Zweifel am deutschen Hitzerekord wächst

42 Grad in Norddeutschland – wurde falsch gemessen? Meteorologe Jörg Kachelmann kritisiert den Wetterdienst.

Die Hitzewelle hat auch Deutschland erfasst: Vertrocknetes Flussbett des Rheins in Düsseldorf. (26. Juli 2019) Friedemann Vogel/EPA/Keystone

Die Hitzewelle hat auch Deutschland erfasst: Vertrocknetes Flussbett des Rheins in Düsseldorf. (26. Juli 2019) Friedemann Vogel/EPA/Keystone

In Niedersachsen wurden an einer Messstation des Deutschen Wetterdiensts am Donnerstag 42,6 Grad Celsius gemessen. Der Wert wurde inzwischen offiziell bestätigt. Unter anderem der Meteorologe Jörg Kachelmann äussert Zweifel an der Messung. Um aussergewöhnlich hohe Werte zu prüfen, gleicht der DWD sie mit Stationen in der Umgebung ab. Auch eine Stationsverlegung wird unter Umständen geprüft.

Fast im Stundentakt gab es am Donnerstag Meldungen, dass der nächste Hitzerekord geknackt wurde. Orte wie Geilenkirchen und Weilerswist-Lommersum schafften es in die Fernsehnachrichten. Am heissesten war es am Donnerstag im niedersächsischen Lingen: Die Stadt stellt neu den deutschen Hitzerekord – mit 42,6 Grad Celsius.

Dass die bisherige Spitzentemperatur aus dem Jahr 2015 so deutlich übertroffen wurde und gleich an mehreren Orten höhere Werte erfasst wurden, erstaunt Meteorologen.

Zwei Meter über der Wiese

Aber wie verlässlich sind die Messungen? Und welche Rolle spielen die jeweiligen Standorte der Wetterstation? Mit solchen Fragen setzt sich Detlef Assmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) jeden Tag auseinander. Er ist für alle Wetterstationen in Bayern und Baden-Württemberg zuständig. «Unsere Stationen werden regelmässig kontrolliert», sagt er. «Unser Job ist es, dass die Messungen unter möglichst realen Bedingungen ablaufen.» Es könne aber durchaus sein, dass sich Stationen mit der Zeit nicht mehr als Messstandort eignen.

«Es gibt Stationen, die standen mal am Ortsrand auf einer grünen Wiese und jetzt entsteht dort plötzlich ein Industriegebiet, das viel Schatten wirft», sagt Assmann. In solchen Fällen müsse man sich darüber Gedanken machen, ob ein Umzug nötig sei. Es sei aber gar nicht so einfach und könne lange dauern, einen neuen Standort zu finden.


40-Grad-Marke: Warum die Schweiz verschont blieb42,6 Grad gabs gestern in Lingen (D) und in Paris. Weshalb nördlichere Gebiete deutlich höhere Rekorde messen. Und wie die Messmethode mitspielt.


Gemessen wird immer zwei Meter über dem Erdboden – und zwar über Grünflächen, also nicht über heissem Asphalt oder Beton. Die beiden Fühler stecken in einem Gehäuse, das von Lamellen umgeben ist, damit die Sonne nicht direkt auf die Thermometer scheint, aber andererseits auch keine Stauhitze entstehen kann. Ausserdem muss ein Mindestabstand zu Bäumen und Gebäuden eingehalten werden.

Ob die von der Wetterstation gemessenen Werte plausibel sind oder doch Fehler enthalten, wird zunächst von Computern geprüft. Dabei werden auch andere Stationen in der Umgebung mit einbezogen. «Erst wenn die Werte geprüft wurden, dürfen wir sie freigeben», erklärt Assmann.

Der Meteorologe Jörg Kachelmann hat Zweifel an dem Rekordwert, der in Lingen gemessen wurde. Auf Twitter schrieb er: «Man sieht hier schön, wie die lokalen Gegebenheiten in Lingen den Rekord möglich gemacht haben, der Fehler durch die ventilationshemmende Umgebung ist rund drei Grad, wie man an den umgebenden Stationen sieht.»

An 25 Stationen mehr als 40 Grad

Mit anderen Worten: Die Erhebung sei verfälscht, weil die Luft an der Messstation quasi steht. Wie der NDR berichtet, liegt die Station mit 22 Metern über dem Meeresspiegel verhältnismässig tief, zudem noch in einer kleinen Senke, so dass nur wenig Wind aufkommt, der eine Luftzirkulation herbeiführen kann. Auf der einen Seite sei eine kleinere Strasse, auf der anderen ein Kanal.

Der DWD hat den neuen deutschen Hitzerekord von 42,6 Grad in Lingen am Freitag jedenfalls bestätigt. Der am Donnerstag gemessene Wert sei korrekt, sagte ein Sprecher. Assmann will sich zu der Station in Lingen nicht äussern, weil sie nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fällt. Insgesamt gibt es in Deutschland ungefähr 2000 Messstellen des Deutschen Wetterdienstes.

Schon am Mittwoch war der bisherige deutsche Allzeitrekord von 2015 gebrochen worden. Im unterfränkischen Kitzingen wurden 40,3 Grad gemessen. Diesmal waren es in Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen 40,5 Grad. Dieser Rekord hielt aber nicht einmal einen Tag. Der Donnerstag wurde dann zum Tag der Ausnahmewerte: An 25 Messstationen stiegen die Temperaturen auf 40 Grad oder mehr, an 15 Stationen wurden Werte gemessen, die den Kitzinger Wert überschritten.

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