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Weshalb der Verwahrte entkommen konnte

Rund um den Neuenburgersee wird immer noch nach dem flüchtigen Mörder und Vergewaltiger gefahndet. Die verantwortliche Haftanstalt sieht sich nun mit massiven Vorwürfen konfrontiert.

Polizisten der Neuenburger Kantonspolizei suchen nach dem Flüchtigen. (28 Juni 2011)
Polizisten der Neuenburger Kantonspolizei suchen nach dem Flüchtigen. (28 Juni 2011)
Keystone
Ein Polizist lässt einen Spürhund an einem Gegenstand schnüffeln, der Jean-Louis B. gehört hat.  (KEYSTONE/Dominic Favre)
Ein Polizist lässt einen Spürhund an einem Gegenstand schnüffeln, der Jean-Louis B. gehört hat. (KEYSTONE/Dominic Favre)
Keystone
Auch diese Sondereinheit ist dabei: Das Lausanner Detachement d'action rapide et de dissuasion (Dard) wurde ursprünglich für Anti-Terror-Einsätze gegründet. (Archivbild 24. Juni 2010)
Auch diese Sondereinheit ist dabei: Das Lausanner Detachement d'action rapide et de dissuasion (Dard) wurde ursprünglich für Anti-Terror-Einsätze gegründet. (Archivbild 24. Juni 2010)
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An der Grenze zwischen den Kantonen Neuenburg und Waadt am Neuenburgersee läuft die Fahndung nach dem gestern entflohenen verwahrten Mörder und Vergewaltiger immer noch auf Hochtouren.

Der Mann war zum Zeitpunkt der Flucht nicht gefesselt gewesen, wie der Waadtländer Polizeisprecher Jean-Christophe Sauterel auf Anfrage sagte. Woher er sein Schneideinstrument hatte, wird noch abgeklärt. Das Nachrichtenmagazin «10vor10» ging nun der Frage nach, weshalb der Straftäter überhaupt fliehen konnte. Christian Margot, Vorsteher des Straf- und Massnahmevollzugs im Kanton Bern, sagt, dass bei Verwahrten die Möglichkeit bestehe, einen begleiteten Ausgang zu bewilligen. Der Ausflug dürfe jedoch nicht länger als fünf Stunden dauern. Die Vollzugseinrichtung bestimme dabei auch über die Sicherheitsvorkehrungen.

Die Gefängnisanstalt Neuville, in der der Triebtäter inhaftiert ist, entschied sich offenbar, den Mann nicht zu fesseln. «Das hätte ich auf keinen Fall gemacht», sagt Margot. Sie hätten die Gefängnisanstalt zuvor noch gewarnt: «Dieser Mann ist gefährlich.» Weshalb sich die Gefängnisanstalt für solch niedrigen Sicherheitsvorkehrungen entschied, wollten die Verantwortlichen gegenüber «10vor10» nicht mitteilen.

40-köpfige Truppe im Einsatz

Die Suche läuft derweil weiter. Es sei «alles in die Hand genommen worden», um den Mann zu fassen, erklärte die Waadtländer Polizei heute. Verschiedenen Berichten zufolge steht eine rund 40-köpfige Truppe im Einsatz. Diese umfasst das Lausanner Sondereinsatzkommando DARD, die Grenzwachtkorps der Schweiz und Frankreichs, die Polizeikorps der Kantone Neuenburg und Waadt sowie der Gemeinden in der Region. Die Schweizer Armee unterstützt die Einsatzkräfte mit einem Superpuma sowie Wärmebildkameras für die Suche in der Nacht, wie ein Sprecher gegenüber Redaktion Tamedia bestätigt. Die französische Armee war ebenfalls mit einem Helikopter an der Aktion beteiligt. Am Boden kamen zudem sechs Suchhunde zum Einsatz.

Nach seiner Flucht am Nachmittag soll der Mann einem Bericht der Online-Ausgabe der Westschweizer Zeitung «LeMatin» zufolge gegen 21 Uhr in einem Rebberg in der Nähe von Concise VD gesichtet worden sein. Die Einsatzkräfte hätten den Ort umgehend umstellt und in den Häusern der Gegend eine Tür-zu-Tür-Suche durchgeführt – ohne Erfolg.

Die eigene Psychologin vergewaltigt

In der Zwischenzeit sind weitere Details zur Person des Flüchtigen bekannt geworden. Wie der «Blick» berichtet, verbrachte der 64-Jährige einen grossen Teil seines Lebens hinter Gittern. So sei er bereits im Jahr 1976 zu einer 12-jährigen Haftstrafe wegen Mordes und Vergewaltigung verurteilt worden.

Einblick in die Persönlichkeit des Mannes gibt eine Episode, die sich laut «Blick» Ende der 80er-Jahre abgespielt haben soll: Der damals 44-Jährige soll im Freigang seine Psychologin vergewaltigt haben, die sich für seine Entlassung in die Halbgefangenschaft eingesetzt hatte.

Unbewaffnete Wächter

Der seit 2009 unter dem Strafvollzugsregime des Kantons Bern verwahrte Mann wird von den Behörden als sehr gefährlich und äusserst gewaltbereit eingeschätzt. Entsprechend werfen die Umstände seiner Flucht Fragen auf. Der Mann war gestern am frühen Nachmittag in Begleitung von zwei unbewaffneten Gefängniswärtern mit dem Auto unterwegs gewesen. Nur wenige Kilometer entfernt von der Strafanstalt Bellevue in Gorgier NE, wo der Mann in Verwahrung ist, verletzte er die eine Aufseherin mit einem bisher unidentifizierten scharfen Gegenstand und flüchtete.

«Restriktive Praxis nötig»

Für den auf politischer Ebene zuständigen Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus (SVP) zeige der Fall die Grenzen des Systems auf. «Das Ziel ist es, die Straftäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren, aber ein Rückfall ist niemals ausgeschlossen», sagte er gegenüber «LeMatin». Dieses neuste Beispiel zeige, dass eine restriktive Praxis nötig sei. Neuhaus erklärte weiter, er werde die Umstände des begleiteten Freiganges für den gefährlichen Täter abklären lassen und die Schlüsse aus den Erkenntnissen ziehen.

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