb. Doch Zak hält es für möglich, dass damals gar nicht Yvonne, sondern Jeanne starb. Yvonne habe sich daraufhin als ihre damals fast 60-jährige Mutter ausgegeben. Da die Familie mehrere Häuser in der Provence besass, könnte sich die Tochter für eine Zeit an einen Ort zurückgezogen haben, an dem sie kaum bekannt war. Wenn das Szenario stimmt, wäre Yvonne 99 Jahre alt geworden.

Widersprüchliche Biografie

Sak stützt sich in erster Linie auf eine Reihe von Ungereimtheiten in dem, was die alte Dame Journalisten und Biografen erzählte. Sie erwähnte beispielsweise, einst Vincent van Gogh im Laden ihres Vaters begegnet zu sein. Tatsächlich aber habe Jeannes Vater nie einen Laden besessen, wohl aber Yvonnes Vater. Mehrfach geht es ziemlich durcheinander, wenn die alte Dame in ihren Erinnerungen Ereignisse datiert.

Als weitere Indizien sieht der Autor, dass die offiziell als Jeanne geltende Madame Calment lange mit dem Mann von Yvonne zusammenlebte, dass sie Fragen nach Yvonne stets auszuweichen schien und im Alter Familienfotos vernichtete. Zusätzlich zieht Sak die Aussagen des russischen Gerontologen Waleri Nowoselow heran, der befindet, die hochbetagte Jeanne sehe auf Fotos einfach zu jung aus. Nur spricht es nicht unbedingt für dessen wissenschaftlichen Rigor, dass er seinen Befund mit dem Ergebnis einer Facebook-Umfrage untermauert, wonach etwa 200 Teilnehmer Jeanne auf einem Foto ebenfalls als sehr viel jünger einschätzten.

Wurde mehrfach vom Guinnes-Buch ausgezeichnet: Jeanne Calmet an ihrem 119. Geburstag in Arles, 1994. Foto: Reuters

All das beweist zunächst nichts und so fallen die Reaktionen auch sehr unterschiedlich aus. Der französische Gerontologe Jean-Marie Robine, der an der Überprüfung des Lebensalters für das Guinness-Buch der Rekorde beteiligt war, weist die Einlassungen rigoros zurück. Der Leiter des französischen Instituts für demographische Studien, Nicolas Brouard, begrüsst dagegen die Nachforschungen und schlägt vor, das Grab zu öffnen, in dem Jeanne 1997 offiziell beigesetzt wurde. Sollte Calments Rekord gelöscht werden, wäre die US-Amerikanerin Sarah Knauss die neue Rekordhalterin. Sie starb 1999 im Alter von 119 Jahren.

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