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Notre-Dame schwimmt im Geld

Das Feuerdrama in der Pariser Kathedrale hat eine Flut von Spendenzusagen ausgelöst. Gemäss Bauökonomen ist viel mehr Geld da als für den Wiederaufbau benötigt wird.

Das, was Notre-Dame ausmacht – die Mauern, Pfeiler, die Orgel, die Haupttürme, Rosetten, Kunstschätze, ist alles noch da.
Das, was Notre-Dame ausmacht – die Mauern, Pfeiler, die Orgel, die Haupttürme, Rosetten, Kunstschätze, ist alles noch da.
Keystone

Man könnte meinen, dass die Bilder der lichterloh brennenden Notre-Dame de Paris dramatisch genug sind – nicht jedoch für den meistgesehenen französischen Newssender, BFM TV. Bei einem Grossereignis wie diesem müssen natürlich im Regieraum und bei den Zuschauerinnen und Zuschauern vor den Bildschirmen sämtliche Sicherungen durchbrennen.

Weniger hektisch geht es beim Nachrichtenkanal France Info zu. Hier erweist sich ein Studiogast, ein Historiker der Sorbonne, fast schon als Spielverderber in der Brandnacht: Er verweist darauf, dass das Feuer auf den Dachstock beschränkt sei, und er hoffe doch, dass dies so bleibe. Damit wäre aus seiner Sicht das Schlimmste verhindert. Der Dachstuhl und der eingestürzte Spitzturm, Baujahr circa 1860, liessen sich relativ einfach wieder aufbauen.

Mit einem solch kühlen Kopf kann France Info dem Sender BFM TV natürlich nicht Konkurrenz machen. Also holt man die Politgarde ans Telefon, damit sie ausdrückt, was sie beim Anblick der brennenden Kathedrale empfindet: darunter Ségolène Royal, Ex-Umweltministerin und Ex von Ex-Präsident François Hollande, die «selbstverständlich» zutiefst erschüttert ist. Es folgen weniger bekannte Akteure aus der dritten und vierten Politreihe. Irgendwann scheinen France Info auch diese auszugehen – und man ruft bei Jean-Marie Le Pen an. Der 90-Jährige kennt sich schliesslich aus mit Flammen: Seine Partei, der Front National, hatte eine solche als Logo. Und der alte Faschist nimmt tatsächlich den Hörer ab – Zeit, auf BFM TV umzuschalten.

Eine Milliarde Euro Spenden

Heute wissen wir, dass der kühle Kopf der Sorbonne recht behalten hat. Zerstört sind der über 800-jährige, einzigartige Eichenholz-Dachstuhl, genannt «la forêt», sowie der Spitzturm, «la flèche». Man könnte sagen: Halb so schlimm, zumal die 16 Kupferstatuen des Turms überlebt haben, genauso wie ein schon tot geglaubter Bronze-Hahn, der kürzlich unter den Trümmern geborgen wurde. Das, was Notre-Dame ausmacht – die Mauern, Pfeiler, die Orgel, die Haupttürme, Rosetten, Kunstschätze, ist alles noch da.

Aber «halb so schlimm» klingt hart, fast ketzerisch nach der emotionalen Achterbahnfahrt – gefolgt von einer unglaublichen Grosszügigkeit. Spendenzusagen in Höhe von rund einer Milliarde Euro sind zusammengekommen.

Ob es das Geld braucht, steht auf einem anderen Blatt. Gemäss der Nationalen Vereinigung der Bauökonomen Frankreichs, die am Mittwoch eine Kostenschätzung publizierte, dürfte der Wiederaufbau «nur» 400 bis 600 Millionen Euro kosten. Wohin also mit dem restlichen Geld? Was meinen Sie, Monsieur Le Pen? Oder entpuppt sich dieses Drama, «notre drame», gar noch als «first world problem»?

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