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«Frust reicht als Erklärung nicht aus»

Was bringt eine Person dazu, Amok zu laufen? Ein Einheitsschema gibt es nicht. Zum Glück, meint Psychiater Frank Urbaniok.

Die Polizei hat einen «möglichen Mitwisser» festgenommen: Sicherheitskräfte stehen vor dem McDonalds nahe des Olympia Einkaufszentrums, wo die Schiesserei stattgefunden hat. (23. Juli 2016)
Die Polizei hat einen «möglichen Mitwisser» festgenommen: Sicherheitskräfte stehen vor dem McDonalds nahe des Olympia Einkaufszentrums, wo die Schiesserei stattgefunden hat. (23. Juli 2016)
Sven Hoppe, Keystone
Mehrere tausend Menschen haben am Sonntagabend in München der Opfer des Amoklaufs gedacht. (24. Juli 2016)
Mehrere tausend Menschen haben am Sonntagabend in München der Opfer des Amoklaufs gedacht. (24. Juli 2016)
Josef Hildebrand, Keystone
Polizeihelikopter über München.
Polizeihelikopter über München.
AFP
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Herr Urbaniok, viele Jugendliche haben Probleme in der Schule. Wie viel braucht es, dass aus einem stressigen Schulalltag ein Amoklauf resultiert?

Zunächst möchte ich festhalten, dass solche Fälle wie jener in München äusserst selten sind. Viele Schüler kämpfen mit Problemen im Alltag, dass es aber wirklich zu so einer Gewalttat kommt, setzt das Zusammenspielen vieler individueller Konstellationen voraus. Hier sind vor allem sehr seltene, in der Persönlichkeit verankerte Risikoeigenschaften entscheidend. Das hat meist wenig oder gar nichts mit speziellen Situationen in der Schule zu tun.

Also ist so eine Tat mehr als eine extreme Frustreaktion?

Auf jeden Fall. Frust reicht hier als Erklärung keinesfalls aus. Wenn unspezifische und häufig vorkommende Faktoren eine Erklärung für Massenmorde wären, dann wären sie viel häufiger. Das ist zum Glück nicht der Fall.

Gibt es denn keine generellen Muster, die potenzielle Amokläufer entlarven könnten?

Es gibt nicht den einen Typ Amokläufer. So unterscheiden sich beispielsweise Leibacher, Breivik oder die Schulamoktäter aus Erfurt oder Winnenden in Deutschland sehr stark voneinander. Es handelte sich jeweils um Personen, die durch eine spezielle Kombination sehr extremer Eigenschaften und Verhaltensweisen im Vorfeld gekennzeichnet waren. Manchmal fallen potenzielle Amoktäter dadurch auf, dass sie sich intensiv mit anderen Amokläufen beschäftigen oder sich in auffallender Weise immer häufiger zu solchen Gewalttaten äussern. Ein besonderer Hang zu Waffen, Einzelgängertum oder auch schwere psychische Störungen wie etwa Verfolgungswahn können ebenfalls vorkommen. Aber wie gesagt: Es gibt nicht DEN Täter und deswegen auch kein einfaches Rezept, um potenzielle Täter leicht zu erkennen.

Angenommen ein Lehrer, ein Elternteil oder Freunde bemerken die von Ihnen beschriebenen Eigenschaften bei einem Bekannten: Wie sollten sie reagieren?

Auch dabei hängt die Reaktion von verschiedenen Faktoren ab. In erster Linie zählt der gesunde Menschenverstand. Wie gut kennt man den Verdächtigen? Besteht die Möglichkeit, sich direkt mit ihm auszutauschen? Sollte man besser den Schulpsychologen oder die Polizei verständigen? Meist haben Menschen ein gutes Gespür dafür, wann ein Verhalten so auffallend ist, dass man sich Hilfe suchen sollte.

Der Täter von München hatte sich intensiv mit Amokläufen beschäftigt. Die Polizei glaubt, er habe sich vom Massenmörder Anders Breivik inspirieren lassen. Sind solche Vorbildfunktionen üblich?

So genannte Nachahmetäter gibt es immer wieder. Die Täter informieren sich im Internet über die Vorgehensweisen anderer, lassen sich von deren Selbstinszenierung beeinflussen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema «Hochexpressive Gewalt» stellte sich heraus, dass besonders der Amoklauf von Columbine im Jahr 1999 eine Art Archetyp darstellt. Bei Gewalt-Sympathisanten hat dieses Attentat auf makabere Weise Kultstatus erlangt.

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