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Wünsche, die den Affen den Tod brachten

Drei «eigentlich sehr vernünftige» Frauen feierten Silvester und verursachten im Krefelder Zoo eine Brandkatastrophe – wie konnte das passieren?

Der Platz vor dem Zoo ist zum Trauerort geworden. Weit über hundert Grablichter flackern hier in Krefeld, Blumen und Kuscheltiere liegen auf den Pflastersteinen. Es sind Weihnachtsferien am Niederrhein, Eltern kommen mit ihren Kindern vor das Zootor. Mit Buntstift gemalte Bilder erinnern an die toten Menschenaffen. «Ich vermisse euch sehr», steht da in roter Schreibschrift: Trauer um «Massa & friends».

Mit seinen 48 Jahren war Massa der älteste Zuchtgorilla Europas. Doch in der Silvesternacht ist er gestorben, wie mehr als 30 Tiere im Krefelder Zoo, darunter seltene Affenarten, die in der Wildnis vom Aussterben bedroht sind. Eine sogenannte Himmelslaterne, ein Zylinder aus Seidenpapier mit Brennstoff darin, war kurz nach dem Jahreswechsel auf dem Plexiglasdach des Tropenhauses gelandet. Binnen weniger Minuten brannte das Gehege bis auf die Grundmauern nieder.

Komplett ausgebrannt: das Affenhaus im Zoo Krefeld (D). Video: AP

Nun ist wohl ermittelt, wer die Tragödie verursacht haben soll: Drei Krefelderinnen zwischen 30 und 60 Jahren – eine Mutter und ihre zwei erwachsenen Töchter – sollen fünf sogenannte chinesische Fackeln in den Nachthimmel aufsteigen lassen haben. «Sie dachten, dass es zu Silvester erlaubt sei, diese Leuchten steigen zu lassen», sagt Gerd Hoppmann, leitender Ermittler der Krefelder Polizei. Tatsächlich sind die Laternen hierzulande schon seit 2009 verboten. Damals starb in Siegen ein Zehnjähriger, nachdem ein Haus durch eine Himmelslaterne in Brand geraten war.

Auf der Verpackung der Fackeln, welche die Frauen im Internet bestellt haben, war von dem Verbot offenbar nichts zu lesen. «Die Personen wollten die Laternen mit guten Wünschen steigen lassen», sagt Hoppmann. Die Ermittler konnten Handschriften zuordnen, nachdem sie vier der Laternen in der Nähe des Zoos gefunden hatten. Die fünfte ist offensichtlich in den Flammen des Affenhauses verbrannt.

Als die Frauen am Neujahrstag von der Katastrophe hörten, seien sie selbst zur Polizei gegangen, sagt Hoppmann. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen fahrlässiger Brandstiftung. Den Frauen droht eine Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Haft. Der Zoo könnte die Verursacherinnen zudem auf Schadenersatz verklagen, hat darüber aber noch nicht entschieden.

Zoodirektor Wolfgang Dressen vor dem ausgebrannten Affenhaus. Bild: Keystone/DPA/Christoph Reichwein
Zoodirektor Wolfgang Dressen vor dem ausgebrannten Affenhaus. Bild: Keystone/DPA/Christoph Reichwein

Die Ermittler nennen keine Details zu den Verdächtigten, um sie zu schützen. In Internetforen und Netzwerken sind die Verursacher der Tragödie schon seit Neujahr massiv bedroht worden. Nur so viel sagt Hoppmann: Es seien Frauen aus einem normalen, bürgerlichen Umfeld, die «eigentlich sehr vernünftig» wirkten.

Stadt prüft Böllerverbot

Am Zoo indes bleibt das dunkelgrüne Eingangstor am Donnerstag geschlossen. Draussen, wo man allenfalls die Trampeltiere im ersten Gehege erspähen kann, mischt sich Wut in die Trauer. «Stoppt endlich den unzeitgemässen Silvesterwahnsinn», hat einer mit drei Ausrufezeichen auf ein Pappschild geschrieben. Und tatsächlich teilt die Stadt Krefeld nun mit, dass sie ein Böllerverbot in der Nähe des Zoos prüfen wolle. «Von Menschen in einen Käfig gesteckt und verbrannt», steht auf einem anderen Transparent. Und auch der Tierschutzbund moniert am Donnerstag, dass Menschenaffen nicht in Zoogefangenschaft gehörten.

Eigentlich, so sagte es Direktor Wolfgang Dressen am Neujahrstag, schützt ein Zoo seine Gäste vor wilden Tieren. Doch in dieser Silvesternacht wurde das brennende Gehege den Affen zum Verhängnis. Weder Sprinkler noch Brandmelder waren in dem Tropenhaus von 1975 vorgeschrieben – und daher auch nicht eingebaut. Das Gehege habe regelmässig Brandschutzprüfungen der Feuerwehr bestanden, betont die Sprecherin des Zoos. Und sie erklärt, dass der Nachtdienst auf einem Gelände, das so gross ist wie knapp 20 Fussballfelder, «nicht jederzeit überall sein» könne.

Zumal sich das Feuer rasend schnell ausgebreitet hat, wie Hoppmann sagt. Seine Ermittler untersuchen nun den Kunststoff des Affenhausdaches. «Möglicherweise spielt da auch Laub eine Rolle», sagt der Kommissar: trockene Blätter, die das tödliche Feuer noch angefacht haben könnten.

Der kleine Trost sind nun Bally und Limbo

Der Krefelder Zoo wiederum soll an diesem Wochenende wieder öffnen. «Wir wollen natürlich möglichst einen Katastrophentourismus verhindern», sagt die Sprecherin. Teile des Geländes wolle man absperren, um die Sicht auf die Brandruine einzuschränken. «Wir werden in den nächsten Wochen massiv Trauerarbeit leisten müssen», hatte Zoodirektor Dressen am Neujahrstag angekündigt: seelische Begleitung, etwa für die Tierpfleger. Nach der Katastrophe mussten sie die verbrannten Bewohner des Geheges einzeln identifizieren. In so einem Moment sähen Affen ähnlich aus wie Menschen nach einem Feuertod, erzählt Polizist Hoppmann in einem beklemmenden Moment der Pressekonferenz am Donnerstag.

Der Zoo will seinen Menschenaffen nun einen möglichst würdevollen Abschied bereiten. Doch dürfen Wildtiere aus Gehegen – im Gegensatz zu Haustieren – nicht beerdigt werden. Man habe zwar ein Angebot von einem Tierkrematorium erhalten, sagt die Zoosprecherin, doch habe man die toten Tiere dem Veterinäruntersuchungsamt übergeben müssen. In Krefeld planen sie nun eine Trauerfeier, zumindest für die Beschäftigten des Zoos.

Zwei Schimpansen überlebten das Inferno. Bild: Keystone/DPA/Christoph Reichwein
Zwei Schimpansen überlebten das Inferno. Bild: Keystone/DPA/Christoph Reichwein

Der kleine Trost der Stadt sind nun Bally und Limbo: Tierpfleger und Feuerwehrleute konnten die Schimpansendame und das Schimpansenmädchen in der Silvesternacht aus dem brennenden Tropenhaus befreien. Wie durch ein Wunder hätten sie nur leichte Brandverletzungen, sagt die Zoosprecherin, am Donnerstag hätten sie schon gegessen und getrunken. Die beiden Schimpansen sind vorerst in einem freien Gorillagehege untergekommen. Doch eine Dauerlösung ist das nicht. «Sie werden auf lange Sicht nicht im Krefelder Zoo bleiben», sagt die Sprecherin, «wir haben auch bereits Angebote von befreundeten Zoos bekommen.»

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