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Die Suche nach den Drahtziehern

Terroristische Organisation oder wirrer Einzeltäter? Die Ermittlungen zu den Bombenanschlägen in Boston laufen auf Hochtouren: «Wir drehen jeden Stein um», sagt ein FBI-Sprecher.

Das FBI sucht zwei Verdächtige und hat Video- und Fotoaufnahmen der beiden veröffentlicht.
Das FBI sucht zwei Verdächtige und hat Video- und Fotoaufnahmen der beiden veröffentlicht.
AP/FBI
Der eine Mann trägt eine graue Baseballmütze und einen schwarzen Rucksack, ...
Der eine Mann trägt eine graue Baseballmütze und einen schwarzen Rucksack, ...
AP/FBI
Trümmer und Blut waren nach der Explosion überall auf der Strasse sichtbar. (15. April 2013)
Trümmer und Blut waren nach der Explosion überall auf der Strasse sichtbar. (15. April 2013)
Keystone
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Der Bombenanschlag von Boston hat weltweit Entsetzen ausgelöst und Ängste vor einer neuen Terrorwelle geschürt. Bei der Explosion von zwei Sprengsätzen während des traditionsreichen Marathons in der US-Ostküstenstadt kamen gestern Nachmittag drei Menschen ums Leben und weit mehr als 100 wurden verletzt. 17 Menschen befinden sich gemäss CNN in kritischem Zustand. (Redaktion Tamedia berichtet laufend).

Nun stellt sich die Frage, wer hinter dem Anschlag steht. Die Ermittlungen, welche das FBI leitet, laufen derzeit auf Hochtouren: «Wir schauen unter jeden Stein, um den Schuldigen zu finden», sagt ein Ermittler gegenüber CNN. Nach den Anschlägen bleiben die Geschäftsstrassen in unmittelbarer Umgebung der beiden Detonationen abgesperrt. Spezialisten suchen am Tatort weiter nach Indizien, die auf die Urheber der Anschläge hindeuten könnten.

Überall sei mit massiver Polizeipräsenz und Sicherheitskontrollen zu rechnen, unter anderem im öffentlichen Nahverkehr, teilte das Amt von Bürgermeister Thomas M. Menino mit. «Wer zur Arbeit geht, wird eine deutlich stärkere Polizeipräsenz sehen. Niemand sollte wegen der Nationalgarde und anderer bewaffneter Beamten alarmiert sein», hiess es in der Mitteilung.

Durchsuchung einer Wohnung

Bereits gestern Abend durchsuchte die Polizei eine Wohnung in einem Vorort der Stadt. Wie der Fernsehsender WBZ-TV am späten Abend berichtete, handelte es sich um ein Appartement im Stadtteil Revere.

Auch wenn die genauen Umstände der Explosionen noch unklar sind – die Bilder von dichtem Rauch, schreienden Passanten und hektischen Rettungskräften weckten in den USA das nationale Trauma der Anschläge vom 11. September 2001. Als Präsident Barack Obama gut drei Stunden nach den Detonationen vor die Kameras trat, vermied er es zwar, das Wort «Terrorismus» in den Mund zu nehmen. Später hiess es aus dem Weissen Haus aber, man behandele die Vorfälle als Terrorismus.

In Obamas Auftritt schwang jene Entschlossenheit mit, mit der Politiker in den USA immer seit dem 11. September 2001 Terrorgefahren entgegentraten. «Wir werden herausfinden, wer das getan hat und warum sie das getan haben», sagte der Präsident mit ernster Miene. «Jedes verantwortliche Individuum, jede verantwortliche Gruppe wird das volle Gewicht der Justiz zu spüren bekommen.» Es ist der erste terroristische Anschlag mit tödlichen Folgen in Obamas Amtszeit.

US-amerikanische Kommentatoren sind sich mehrheitlich einig, dass Obamas Zurückhaltung zur Verwendung des «Terror»-Begriffs gerechtfertigt ist. Der «New Yorker» beschäftigt sich tiefergehend mit der Definitionsproblematik. Das Magazin stellt dabei die Frage, wann die Tat politisch genug ist, um sie als terroristischen Akt zu bezeichnen. Nach dem vermehrten Auftreten von wirren Einzeltätern anstelle von organisierten terroristischen Gruppen, ist die Situation heutzutage mehr als verworren. «Zählen die Killer nur als Terroristen, wenn sie ein gewisses Aussehen oder eine gewisse Herkunft haben?», schreibt der New Yorker.

Zurückhaltende Ermittler

Kurz nachdem die Explosionen im Abstand von nicht einmal 15 Sekunden die Zuschauerzonen vor dem Zieleinlauf verwüstet hatten, schalteten die USA reflexartig in den Terrorabwehr-Modus. Am Bostoner Flughafen wurde der Verkehr vorübergehend eingestellt, in New York und anderen grossen Städten des Landes erhöhten die Behörden umgehend die Sicherheitsvorkehrungen. Der Secret Service sperrte den Touristenbereich vor dem Weissen Haus in Washington ab.

Weltweit herrschte erhöhte Alarmbereitschaft nicht nur bei US-Institutionen. In London erklärte die Polizei, sie prüfe ihr Sicherheitskonzept für den London-Marathon, der am kommenden Sonntag stattfinden soll. Ausserdem werden bereits morgen zahlreiche ranghohe Politiker aus aller Welt zur Beisetzung der früheren Premierministerin Margaret Thatcher in der britischen Hauptstadt erwartet.

Die Ermittler waren dagegen zurückhaltend. «Das sind strafrechtliche Ermittlungen und mögliche Terrorermittlungen», sagte der leitende Agent der Bundespolizei FBI, Rick DesLauriers, bei einer Pressekonferenz. Einzelheiten nannte er mit Verweis auf «laufende Ermittlungen» nicht.

Verdächtiger steht unter Polizeibewachung

Die Polizei hat offenbar einen ersten Verdächtigen ausfindig gemacht. Wie die «New York Post» berichtet, steht ein 20-Jähriger aus Saudiarabien in einem Spital unter Polizeibewachung. Er erlitt bei den Detonationen schwere Verbrennungen. Zudem habe die Polizei Aufnahmen einer Überwachungskamera gesichert, die einen schwarz gekleideten Mann zeigen. Dieser habe mehrere Rucksäcke zum Tatort gebracht.

Die pakistanischen Taliban haben derweil eine Beteiligung an den Anschlägen auf den Boston-Marathon bestritten. Man habe damit nichts zu tun, sagte Taliban-Sprecher Ahsanullah Ahsan heute telefonisch der Nachrichtenagentur AP. Die pakistanischen Taliban sind zwar hauptsächlich im eigenen Land aktiv, haben aber auch mit Anschlägen in den USA gedroht. Zudem haben sie die Verantwortung für einen gescheiterten Autobombenanschlag am New Yorker Times Square 2010 übernommen.

Das FBI will nun offenkundig Schnellschüsse vermeiden – denn spätestens seit dem 11. September 2001 ruft ein Anschlag auf dem Staatsgebiet der USA unweigerlich Spekulationen über eine mögliche Drahtzieherschaft des Terrornetzwerks al-Qaida oder verbrüderter Gruppen hervor. Die Attacke mit fast 3000 Todesopfern, bei denen Al-Qaida-Anhänger das einst stolze World Trade Center in New York mit gekaperten Passagierflugzeugen zum Einsturz brachten, hat sich tief in die kollektive Psyche des Landes eingegraben.

Auch Inlandsterrorismus möglich

Das Jahrzehnt nach 9/11 war geprägt vom Krieg gegen den Terrorismus in der Ferne und der Furcht vor einem erneuten Anschlag an der Heimatfront. Mehrfach entgingen die USA einem Attentat. Besonders knapp war es etwa beim sogenannten Unterhosenbomber, der an Weihnachten 2009 fast ein Passagierflugzeug über Detroit sprengte, und bei dem vereitelten Autobombenanschlag im Mai 2010 am New Yorker Times Square. Doch nach der Tötung von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden vor zwei Jahren nahm die Terrorangst in den USA nach und nach ab.

Die Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat, Dianne Feinstein, hält nun eine Terrorattacke in Boston für wahrscheinlich – es wäre der schwerste Anschlag auf US-Boden seit dem 11. September 2001. Allerdings sei unklar, ob es sich bei den Tätern um eine ausländische Terrorgruppe handle, sagte Feinstein. Denn die USA haben auch eine Tradition des Inlandsterrorismus: Im April 1995 sprengte der Armeeveteran Timothy McVeigh ein Gebäude von Bundesbehörden in Oklahoma City in die Luft, 168 Menschen kamen ums Leben. Angetrieben wurde er offenbar vom Hass auf die Regierung in Washington.

Die «New York Times» berichtet zudem, dass die Sprengsätze von Boston offenbar jener Bombe ähneln, die 1996 während der Olympischen Spiele in Atlanta gezündet wurde. Damals tötete die Explosion einer Rohrbombe zwei Menschen und verletzte mehr als hundert.

sda/AFP/AP/rbi/fko/mrs

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