Zum Hauptinhalt springen

Riverrafting-Guide nach tödlichem Unfall freigesprochen

Das Gericht in Thun hat sein Urteil zum Unglück auf der Saane verkündet, bei dem 2007 ein 15-jähriges Mädchen gestorben war.

Nach einem Bootsunfall auf der Saane ist in Thun ein Riverrafting-Guide vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Die Familie des Opfers werde Berufung einlegen, kündigte deren Anwalt noch im Gerichtssaal an.

Richter Jürg Santschi sah es nicht als erwiesen an, dass der angeklagte Bootsführer seine Sorgfaltspflicht verletzt hatte, wie er bei der Urteilseröffnung ausführte. Er beschäftigte sich im Rahmen des zweitägigen Prozesses vor allem mit der Frage nach genügendem oder ungenügendem Abstand zwischen den beteiligten Booten.

Schulausflug endet in einer Tragödie

Am fraglichen Juli-Tag im Jahr 2007 hatte eine Schulklasse aus dem Kanton Zürich eine Riverrafting-Tour auf der Saane gebucht. Die Schüler waren mit ihren Guides in drei Booten im Konvoi zwischen Gstaad und Château-d'Oex unterwegs.

Im Gebiet der Vanel-Schlucht kam es zum Unfall: Das erste Boot des Konvois fuhr in eine langsamere Strömung und wurde an einen Felsbrocken in der Flussmitte gedrückt. Das nachfolgende Boot fuhr auf und kenterte. Eine 15-jährige Schülerin verfing sich mit der Schwimmweste unter Wasser und konnte erst nach mehreren Minuten geborgen werden. Sie starb später im Spital.

Anders als erwartet

Der angeklagte Guide sagte gestern vor Gericht, er habe gesehen, wie das erste Boot in die langsamere Strömung gefahren sei und plötzlich quer stand. Er habe befürchtet, es werde seitlich an den Felsbrocken gedrückt und würde kentern.

So habe er seinen Kurs in der schnelleren Strömung gehalten, in der Absicht, am gekenterten Boot vorbeizufahren und weiter unten die Schülerinnen und Schüler aus dem Wasser zu fischen.

Doch anders als erwartet, kenterte das vordere Boot nicht, sondern blieb am Felsen hängen und versperrte so die Durchfahrt. Nun konnte der Angeklagte nicht mehr ausweichen, fuhr auf und kenterte seinerseits.

«Schutzbehauptung»

Der Anwalt der Familie des verunglückten Mädchens mochte die Aussagen des Guides nicht glauben. Der Mann tische die Geschichte von der Rettung nach sieben Jahren zum ersten Mal auf. Das sei eine reine Schutzbehauptung. Der Guide habe zu wenig Abstand gehalten und sei deshalb schuld am Tod des Mädchens.

Experten sagten vor Gericht indessen, dass der Guide unter diesen Umständen, wie er sie nun vor Gericht beschrieben habe, nachvollziehbar gehandelt habe. Richter Jürg Santschi gab zu bedenken, dass der Abstand zwischen den Booten im Nachhinein nicht mehr genau festgestellt werden könne. Mindestens «in dubio pro reo» sei der Angeklagte darum freizusprechen.

Richter hält Aussagen für glaubwürdig

Santschi stellte in der Begründung seines Urteils auch auf Aussagen des Guides des ersten Boots ab. Dieser habe nämlich in Befragungen nach dem Unfall gesagt, er sei in die langsamere Strömung gefahren, um den Abstand zu den nachfolgenden Booten zu verringern. Daraus lasse sich ableiten, dass die Boote vor dem Unfall wohl kaum zu wenig Abstand hatten, im Gegenteil.

Dass der angeklagte Guide angesichts der Szenen, die sich in der Folge vor ihm abspielten, befürchtet hatte, das erste Boot könnte kippen und seine Hilfe brauchen, könne ihm nicht angelastet werden.

Die Befürchtung sei nicht aus der Luft gegriffen, führte Santschi aus und verwies auf entsprechende Aussagen, die auch der Guide des ersten Boots nach dem Unfall gemacht hatte. Auch die Experten hielten ein Kentern des ersten Bootes in dieser Situation für durchaus denkbar. Dass der Angeklagte seine Überlegungen unmittelbar vor dem Unfall erst jetzt am Prozess darlegte, sei ihm ebenfalls nicht anzulasten. Der Mann sei nämlich vorher dazu nie eingehend befragt worden.

Mehrere Verfahren eingestellt

Der Richter wandte sich auch an die Familie des Opfers, die den gesamten Prozess in Thun mitverfolgt hatte und das Urteil mit Konsternation entgegennahm. Der Verlust eines Kindes sei etwas ausserordentlich Tragisches, sagte Santschi. Doch auch ein Gerichtsurteil könne nicht etwas ungeschehen machen und der Familie das Kind zurückbringen. Prozess und Urteil seien daher einzig eine Art Vergangenheitsbewältigung.

Dass der Fall erst sieben Jahre nach dem Tod der Schülerin vor Gericht kommt, hat verschiedene Gründe. So wurde etwa zunächst gegen weitere Personen ermittelt, darunter den Geschäftsführer des Tour-Anbieters oder gegen den Lehrer der Schulklasse. Diese Verfahren wurden eingestellt, was die Familie des Mädchens erfolglos bis vor Bundesgericht anfocht.

SDA/ima

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch