Zum Hauptinhalt springen

Wenn Lenker auf die falsche Fahrbahn steuern

Diverse Vorsichtsmassnahmen sollen Geisterfahrten verhindern. Trotzdem passieren solche immer wieder. Das sind die Gründe.

Fatale Folgen: Unfall wegen eines Geisterfahrers auf der A12 bei Flamatt FR mit einem Toten und vier Schwerverletzten als Folge. Foto: Kantonspolizei FR/Keystone
Fatale Folgen: Unfall wegen eines Geisterfahrers auf der A12 bei Flamatt FR mit einem Toten und vier Schwerverletzten als Folge. Foto: Kantonspolizei FR/Keystone

Samstag, 8. Februar: Ein 92-jähriger Fahrer knallt auf der A2 bei Rancate TI mit seinem Wagen nacheinander in vier Fahrzeuge. Sechs Personen werden verletzt, der 92-Jährige stirbt noch auf der Unfallstelle. Eine Woche später, am 15. Februar: Ein 82-Jähriger aus dem Kanton Bern verursacht auf der A6 zwischen Bern und Thun gleich mehrere Unfälle. Zwei Personen werden verletzt, der Berner kommt ums Leben. In beiden Fällen waren die Unfallverursacher Pensionäre – und fuhren auf der falschen Strassenseite. Wie konnte das passieren?

Die Gründe fürs Falschfahren sind vielfältig. «Man weiss, dass rund 30 Prozent der Geisterfahrer alkoholisiert sind», erklärt Marc Kipfer, Mediensprecher der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Junge Lenker seien überdurchschnittlich gefährdet, zum Geisterfahrer zu werden. Auch ältere Personen über 70 Jahre – meist ohne Alkohol im Blut – seien übervertreten. Eine Gemeinsamkeit haben viele der Vorfälle: «Sie passieren meist in der Dunkelheit, also abends oder nachts», so Kipfer.

Ausnahmezustand der Fahrer führt zu Kurzschlussreaktionen

Die starke Beteiligung junger und älterer Fahrer bei Geisterfahrten schlägt sich auch in der allgemeinen Unfallstatistik des Astra aus dem Jahr 2018 nieder. Das Bundesamt schreibt: «In Relation zur jeweiligen Einwohnerzahl sind 18- bis 24-Jährige am häufigsten von schweren Unfällen betroffen. Die Gefahr, tödlich zu verunfallen, ist hingegen bei Senioren ab 65 Jahren am höchsten.» Im Gegensatz zu anderen Altersgruppen sei bei Letzteren die Anzahl Schwerverletzter in den vergangenen Jahren zudem deutlich angestiegen.

Neben Alkoholeinfluss und Alter würden aber auch Drogen, Medikamente und die momentane psychische Verfassung bei Geisterfahrten eine wichtige Rolle spielen, sagt der Mediensprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra), Thomas Rohrbach. «Oftmals befinden sich die Leute in einem Ausnahmezustand, was zu Kurzschlussreaktionen führen kann.»

Hälfte aller Falschfahrer wendet auf offener Strecke

Diese Einflussfaktoren führen auch dazu, dass Vorsichtsmassnahmen wie grössere Signale oder eine erhöhte Anzahl Richtungspfeile nur beschränkt Wirkung auf solche Fahrer haben. Sie sind verwirrt, mit den Gedanken woanders oder haben andere Absichten und lassen sich von Warnhinweisen nicht beirren oder schenken ihnen gar nicht erst Beachtung. Die Hälfte aller Falschfahrer fährt laut BfU-Sprecher Kipfer zudem zuerst korrekt, wendet dann aber bei einer Raststätte oder sogar erst auf freier Strecke. Die Gründe für solche Wendemanöver mitten auf der Autobahn blieben häufig unklar, so Kipfer.

Heutzutage würden Autobahnanschlüsse so gebaut oder im Zuge von Sanierungen angepasst, dass falsches Auffahren nur mit Schwierigkeiten möglich sei, sagt Rohrbach. Weitere Massnahmen wie Pneuschlitzer oder Radare, die Falschfahrer erkennen und Warnsignale an die Polizei senden, seien entweder zu gefährlich oder fehleranfällig.

Ein weiterer Problempunkt bei der Implementierung von Vorsichtsmassnahmen laut dem Astra: die ungeheure Grösse des Schweizer Autobahnnetzes. «Es gibt rund 450 Einfahrten, 100 Parkplätze und 40 Raststätten. Das sind rund 600 Möglichkeiten, falsch auf die Autobahn aufzufahren», erklärt Rohrbach.

«Sehr gefährlich»

Unfälle auf der Autobahn, die durch eine Falschfahrt verursacht werden, sind hierzulande relativ selten. Nur gerade sechs Unfälle hat das Astra 2018 auf den Schweizer Autobahnen registriert. Verglichen mit den rund 1682 Autobahnunfällen im selben Jahr entspricht das einem Anteil von etwa 0,36 Prozent.

Oft enden solche Geisterfahrten jedoch tödlich. Im Jahr 2018 ist es gemäss Zahlen der BfU zu einem Todesopfer gekommen. Das entspricht etwa dem Durchschnitt der vorherigen Jahre und einer Sterbewahrscheinlichkeit von knapp über 12 Prozent. Häufig ist es der Geisterfahrer selbst, der dabei ums Leben kommt. Auch Astra-Mediensprecher Rohrbach betont: «Falschfahrerunfälle geschehen zwar relativ selten, aber sie sind sehr gefährlich.»

Tödliche Geisterfahrten oder solche mit Verletzten haben in den letzten Jahren nicht zugenommen, wie die Zahlen der BfU zeigen. Die Entwicklung ist tendenziell sinkend, der Verlauf aber sehr unregelmässig. «Wie oft bei Phänomenen mit kleinen Fallzahlen ist die statistische Streuung von Jahr zu Jahr gross», erklärt BfU-Sprecher Kipfer.

Wer die Autobahn benützen wolle, solle davor immer die Radio-Verkehrsmeldungen («TA-Funktion») einschalten, rät Kipfer. In der Schweiz wurden 2018 rund 93 Geisterfahrmeldungen ausgestrahlt. Im internationalen Vergleich ist das eher wenig. Österreich verzeichnete im selben Jahr etwa 370 solche Warnungen – angesichts der vergleichbaren Bevölkerungsgrösse ein sehr hoher Wert. Deutschland hat mit einer etwa zehnmal so grossen Bevölkerung rund 1900-mal vor Geisterfahrern gewarnt, was im Vergleich zur Population ebenfalls mehr ist als in der Schweiz.

Verkehrsdurchsagen im Radio beachten

Wer sein eigenes Falschfahren bemerkt, solle am Fahrbahnrand anhalten und die Polizei verständigen, rät Rohrbach. Einer Strafe wird der Geisterfahrer wohl nicht entgehen, dafür einem Unfall. Laut Rohrbach gibt es eine Busse und mindestens einen dreimonatigen Führerscheinentzug.

Für die anderen Fahrer auf der Autobahn gelten die Ratschläge, welche Radio SRF in solchen Fällen gibt: Fahren Sie vorsichtig und überholen Sie nicht. Das heisst, im Falle einer Geisterfahrer-Warnung langsam auf der rechten Spur weiterfahren und den Warnblinker einschalten. Wenn möglich, sofort den Polizeinotruf verständigen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch