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Die perfide Masche des «Teddybärs»

Der Sozialtherapeut H. S. wirkte nett und engagiert. Und er baute zu seinen Opfern raffiniert eine Vertrauensbeziehung auf – um diese zu missbrauchen.

Sozialtherapeut H.S.  im Jahr 2009.
Sozialtherapeut H.S. im Jahr 2009.
zvg
In seiner Wohnung im obersten Stock dieses Geschäftshauses in Interlaken schmiedete H.S. neue Pläne.B
In seiner Wohnung im obersten Stock dieses Geschäftshauses in Interlaken schmiedete H.S. neue Pläne.B
Bruno Petroni
H.S. gestand 114 Übergriffe auf wehrlose Opfer.Opfer. Missbrauch.
H.S. gestand 114 Übergriffe auf wehrlose Opfer.Opfer. Missbrauch.
TeleBärn
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Im wohl grössten Missbrauchsfall der Schweiz werden immer mehr Details über den Täter bekannt. Heimleiter, Ermittler, Arbeitskollegen und Opfer machen Aussagen, aus denen sich Persönlichkeit und Verhalten des Sozialtherapeuten H. S. erahnen lassen. Der 54-Jährige, der mindestens 114 Behinderte und Kinder missbrauchte, sei ein spezieller, schwieriger Mensch, sagte Ueli Affolter, Geschäftsleiter des Verbands der Berner Heime, an einer Medienkonferenz.

Er beschrieb H. S. aber auch als liebenswürdigen Tollpatsch. Der Sozialtherapeut hinterliess oft einen überwiegend positiven Eindruck, wie ehemalige Arbeitskollegen berichten.

«Immer nett und hilfsbereit»

Laut einem «Blick»-Bericht erwähnt eine frühere Arbeitskollegin, dass H. S. «immer nett und hilfsbereit» gewesen sei. Er habe gerne Nachtschichten übernommen. «Für die Jugendlichen war er wie ein Teddybär.»

H. S. verstand es offensichtlich, Sympathie bei seinen späteren Opfern zu wecken. Er bemühte sich auch, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, indem er viel Zeit mit ihnen verbrachte. Dies geschah zum Beispiel im Fall des 19-jährigen Reto, wie der «Blick» berichtet. Zirkus, Shopping, Konzerte, Theater oder Fasnacht – all dies war Teil der Masche des pädophilen Sozialtherapeuten. «Er war immer nett. Nur ein paar Mal hat er mir wehgetan. Einmal kam er in der Nacht in mein Zimmer. Er zog wegen dem Vollmond die Läden zu. Und dann war es nicht schön», erzählt das Opfer dem «Blick».

«Beliebt, sogar überdurchschnittlich»

H. S. wurde in seiner fast 30-jährigen Laufbahn zweimal entlassen, weil es Konflikte mit den Vorgesetzten gegeben hatte, so zum Beispiel in der Nathalie-Stiftung im Berner Vorort Gümligen. Doch auch dort hinterliess er einen guten Eindruck – bis der Missbrauchsskandal vor ein paar Tagen aufflog. «H. S. war beliebt, sogar überdurchschnittlich. Er war empathisch und engagiert, ein stiller Schaffer», sagte Toni Matti, Bereichsleiter Beratungsstellen in der Nathalie-Stiftung, in einem Interview mit «20 Minuten online». «Aber heute wissen wir: Es war alles Hinterlist.»

Nach Angaben der Berner Strafverfolgungsbehörden erfolgten die sexuellen Übergriffe mehrheitlich in Heimen, aber auch zu Hause und in Hallenbädern. Während der Nachtwache oder bei der Intimpflege betastete H. S. seine Opfer an den Geschlechtsteilen. Es kam auch zu oralem Verkehr und analem Missbrauch. Der Sozialtherapeut ging gezielt vor, damit die Übergriffe nicht bemerkt wurden. Gemäss den Ermittlungen wartete H. S. ab, bis er allein mit den Opfern war, und kaschierte die Missbräuche, indem er den Opfern Ersatzwäsche anzog. Laut Medienberichten soll der Täter seine Opfer eingeschüchtert haben, damit diese nichts über die Verbrechen sagen.

«Wie ein Hecht im Karpfenteich»

Besonders perfid war, dass sich H. S. insbesondere die schwächsten Heimbewohner aussuchte, also Menschen, die auf Grund von Behinderungen nicht oder nur schlecht sprechen können. H. S. habe ein leichtes Spiel gehabt, sagte Frank Urbaniok, Gerichtspsychiater im Zürcher Amt für Justizvollzug, in einem Bericht von «20 Minuten». «Der Täter konnte sich wie ein Hecht im Karpfenteich bewegen und die Schwachheit und Ohnmacht der Kinder für seine Zwecke skrupellos ausnutzen.»

Der 54-jährige Sozialtherapeut hat gestanden, dass er sich in den letzten drei Jahrzehnten an 114 Heimbewohnern und Kindern vergangen hatte. Der Grossteil der Missbrauchsfälle in neun Heimen in den Kantonen Bern, Aargau, Appenzell Ausserrhoden und in Süddeutschland sind verjährt. 33 Fälle können noch strafrechtlich verfolgt werden.

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