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Der Rettungsheli ist kein Taxi

Berggänger brechen mit Handy statt Karte und Kompass auf. Und rufen immer öfter die Retter, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

«Retter, nicht Richter»: Ein Rega-Helikopter im Einsatz.
«Retter, nicht Richter»: Ein Rega-Helikopter im Einsatz.
Keystone

In den Schweizer Bergen steigt seit Jahren die Zahl von Personen, die in eine Notlage geraten. Die stärkste Zunahme im Mehrjahresvergleich zeigt die Notfallstatistik des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) bei Bergwanderern. 2003 registrierte der SAC rund 600 solche Fälle. In den vergangenen Jahren waren es bereits rund 1000. Laut dem Berner Oberländer Bergführer und Leiter der SAC-Fachgruppe Sicherheit im Bergsport, Ueli Mosimann, nehmen die Notfälle einerseits zu, weil immer mehr Leute in den Bergen unterwegs sind. Anderseits erlaubt das Handy, das bald jeder Berggänger im Sack hat, Hilfe von Orten aus anzufordern, wo dies früher unmöglich war.

Zu spätes Aufbrechen

Der Hilferuf per Handy hat für die Retter viele Vorteile. Sie können mit den Berggängern in Not telefonieren, erfahren so den genauen Standort und können abschätzen, mit welchem Material sie ausrücken müssen. Das Handy in den Bergen hat aber auch Nachteile: Es verleite Berggänger dazu, «die Option eines jederzeit möglichen Hilferufes bereits bei der Tourenplanung mit einzubeziehen», schrieb Mosimann kürzlich in der SAC-Zeitschrift «Die Alpen». Der Bergführer beobachtet zum Beispiel im Jungfraugebiet vermehrt, dass Seilschaften zu spät zu Hochtouren aufbrechen. Die Folge kann sein, dass sie am späten Nachmittag den Rettungsheli anfordern, weil sie den Abstieg vor Einbruch der Dunkelheit nicht schaffen. «Mehr und mehr wird die Bergrettung wegen eines unrealistischen Zeitbudgets um nächtliche ‹Taxidienste› gebeten», klagt Mosimann.

Auch sein Kollege Marco Salis, Leiter der Bündner Alpinpolizei und Rettungschef der SAC-Sektion Bernina, sagt, seine Retter müssten häufig zu vorbeugenden Einsätzen ausrücken. «Je länger je mehr kommt es vor, dass Berggänger uns anrufen, weil sie erschöpft sind oder nichts mehr zu trinken haben.» In der Alarmzentrale schüttelt man über fahrlässige Notfälle den Kopf. Dennoch rücken die Retter aus, weil sie einen möglichen, schwerwiegenden Folgeunfall nicht riskieren wollen.

Erfolgt ein Hilferuf gegen Abend, wägt die Air Zermatt ab zwischen dem Risiko, dass der Berggänger grösseren Schaden nimmt, und dem Risiko eines Nachtfluges für den Helipiloten und die Retter. «Wenn der Rettungsarzt sagt, den müssen wir holen, rücken wir aus», sagt Flugbetriebsleiter Gerold Biner. Andernfalls sage man dem Hilferufenden, er solle sich für die Nacht warm anziehen und die Nachtstunden ausharren, im Morgengrauen werde ihn der Heli abholen.

«Retter nicht Richter»

Die Rega klärt weder vor noch nach einem Einsatz ab, ob jemand fahrlässig in Bergnot geraten ist. «Wir helfen Menschen in Not. Wir sind Retter, nicht Richter», sagt Kommunikationschef Sascha Hardegger. Hinterher prüfe man, ob eine Versicherung die Kosten des Einsatzes trage. Ist dies nicht der Fall, erlässt die Rega ihren Gönnern die Kosten des Einsatzes. Nichtgönner müssen die Rechnung selbst bezahlen.

Seit einem Bundesgerichtsentscheid von 2009 sind die Suva und die Krankenversicherungen bei der Übernahme der Rettungskosten restriktiver geworden. Ruft ein unverletzter Berggänger den Heli, weil er erschöpft ist, sich verirrt hat oder weil das Wetter umgeschlagen hat, müssen die Versicherungen nicht zahlen. Stürzt ein gegen Nichtbetriebsunfall Versicherter in eine Gletscherspalte, trägt die Suva dagegen die Kosten, auch wenn ihn die Retter unverletzt bergen.

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