Der Versuch, einen Vampir zu töten

Das New Yorker Viertel Little Italy war einst die Hochburg des organisierten Verbrechens. Heute findet man dort teure Läden, edle Restaurants. Doch die Mafia ist nicht völlig verschwunden.

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Einst war Little Italy das Revier berüchtigter Mafia-Bosse. Heute ist das ehemalige italienische Stadtviertel in Manhattan das, was man gentrifiziert nennt: Boutiquen, Kunstgalerien und Cafés locken Touristen an. Und ein Mobster wie Eugene «Rooster» O'Norfio, der sich selbst als Kopf der Mulberry Street Crew bezeichnet, zieht allenfalls noch Spott auf sich: «Rooster wer?» fragen die New Yorker.

«Ich wusste nicht mal, dass er existiert», sagt Joseph Scelsa, der seit acht Jahren das Italienisch-Amerikanische Museum in der Mulberry Street leitet. Der 74-jährige O'Norfio aus East Haven im US-Staat Connecticut steht unter anderem wegen Kreditwuchers vor Gericht. Zwar legt die Anklage nahe, dass es das organisierte Verbrechen in Little Italy noch gibt. Doch wer die Mulberry Street besucht, hat grössere Chancen, 400 Dollar für ein Paar Designerschuhe auszugeben als einem Mafioso zu begegnen.

«Die anschaulichen Namen sind geblieben. Aber sie kontrollieren nicht mehr in derselben Weise die Geschäftswelt», sagt der Anwalt Randy Maestro über die Gangsterbosse von heute.

Elektronische Überwachung, um Clan-Chef zu überführen

Maestro stand in den 1990er Jahren als Mitarbeiter des damaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani im Kampf gegen das organisierte Verbrechen an vorderster Front. Es war die Zeit von Mafiabossen wie John «Dapper Don» Gotti und Vincent «Chin» Gigante. Eine Zeit, in der die Ermittler Gottis Hauptquartier in Little Italy, den Ravenite Club in der Mulberry Street, elektronisch überwachten, um das Oberhaupt der Gambino-Familie hochgehen zu lassen. Eine Zeit, in der Gigantes Genovese-Familie das jährlich stattfindende italo-amerikanische Strassenfest «Feast of San Gennaro» im Würgegriff hatte. Sowohl Gotti als auch Gigante starben im Gefängnis.

Heute ist all das Geschichte. Und das dürfte in erster Linie Kräften zu verdanken sein, die sehr viel mehr Macht haben als das FBI. Das «Ravenite» ist jetzt eine Boutique für Schuhe aus Handarbeit. Es liegt im nördlichen Teil von Little Italy, der lange Zeit als «Nolita» bekannt war. Hier trifft man sich zum Brunchen in trendigen Restaurants, kauft in teuren Boutiquen ein oder besucht exklusive Kunstgalerien. Vom einst typisch italienischen Charakter des Viertels ist nicht mehr viel geblieben.

«Das widert mich wirklich an» Umso überraschter sind die Einheimischen wie Scelsa angesichts der Vorwürfe gegen O'Norfio. «Das widert mich wirklich an», sagt Scelsa, dessen Museum an die Errungenschaften der Italo-Amerikaner erinnert. Er sieht in dem Fall das unsichtbare Überbleibsel einer vergangenen Ära, in der Gangster mit der sogenannten Black Hand, einer speziellen Form der Erpressung, das Viertel terrorisierten. «Hätte ich gewusst, dass es so was noch gibt, hätte ich nicht die Mulberry Street als Standort gewählt», sagt Scelsa.

Nach Ansicht des ehemaligen Staatsanwalts James Walden kämpft das organisierte Verbrechen heute ums Überleben, indem es sich breiter aufstellt. Die Ermittlungsbehörden müssten wachsam bleiben: «Der Versuch, die Cosa Nostra zu eliminieren», sagt Walden, «gleicht dem Versuch, einen Vampir zu töten.»

baz.ch/Newsnet

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