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«Diese Zeichnung ist politisch und nicht antisemitisch»

Ein Karikaturist darf wegen einer umstrittenen Zeichnung nicht mehr für die «Süddeutsche Zeitung» arbeiten. Nun erhält er Rückendeckung vom Berufskollegen Felix Schaad.

Tina Fassbind M
Benjamin Netanyahu am Eurovision Song Contest: Diese Zeichnung führte zum Zerwürfnis.
Benjamin Netanyahu am Eurovision Song Contest: Diese Zeichnung führte zum Zerwürfnis.
Screenshot SZ

Die «Süddeutsche Zeitung» hat sich mit sofortiger Wirkung von ihrem langjährigen Karikaturisten Dieter Hanitzsch getrennt, weil er den israelischen Ministerpräsidenten in der Manier antisemitischer Stereotype dargestellt habe (siehe Box). Hanitzsch bezeichnet seine Kündigung als Überreaktion. Ist es das? Ich sehe das auch so. Ich lese diese Zeichnung nur politisch und nicht antisemitisch. Deshalb kann ich den Rauswurf Hanitzschs nicht nachvollziehen. Mag sein, dass in seiner Karikatur Netanyahus Ohren etwas gross geraten sind. Aber der israelische Ministerpräsident ist eindeutig zu erkennen. Auch die Kritik an der Verwendung des Davidsterns ist übertrieben. Er ist Bestandteil der Flagge Israels. Damit muss man als Karikaturist arbeiten können. Geht es um den Nahostkonflikt, kann man es als Karikaturist nur noch falsch machen. Irgendjemand schreit immer auf.

Also wäre diese Zeichnung auch in der Schweiz nicht publiziert worden? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Es ist aber sicher nachvollziehbar, dass in Deutschland stärker auf eine Karikatur in diesem Spannungsfeld reagiert wird. Eine Sensibilisierung gegenüber Antisemitismus ist auch richtig. Aber bei dieser Zeichnung finde ich das übertrieben. Abgesehen davon hat Hanitzsch schon seit Jahrzehnten für diese Zeitung gezeichnet. Seine politische Haltung wird sich kaum so plötzlich verändert haben.

Die Zeichnung hat innerhalb der Redaktion immerhin für so viel Wirbel gesorgt, dass der SZ-Feuilletonchef gefordert haben soll, bei Karikaturen ganz auf das Stilmittel der Überzeichnung zu verzichten, um rassistischen Stereotype zu vermeiden. Was halten Sie davon? Dann könnte man gleich ganz auf Karikaturen verzichten. Es liegt in ihrem Wesen, Grenzen zu ritzen. Manchmal überschreitet man sie auch. Solche Fehltritte gibt es. Ich bin aber der Meinung, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Form der Satire möglich sein muss. Problematisch werden Karikaturen erst, wenn sie systematisch zur Schmähung eingesetzt werden. Bei den Zeichnungen in der Nazi-Zeitschrift «Der Stürmer» war das so. Hanitzschs Zeichnung ist aber weit davon entfernt.

Wie weit darf oder muss eine Karikatur gehen? Karikaturen sind dann stark, wenn sie einen Missstand aufdecken oder sich gegen Mächtige wenden, die ihre Macht missbrauchen. Damit sie funktioniert, muss sie immer eine nachvollziehbare Botschaft enthalten – man sagt auch, sie soll zur Kenntlichkeit verzerren.

Gibt es so etwas wie eine Schwarze Liste für Sie? Themen oder Personen, von denen Sie die Finger lassen? Bei tragischen Geschichten wie beispielsweise dem Mord von Rupperswil braucht es sicher keine Karikaturen. Als Karikaturist muss man sich generell stets im Klaren darüber sein, mit welcher Keule man hier arbeitet.

Sie sehen in Karikaturen eine Keule? Ja. Deshalb muss man sich wirklich gut überlegen, wie heftig man damit zuschlägt oder wie gross die Keule sein soll. Ein besonders grobes und oft missbrauchtes Geschütz ist es, Menschen zeichnerisch in die Nähe von üblen Personen zu stellen wie beispielsweise Hitler.

Wird Karikaturisten heute stärker auf die Finger geschaut als früher? Seit den islamistischen Anschlägen auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» vor drei Jahren nimmt die Öffentlichkeit die Zeichnungen sicher stärker wahr. Heute verliert man aber auch rascher die Deutungshoheit über sein Werk. Die Darstellungen gehen nach der Publikation über die sozialen Medien in Sekunden um die Welt und werden dabei oft aus ihrem Zusammenhang gerissen. Die ursprüngliche Aussage geht verloren. Trotzdem: Es ist eine sehr breit gefächerte und reizvolle Arbeit. Und ich muss ja zum Glück nicht nur Krieg und Gewalt karikieren.

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