Drogentherapie im Dschungelcamp

Vor zwei Monaten waren sie noch schwer drogenabhängig. Jetzt reisen sie nach Bolivien auf eine Hacienda am Ende der Welt in der Hoffnung, für immer von den Drogen loszukommen.

Politisch korrekt spricht man von «Suchtkranken mit erheblichen Desintegrationsmerkmalen». «Bodensatz der Drogenszene», «hoffnungslose Fälle» sagen unverblümt Urs Hafner, der frühere Leiter der Baselbieter Sucht- und Drogenberatungsstelle, und Jürg Voneschen, Leiter des Wohnheims Erzenberg in Liestal. Neben ihnen sitzt die 42-jährige Desirée, lächelt, als ob sie das nichts angehen würde. Sie aber ist gemeint: seit 20 Jahren in der Drogenszene, unzählige Therapien erfolglos abgebrochen. «In den letzten Jahren habe ich nur konsumiert, Tag und Nacht», sagt sie, «vor drei Monaten lag ich im Spital, mein Leben hing an einem seidenen Faden.»

Neue Perspektiven für die Süchtigen

Seit zwei Monaten ist Desirée clean, am kommenden Sonntag fliegt sie nach Südamerika. Ihr Ziel ist eine Hacienda auf 1200 Metern Höhe in den Ausläufern der Anden, 700 Kilometer südlich von Santa Cruz, 80 Kilometer von der nächsten Kleinstadt entfernt. Die Grenze zu Argentinien ist nicht weit, subtropisches Klima. Die Hacienda gehört Ingo Vargas Weers. Der Deutsch-Bolivianer hat zuerst Agronomie studiert, die Hacienda gekauft und bewirtschaftet und danach Medizin und Psychiatrie studiert in der Schweiz.

Zuerst in Bern, dann in Liestal hat Vargas mit Drogenabhängigen gearbeitet. Die Idee, die Hacienda in ein Rehabilitationszentrum zu wandeln, sei aus einer Frustration heraus geboren worden, sagt Vargas. Mehr als Überlebenshilfe habe er den Schwerstsüchtigen nicht anbieten können. Vargas ist mit seiner Idee an Urs Hafner gelangt, der sofort hell begeistert war. Man müsse den Süchtigen neue Perspektiven aufzeigen, sagt Vargas, sie aus ihrem täglichen Überlebenskampf rausholen, ihrem Leben einen neuen Sinn geben und ihnen das Gefühl von Autonomie vermitteln. «Womit kann man die Abhängigen nochmals motivieren, wofür kann man sie begeistern?» Diese Fragen standen am Anfang des Projektes.

Reise zu sich selbst

Hafner hat sich an Desirée gewandt, hat ihr klargemacht, dass sie einen neuen Weg gehen müsse, wenn sie aus dem Teufelskreis von Drogen, Szene und Therapieabbrüchen rausfinden wolle. Desirée hat die Chance gepackt: «Hier dreht sich alles im Kreis. Manche mögen meine Reise als Flucht ansehen. Das ist nicht so. Bolivien ist eine Reise zu mir selbst. »

Vargas startet das Pilotprojekt in Bolivien zusammen mit einer Praktikantin für Sozialpädagogik und vorerst drei Drogenabhängigen. Alle drei Abhängigen sind clean, auf der Hacienda wird es weder Drogen noch Methadon geben. Es ist ein dorniger Weg, darüber sind sich Desirée wie auch Vargas und Hafner im Klaren. Sie wissen auch, dass sie hier in der Schweiz gegen viele Vorbehalte zu kämpfen haben. Zu wach sind noch die Erinnerungen an die Auswüchse des Drogencamps in Spanien. Aber es gebe Sicherheiten, sagt Hafner. Alle Teilnehmer sind gut versichert. Die Drogenabhängigen haben eine Bezugsperson in der Schweiz, zu der sie ständig Kontakt haben. Als Arzt kann Ingo Vargas auch die medizinische Betreuung garantieren. Schliesslich ist der Förderverein «Pro Piranja» mit Sitz in Basel gegründet worden, der das Projekt auf finanziell gesunde Beine stellen soll und dessen Mitglieder auch prüfen, dass keine Gelder verschwendet werden.

Hochgestecktes Ziel

Nach drei Monaten wird die Gruppe aus Bolivien zurückkehren. Die Teilnehmer können sich dann entscheiden, ob sie ein Integrationsangebot der regionalen Suchthilfe in Anspruch nehmen wollen, oder ob sie zurück nach Bolivien möchten, um mitzuhelfen, das Projekt weiter auszubauen. Denn das Ziel ist hochgesteckt: In Bolivien soll eine selbsttragende Genossenschaft entstehen, die sich zusammen mit der einheimischen Bevölkerung auch im ökologischen Bereich engagiert, sagt Vargas.

Ob Desirée in Bolivien bleiben will? Das wisse sie noch nicht. Wichtig sei für sie heute, dass sie eine Entscheidung getroffen habe.

baz.ch/Newsnet

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