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Vor dem Abschieben streicheln? Was Merkel wirklich sagte

Angela Merkel streichelt ein Flüchtlingskind, die Internetgemeinde schäumt vor Wut. Zu Unrecht, wie eine ungeschnittene Szene nun zeigt.

Quell der Wut: Die geschnittene Szene mit Angela Merkel. (Quelle: Euronews)

«Kalt, kühl, emotionslos» twitterte es über Angela Merkel wie im Blitzkrieg. Was hatte die deutsche Bundeskanzlerin bloss Schlimmes getan? Nun, sie hatte ein Flüchtlingsmädchen gestreichelt. Auf «menschenverachtende» Art und dies erst noch vor laufender Kamera, befanden ihre Kritiker. Liebevoll drücken und gleichzeitig abfällig sein – das ist ein emotionaler Spagat, den man erst einmal fertig bringen muss. Merkel sei es gelungen, befanden auch Zuschauer aus der Schweiz. Mit Schaum vor dem Mund verkündete etwa der Rapper und Hansdampf in allen Gassen Knackeboul:

Jetzt zeigt sich: Die Wut war unberechtigt. Oder zumindest war sie von einer Intensität, die sich nur noch schwerlich rechtfertigen lässt. Denn die ARD zeigte nur einen Teil der Wahrheit. Diese 3,5 Minuten hielten die Sendungsmacher unter Verschluss (hier klicken um Video zu sehen). Es sind entscheidende Szenen, die das Handeln von Merkel in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Die Hauptkritik entlud sich aufgrund folgender Worte: «Das hast du doch prima gemacht.» Merkel sagte es und strich dem libanesischen Mädchen gleichzeitig durch die Haare. Zuvor schilderte die 14-Jährige das schwierige Schicksal ihrer Familie und ihre Angst, wieder aus dem Land gewiesen zu werden.

Der Moderator insistierte darauf beherzt und mahnte die Bundeskanzlerin, dass ihre Worte nun etwas fehl am Platz seien: «Ich glaube, dass es da nicht ums Primamachen geht, sondern dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist.» Der Mob nutzte die Steilvorlage und stimmte mit ein. Der Satiriker Jan Böhmermann – stets an vorderster Front, wenn es um das (Um-)Deuten bedeutungsschwerer Gesten geht – twitterte:

Die ungeschnittene Szene zeigt nun: Das Mädchen wird wohl gar nicht abgeschoben. Seine Familie ist seit längerem in Deutschland und wurde vorübergehend aufgenommen. Merkel sprach der 14-Jährigen gar noch Mut zu:

«Wenn jemand vier Jahre hier ist, dann ist es halt sehr schwer zu sagen, so und jetzt hast du schön Deutsch gelernt, bist integriert, und jetzt stellen wir fest, nach vier Jahren, das ist gar kein richtiger Asylantrag. (...) Dann werden wir überlegen, wie gehen wir mit denen um, die schon viele Jahre hier sind und immer in so einem Zwischenzustand sind, da wollen wir jetzt ein beschleunigtes Verfahren machen, davon könntest du vielleicht auch profitieren.»

Mädchen: «Das finde ich in Ordnung»

Die Meinungen wurden jedoch längst gemacht. Die Social-Media-Plattformen und Newsportale sind geflutet mit emotionalen Äusserungen zum etwas hölzernen Auftritt der Bundeskanzlerin. Durch die Aufregung liess sich die Bundesregierung gar zu einer überhasteten Stellungnahme hinreissen. Auf der Webseite des Bürgerdialogs «Gut Leben in Deutschland» hiess es in der offziellen Stellungnahme zunächst: «Vor lauter Aufregung musste das Mädchen schliesslich weinen und wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch weg. Seit Mittwochvormittag liest sich die Passage leicht abgeändert: «Das Mädchen musste weinen und wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch weg.»

Bei so viel Interpretation und Deutung interessiert die Meinung der Direktbetroffenen natürlich umso mehr: «Sie hat zugehört und hat ihre Meinung dazu gesagt, und das finde ich auch in Ordnung», sagt das Flüchtlingsmädchen heute im ARD-Morgenmagazin. Mit dieser versöhnlichen Geste wäre es nun Zeit, einen aufgebauschten Aufreger ad acta zu legen. Für mehr Publicity ist gar das Sommerloch zu schade.

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