Feuergefahr in London: Bewohner wehren sich gegen Räumung

Nach der Brandkatastrophe im Grenfell-Tower werden fünf Hochhäuser evakuiert. Etwa 4000 Menschen sind betroffen.

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Anderthalb Wochen nach der Feuerkatastrophe im Grenfell Tower haben Experten an mindestens 34 Hochhäusern in Grossbritannien leicht entflammbare Aussenfassaden entdeckt. Das teilte die britische Regierung am Samstag in London mit. Betroffen seien unter anderem Manchester, Portsmouth und Plymouth.

Etwa 4000 Menschen mussten schon am Freitagabend ihr Nötigstes packen und vier Hochhäuser im Norden Londons wegen Brandgefahr räumen. Die Feuerwehr hatte dort erhebliche Sicherheitsmängel festgestellt: unter anderem brennbare Fassaden, Fehler bei der Isolierung von Gasleitungen und das Fehlen von Brandschutztüren.

Bewohner weigern sich

«Wir können kein Risiko eingehen», begründete Georgia Gould Bezirksrat von Camden die nächtliche Evakuierung der Wohnanlage. Die Bewohner würden zu ihrer eigenen Sicherheit vorerst in Hotels untergebracht: «Um die Kosten kümmern wir uns später.» Mehr als 80 Bewohner weigerten sich allerdings, ihre Wohnungen in den Gebäuden im Stadtteil Camden zu verlassen. In Interviews sprachen einige Bewohner von einer Überreaktion.

«Zwei frühere Brände in diesem Hochhaus sind doch leicht in Schach gehalten worden», sagte ein Familienvater. Ein 94-Jähriger berichtete den Journalisten, dass er nicht ausreichend Tabletten mit sich genommen habe. «Ich habe für so etwas nicht mehr die Kraft.»

Nach Brand im Grenfell-Tower: Hochhäuser in London werden geräumt. (Video: Tamedia/AFP)

Wegen Feuergefahr würden die Hochhäuser «umgehend geräumt», teilte die Stadtverwaltung im nördlichen Stadtbezirk Camden mit. Die Entscheidung sei nach einer Inspektion der Londoner Feuerwehr getroffen worden. Es bestünden Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Fassadenverkleidung.

«Grenfell ändert alles, und ich glaube nicht, dass wir ein Risiko eingehen sollten», erklärte Behördenvertreterin Georgia Gould. Die Wohnungen würden «sofort» geräumt, es könne «nicht garantiert werden, dass die Menschen sicher sind».

Bewohner in Hotels untergebracht

Die Bewohner mussten ihre Apartments noch am Freitagabend verlassen und sollten unter anderem in Hotels untergebracht werden. Die Arbeiten an den geräumten Gebäuden sollen drei bis vier Wochen dauern, wie Gould sagte.

Die Betroffenen reagierten wütend und verängstigt auf die Vorsichtsmassnahme. Vor der Ansage, dass sie packen und ihre Wohnungen verlassen müssten, sei den Betroffenen keine Zeit gelassen worden, klagte Shirley Philips, eine Bewohnerin in einem der Hochhäuser.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan schrieb auf Facebook von einer «Vorsichtsmassnahme» und bezeichnete die Räumung als den besten Weg, um die Bewohner zu schützen. Eine «Reihe bestimmter Umstände» mache das in diesem Fall notwendig.

79 Menschen gestorben

Bei dem verheerenden Brand im Grenfell-Tower waren in der vergangenen Woche mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen. Das Feuer in dem 24-stöckigen Sozialbau hatte sich rasend schnell über die Fassade ausgebreitet.

Das Material der Aussenverkleidung steht daher im Zentrum der Aufarbeitung der Katastrophe. Als Konsequenz aus dem Unglück hatten die Behörden eine Untersuchung von ähnlich gebauten Hochhäusern in ganz England veranlasst.

Defekter Kühlschrank war Ursache

Die Ursache des schrecklichen Feuers im Grenfell Tower war zuvor gefunden worden. Es habe sich nicht um Brandstiftung gehandelt, sagte Fiona McCormack von Scotland Yard vor Reportern am Freitag. Ein defekter Kühlschrank habe das Feuer ausgelöst.

Die Ermittler erwägen eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Man sehe sich alle Unternehmen an, die am Bau und an der Sanierung des Grenfell Towers beteiligt gewesen seien, hiess es.

mch/oli/fal/sda

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