Rettung mit dem Staubsauger

Der traditionelle japanische Reiskuchen zum Neujahr bekommt nicht jedem. Alle Jahre wieder ersticken Menschen an Mochi.

Mochi sind klebrig und zäh und können im Hals stecken bleiben. Foto: Getty

Mochi sind klebrig und zäh und können im Hals stecken bleiben. Foto: Getty

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Für viele Japaner beginnt das neue Jahr erst so richtig, wenn sie Mochi gegessen haben. Mochi sind Reiskuchen. Was zum Verzehr von Mochi traditionell auch dazugehört, ist die Gefahr für Leib und Leben. Am Neujahrstag wurden elf Japaner nach dem Mochi-Essen ins Spital gebracht, einer starb. Gut möglich, dass er nicht der Einzige bleibt.

Mochi werden aus gedämpftem Klebreis hergestellt. Traditionell wird die Reismasse mit grossen Holzstösseln in noch grösseren Holzmörsern zerstampft. Zu Neujahr passiert das oft öffentlich an Shinto-Schreinen. Jeder darf ein paarmal schlagen, und nach jedem Stoss wird der Klumpen gewendet. Denn gute Mochi brauchen mindestens 300 harte Schläge. Sagt man. So erhält man einen homogenen Teigklumpen, der in pflaumengrosse Stücke zerteilt und zu Kugeln geformt wird. Zubereitet wird die zähe, klebrige Masse pikant, geröstet und gesüsst. Zum neuen Jahr jedoch müssen es reine Mochi in Zoni sein, einer speziellen Suppe. Und man isst möglichst viele.

Vor allem alte Menschen ersticken

Von den elf Menschen, die an diesem 1. Januar als Mochi-Notfälle ins Spital kamen, waren sieben über 60 Jahre alt, wie die Tokioter Feuerwehr mitteilte – sie ist auch für die Ambulanzen zuständig. Der Verstorbene war über 80. Typischerweise ersticken alte Leute an Mochi, weil ihnen die Masse in der Kehle stecken bleibt. Sie bekommen sie nicht mehr heraus, können sie aber auch nicht runterschlucken.

Es gehört zu den festen Ritualen der japanischen Medien, am 2. Januar mit fast makaberer Lust zu berichten, wie viele Mochi-Notfälle es am Neujahrstag wieder gab. Und wie viele Tote.

Es gibt Hoffnung

In den Jahren 2006 bis 2009 starben im Schnitt pro Jahr sechs Menschen wegen Mochi. Gerne erwähnt wird immer wieder auch jene Frau, die an Neujahr 2001 ihrem greisen Vater ein Mochi mit dem Staubsauger aus dem Hals absog. Und ihm so das Leben rettete.

Die Mochi-Statistik, die es übrigens auch gibt und von der Feuerwehr herausgegeben wird, besagt, dass es im Durchschnitt sieben Mochi-Notfälle im August gibt, dafür 221 im Januar.

2019 fängt insofern gut an, als die Zahl der Mochi-Toten rückläufig ist. Womöglich haben die Merkblätter, die die Feuerwehr verteilt, dazu beigetragen. Auf den Handzetteln ermahnt sie die Bevölkerung, Mochis klein zu schneiden. Und sie gibt Tipps, wie man, wenn doch jemandem ein Mochi im Hals stecken bleibt, Erste Hilfe leistet. Auch ohne Staubsauger.

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