Er kam in der U-Bahn einem Sextäter auf die Schliche

Daniel Ollert sass neben einem Schüler und las dessen Whatsapp-Dialog mit. Dank seiner Zivilcourage konnte die Polizei einen Mann wegen sexuellen Missbrauchs verhaften.

Daniel Ollert an der Haltestelle Fraunhoferstrasse. Er hat das Leben des 13-jährigen Thomas verändert. Foto: Florian Peljak

Daniel Ollert an der Haltestelle Fraunhoferstrasse. Er hat das Leben des 13-jährigen Thomas verändert. Foto: Florian Peljak

Es ist sein Ritual auf dem Weg zur Arbeit, in der U-Bahn der Linie U 2 in München: die Fussball-App. Schauen, wie TSV 1860 München gespielt hat, wer die Tore gemacht hat. An einem Freitag um halb 9 Uhr morgens im Februar 2018 aber schweift der Blick von Daniel Ollert ab. Einmal. Zweimal. Dann immer wieder.

Ollert ist 31. Er ist Fondsmanager und wohnt im Münchner Stadtteil Maxvorstadt. Von dort aus fährt er jeden Tag vier Stationen mit der U-Bahn in Richtung Innenstadt. Bis zum Hauptbahnhof muss Ollert oft stehen, dann steigen die meisten Menschen aus, und er sucht sich einen Sitzplatz. An diesem Morgen setzt er sich neben einen Jungen, der in dieser Geschichte Thomas heisst und dessen Leben er noch am selben Tag verändern wird.

«Ich kann sogar sagen, an welchem Tag das passiert ist, ich habe ja noch die Screenshots», sagt Ollert und beginnt, in der Aktentasche nach seinem Handy zu suchen. Smartphones spielen eine grosse Rolle in der Geschichte von Daniel Ollert und Thomas. Denn genau sie sind es, die die beiden verbinden am 2. Februar 2018.

Umarmung hinter den Containern

«Ich weiss eigentlich nicht, wieso ich auf den Bildschirm von Thomas' Handy geschaut habe. Aber dann habe ich gesehen, dass er auf Whatsapp mit «Onkel Millie» geschrieben hat und dass dieser Onkel Millie ihn fragte, ob sie sich mal wieder «hinter den Containern umarmen wollen», erzählt Ollert. Die Antwort, die der damals 13-Jährige eintippt, hat nur zwei Buchstaben: o. k.

Georg H. (Name von der Redaktion geändert) wurde am 27. Februar 2019 rechtskräftig von der Strafkammer des Landgerichts München 1 wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in vier Fällen zu acht Jahren Freiheitsstrafe und Unterbringung im Massregelvollzug verurteilt. In der Zeit zwischen September 2017 und Januar 2018 hat der heute 58-Jährige den Jungen mehrmals getroffen. Dabei hat er ­Thomas zu sexuellen Handlungen gezwungen. Er war ein guter Freund der Familie.

Er habe es einfach tun müssen. «Ich war schockiert. Da fragt man sich, in wie vielen Fällen das einfach nicht rauskommt.»

In der U-Bahn starrt Ollert auf den Bildschirm des Jungen, spricht ihn schliesslich an. «Du, wieso umarmt der Onkel Millie dich hinter den Containern und nicht in der Öffentlichkeit? Weiss deine Mutter, dass du dich mit dem triffst?», fragt Ollert. «Nein», sagt Thomas, und fügt dann noch leise hinzu: «Ist besser so.»

Ollert fragt weiter, er kann nicht anders, er muss es tun. Fühlt sich verpflichtet zu handeln, da der Junge die Situation selbst offensichtlich nicht überblicken kann. «Ich war schockiert, dass so eine Geschichte direkt neben mir passiert. So ein Zufall entsteht selten, da fragt man sich, in wie vielen Fällen das einfach nie rauskommt», sagt Ollert. «Er hat mir leidgetan. Da konnte ich nicht einfach wieder wegschauen.» Ollert fragt weiter an diesem Freitagmorgen: «Hat er dich bisher nur umarmt?» – «Ja», sagt der Junge. Inzwischen wird er von den anderen Passagieren beobachtet, fühlt sich fast selbst als «Perversling».

Plötzlich interessiert sich jemand

An der nächsten Haltestelle muss ­Ollert aussteigen, Fraunhoferstrasse, er arbeitet hier gleich um die Ecke. Bevor er aufsteht, fragt er Thomas nach seiner Handynummer. Der Junge fängt sofort an, auf dem Bildschirm seines Smartphones herumzutippen und hält Ollert seine Nummer hin, die er als Kontakt eingespeichert hat. «Sein Name stand über der Nummer, den habe ich mir sofort gemerkt.» Nicht losgelassen hat Ollert «die Art und Weise, wie er mich angeschaut hat. Da war endlich jemand, der sich für ihn interessiert hat.» Eine ­Minute nachdem er ausgestiegen ist, schreibt er Thomas auf Whatsapp.

Sommer 2019, knapp eineinhalb Jahre nach der ersten Begegnung mit Thomas. Wie jeden Tag geht Ollert in der Mittagspause zum Essen in die Altstadt. Rindfleisch und Gemüse mit Joghurtsauce in einem kleinen türkischen Restaurant. Wie immer bestellt er ohne Reis, denn der passt nicht in seine Ernährungsphilosophie. So wie er seine Ernährung kontrolliert, ist Ollert bisher auch durchs Leben ­gegangen: Leistungssport Tennis, ­Matura, Betriebswirtschaftsstudium im Schnellzugtempo, Investmentbank Merrill Lynch in London. An jenem Februarmorgen 2018 entdeckt der Fondsmanager eine andere Seite des Lebens. Nichts ist klar, nichts ist konsequent. Er ist in eine Geschichte hineingeraten, die unberechenbar zu sein scheint.

«Direkt nach dem Aussteigen habe ich dem Buben eine Whatsapp-Nachricht geschrieben: ‹Hi Thomas, hier ist Daniel aus der U-Bahn›, erzählt Ollert heute. Aber der Junge antwortet zunächst nicht. Daniel Ollert ist verunsichert. Er ruft seine Mutter an, erzählt ihr von dem Vorfall. «Dann war ich mir endgültig sicher, dass mein Bauchgefühl richtig war und die Polizei das unbedingt wissen musste», sagt er und lässt den Bildschirm seines Smartphones wieder dunkel werden.

Stefan Degenhardt ist Kriminaloberkommissar des Polizeipräsidiums München und hat den Fall damals betreut. «Der Sachverhalt war zunächst relativ schwammig und hat sich dann sehr schnell und krass weiterentwickelt», sagt Degenhardt. Daniel Ollert habe um 9.30 Uhr bei der Polizeiinspektion angerufen und von der Begegnung mit Thomas erzählt. Den Inhalt der Whats­app-Konversation konnte man zwar nicht als strafbar bewerten. «Aber es gab auf allen Seiten bei uns ein komisches Gefühl», sagt Degenhardt.

Ein enger Freund des Vaters

Er rief noch am selben Tag bei Thomas an, die Handynummer hatte ihm Ollert weitergegeben. Als Thomas abhob, stellte sich Degenhardt vor und bat den Jungen, dessen Mutter ans Telefon zu holen. «Sie beteuerte mir, dass H. ein enger Freund des Vaters sei und Thomas und er sich sehr vertraut seien. Da würden sie sich schon mal umarmen.» Degenhardt macht eine Pause, bevor er weiterspricht: «Wäre H. nicht polizeibekannt gewesen und hätte der Junge ebenfalls ausgesagt, dass alles gut sei, hätte der ganze Fall auch anders ausgehen können.»

Aber Thomas will reden. Mit Ollert. Um 12.35 Uhr antwortet er ihm auf die Whatsapp-Nachricht: «Hi.» Sieben Minuten später: «Wir können jetzt darüber reden.» Neun Minuten später: «Bist du in der Arbeit?»

«Danke das du mir hilfst»

Aber Ollert antwortet nicht. Die Polizei hatte ihn gebeten, nicht auf Thomas' Kontaktversuche einzugehen. Ollert hält sich an die Anweisung. Bis um 15.04 Uhr. Da schreibt Thomas ihm fünf unbeholfene Wörter mit falscher Grammatik, die der 31-Jährige nicht mehr ignorieren kann: «Danke das du mir hilfst.»

Als Degenhardt von dieser Nachricht erfährt, telefoniert auch er noch einmal mit Thomas, fragt ihn, ob er Hilfe benötige. Der Junge bejaht. Am selben Nachmittag fährt der Kriminaloberkommissar mit seinem Team zu Thomas und seiner Mutter nach Hause.

Thomas schreibt ihm fünf unbeholfene Wörter mit falscher Grammatik, die der 31-Jährige nicht mehr ignorieren kann: «Danke das du mir hilfst.»

«Ich glaube, Thomas war dankbar, dass jemand sich seiner annahm», sagt Ollert. «Auch wenn ich ein Fremder war. Irgendwie hatten wir innerhalb dieser zwei U-Bahn-Stationen eine Vertrauensbasis aufgebaut», sagt er. Um 16.30 Uhr, noch vom Büro aus, ruft Ollert Thomas an. «Du, Daniel, die Polizei war bei mir», sagt Thomas. Es ist das Erste, was er am Telefon zu Ollert sagt. Ollert beruhigt ihn: Das sei alles richtig so, er solle sich keine Sorgen machen. Thomas senkt seine Stimme: «Daniel, ich muss dir noch etwas sagen. Ich hatte Sex mit Onkel Millie.»

Zu diesem Zeitpunkt passiert der Zugriff von Degenhardt mit seinem Team bei Georg H. Zuvor war der Kriminaloberkommissar zu Thomas nach Hause in den Münchner Norden gefahren. Auch ihm erzählte der Junge, er habe Sex mit Onkel Millie gehabt. Seine persönliche Aussage wurde der Auslöser für eine vorzeitige Festnahme von Georg H.

Nichte und Stieftochter als Opfer

Die Durchsuchung von H.s Wohnung bringt dann Speichermedien zum Vorschein, auf denen Kinderpornografie zu finden ist. Mehrere Filme davon hatte er selbst gedreht. Auf einem ist ein nacktes Mädchen zu sehen, das im Wald nach seiner Mama weint. Im Hintergrund die Stimme von Georg H., der auf das Mädchen einredet. Auf seine Nichte. Er hatte sie im Jahr 2009 am Rande eines Volksfestes vergewaltigt und dabei gefilmt. Damals, als er bei seinem Bruder in einer Kleinstadt zu Besuch war.

«Seine Nichte konnten wir auf einem der Videos im Rahmen einer Vernehmung H.s identifizieren. Zudem gab es einige Hinweise auf ein weiteres Mädchen», sagt Degenhardt. Wochen später steht fest: Es handelt sich dabei um die ehemalige Stieftochter des Täters. Das Mädchen hatte im Jahr 2004 in der Wohnung von H. übernachtet.

Am 5. September 2019 bekommt Daniel Ollert vom deutschen Innenminister Joachim Herrmann die «Medaille um Verdienste um die innere Sicherheit» verliehen. Vor einiger Zeit begegnete er auf dem Heimweg von der Arbeit in der U-Bahn Thomas und seiner Mutter. Sie haben sich die Hand gegeben.

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