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«Bis der Körper nicht mehr kann»

Der Mann auf dem Basler Hausdach befindet sich in einer lebensbedrohlichen Extremsituation. Der Psychiater Joachim Küchenhoff erklärt, mit welchen Folgen zu rechnen ist.

Herr Küchenhoff, was kann der Auslöser für eine solche Situation sein, in die sich der Mann auf dem Basler Hausdach hineinmanövriert hat? Man kann in jedem Fall sagen, dass es eine existenzielle Verzweiflung ist, die den Mann motiviert. Er hat da oben wohl gar nichts zu sich genommen und steht auf dem Dach völlig exponiert und alleine. Es ist eine lebensbedrohende Situation – selbst wenn der Mann Dachdecker wäre. So etwas macht ein Mensch nur in äusserster Bedrängnis. Die Motive für so ein Verhalten können aus psychiatrischer Sicht unterschiedlich sein. Es kann beispielsweise ein Gefühl von Verfolgung sein, wie es etwa im Zusammenhang mit wahnhaften Störungen auftaucht. Dabei hat ein Mensch so stark das Gefühl beeinträchtigt, bedrängt oder verfolgt zu werden, dass er nicht mehr weiss, wohin er sich in Sicherheit oder in Abgrenzung zu Anderen bringen kann.

Wie sieht so ein Mensch die Welt?Er nimmt die Welt als ganz feindselig wahr. Im speziellen Fall hilft offenbar nicht einmal das Zureden der Familienangehörigen. Hier scheint ein radikaler Vertrauensverlust vorzuliegen. Das ist typisch für psychotische Störungen. Da ich den Fall nur aus den Medien kenne, kann ich ihn natürlich nicht abschliessend beurteilen. Eine solche Störung ist nur eine der Möglichkeiten. Es gibt auch andere psychiatrische Leiden, die in Frage kämen. Zum Beispiel eine manische Störung, bei der ein Mensch depressiv oder manisch werden kann, wo er dann in einem sogenannten Antriebsüberschuss auch sehr gewagte Dinge tun kann. Hier kann der Patient die Folgen seines Handelns nicht mehr einschätzen. Er entwickelt ein Hochgefühl, in dem er keine Rücksicht auf gegebene (physikalische) Grenzen nimmt. Allerdings scheint der Herr – aus der Distanz betrachtet – eher kein Hochgefühl zu erleben, da er herumschreit und Dinge hinunter wirft. Eine dritte – in diesem Fall auch eher unwahrscheinliche – Möglichkeit wäre ein Patient, der das tut, um in erster Linie auf sich aufmerksam zu machen. Auch das wäre ein Akt der Verzweiflung.

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