«Warum stoppten sie ihn nicht mit einem Schuss ins Bein?»

Mitten in New York haben Polizisten vor den Augen von Passanten einen Mann mit mehreren Kugeln erschossen. Er soll sie mit einem Messer bedroht haben. Die Angehörigen des 51-Jährigen kritisieren den Einsatz.

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Vor den Augen zahlreicher Touristen und Passanten haben Polizisten auf dem New Yorker Times Square einen Mann erschossen, der sie bedroht haben soll. Die Polizisten hatten den Mann zunächst kontrollieren wollen, weil er augenscheinlich Haschisch rauchte. Als sie ihn ansprachen, zückte er ein Messer.

US-Medien veröffentlichten von Passanten mit ihren Handykameras gemachte Videos von dem Vorfall. Auf einem auf der Internetseite des TV-Senders NBC gezeigten Video ist zu sehen, wie der in einem weissen T-Shirt gekleidete Mann vor zahlreichen Polizisten zurückweicht, bevor plötzlich ein Dutzend Schüsse und die Schreie der Passanten zu hören sind.

Ein auf der Website der «New York Times» veröffentlichtes Foto eines brasilianischen Touristen zeigt, wie zwei Polizisten ihre Waffen auf den Mann richten, der in seiner Hand offenbar ein Messer hält. Ein Handyvideo auf der Seite zeigt, wie der vor der Polizei zurückweichende Mann von einem Passanten aufgefordert wird, sich auf den Boden zu legen: «Die werden dich erschiessen, Bruder!» Auf den Videos ist zu sehen, wie zahlreiche Passanten mit etwas Sicherheitsabstand den Vorfall filmen.

Mit zwölf Kugeln getötet

Die Polizisten haben sich dem 51-jährigen Mann laut Augenzeugen genähert, weil sie glaubten, er rauche Marihuana. Als sie versuchten, ihn zu verhaften, habe er den Joint in die Tasche gesteckt, ein Messer hervorgeholt und sich ein blaues Tuch um den Kopf gewickelt. Dann sei er vor den Polizisten in Richtung Seventh Avenue geflüchtet.

Dutzende Beamte hätten ihn verfolgt. Es sei ihnen jedoch nicht gelungen, den Mann festzunehmen, weil er sie mit dem Messer bedrohte. Nach Angaben der Polizei konnten die Beamten ihn auch nicht mit Pfefferspray überwältigen. Als der Mann auf die Polizisten zugestürzt sei, hätten sie zwölf Kugeln auf ihn abgefeuert, berichtete NBC. Laut Polizeiangaben haben mindestens sieben der Geschosse getroffen, drei davon in die Brust.

Die Zeugen berichten ausserdem von chaotischen Szenen auf dem Times Square: Viele Gaffer seien stehen geblieben, um den Vorfall zu beobachten. Einige seien den Polizisten und dem flüchtenden Mann sogar gefolgt, um mit ihren Handykameras Videoaufnahmen zu machen. «Wenn sie ihn töten, dann werde ich Bilder davon machen, ich will es auf Band», habe er sich gedacht, wie ein Augenzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur AP sagte.

Polizei nennt den Einsatz «angemessen»

Eine Tante des Erschossenen warf der Polizei einen unangemessenen Einsatz von Gewalt vor: «Man braucht keine zwölf Kugeln, um jemanden zu erschiessen», sagte Margaret Johnson der «New York Daily News». Eine Cousine kritisierte gegenüber dem Nachrichtenportal NBC.com, die Beamten hätten ihren Verwandten auch mit einem Schuss ins Bein oder einen Arm stoppen können. «Ich weiss, dass sie die Menschen beschützen müssen, aber gleichzeitig haben sie einen anderen Menschen getötet.»

Ein Polizeivertreter sagte örtlichen Medien hingegen, die Beamten hätten «angemessen gehandelt». Die Anzahl der abgefeuerten Kugeln sei nicht ungewöhnlich gewesen. Die Zeitung zitiert den Vertreter: «Sie haben getan, wozu sie trainiert waren.» Der Mann sei den Beamten mit dem Messer in der Hand gefährlich nahe gekommen.

Auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg verteidigte das Handeln der Polizisten: «Mit einem Messer auf andere Menschen losgehen – so etwas würde eine gesunde Person nicht machen.»

Zur psychologischen Abklärung in Klinik eingeliefert

Ein Augenzeuge berichtete gegenüber der «New York Times», er habe den Mann schon mehrmals in der Gegend auf dem Times Square gesehen. Er soll manchmal ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Ninjas killed my family» getragen und Touristen um Geld gebeten haben. Er habe sich auch oft selbst als Ninja verkleidet, berichtete der Zeuge.

Die New Yorker Polizei sagte gegenüber dem Nachrichtenportal NBC.com, der 51-Jährige sei zuvor bereits zehn Mal verhaftet worden, sieben Mal wegen dem Besitz von Marihuana. In einem Fall, im Oktober 2008, sei er danach zur psychologischen Abklärung in eine Klinik eingeliefert worden. Nur einen Monat später habe die Polizei ihn wieder festgenommen, weil er Autofahrer und Beamte zwischen Broadway und West 66 Street mit einem Schraubenzieher bedroht habe.

kpn/fko/AFP

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