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Anklage fordert Haft und 2 Mio Euro von Prinzessinnen

Weil sie mehr als 20 Angestellte wie Sklaven gehalten haben, verlangen die Ankläger eine Haft- und hohe Geldstrafe für Sheikha Hamda Alnehayan und ihre sieben Töchter.

Von den Angeklagten erschien niemand vor Gericht: Eine der Bediensteten (2.v.r.) betritt den Gerichtssaal. (11. Mai 2017)
Von den Angeklagten erschien niemand vor Gericht: Eine der Bediensteten (2.v.r.) betritt den Gerichtssaal. (11. Mai 2017)
Dirk Waem, Keystone

Haft und eine Geldstrafe von insgesamt fast 1,9 Millionen Euro haben die Ankläger im Brüsseler Prozess gegen acht arabische Prinzessinnen gefordert. Das Gericht solle die Witwe eines Scheichs, sieben ihrer Töchter und einen Verwalter zu jeweils 18 Monaten Haft verurteilen, sagte der Anklagevertreter Henri Funck heute nach Angaben der Nachrichtenagentur Belga.

Funck sah es als erwiesen an, dass die Angeklagten in den Jahren 2007 und 2008 mehr als 20 Frauen in einem Brüsseler Luxushotel als Dienst- und Kindermädchen ausgebeutet hätten. Sie müssen sich wegen Menschenhandels, Freiheitsberaubung sowie unmenschlicher und erniedrigender Behandlung ihrer Opfer verantworten.

Haftbar sei ein Unternehmen

Die Verteidiger verlangten Freisprüche für ihre Mandanten, die selbst nicht zu dem Prozess erschienen waren. Sie argumentierten, das Unternehmen «Private Department» habe die Arbeitsverträge mit den Betroffenen abgeschlossen und sei deshalb auch rechtlich für deren Behandlung verantwortlich.

Anwälte der Nebenklage hatten zum Prozessauftakt am Donnerstag allerdings dargelegt, dass Mitglieder der Scheichfamilie – unter ihnen die Angeklagten – als Eigner eben dieses Unternehmens eingetragen seien.

Die Verteidiger der Prinzessinnen warfen einigen Beschäftigten laut Belga zudem vor, die Ereignisse weit übertrieben dargestellt zu haben. Die Köchinnen, Dienst- und Kindermädchen hatten nach Darstellung der Nebenklage rund um die Uhr und ohne freien Tag die Wünsche der Prinzessinnen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erfüllen müssen.

Sie hätten die auf Jahresbasis angemietete vierte Etage des Luxushotels nicht verlassen dürfen, hätten während ihres Aufenthalts in Brüssel keinen Lohn bekommen und ihre Pässe abgeben müssen. Der Fall kam ans Licht, als einige Frauen trotz strenger Bewachung fliehen konnten und sich an die Behörden wandten.

Opfer moderner Sklaverei

Ihr Schicksal hatte 2008 über Belgien hinaus Aufsehen erregt, ist aber beileibe kein Einzelfall. Fast 21 Millionen Menschen sind nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) weltweit Opfer moderner Sklaverei, darunter 11,4 Millionen Frauen und Mädchen.

19 Millionen würden von Privatleuten oder Unternehmen zu Arbeiten im Haushalt, in der Landwirtschaft, in Fabriken und auf Baustellen oder zur Unterhaltung gezwungen. Fast ein Viertel dieser 19 Millionen wiederum werde sexuell ausgebeutet. Selten erfährt eine grössere Öffentlichkeit etwas vom Schicksal dieser Sklavenarmee. Mal landet ein britischer Rentner vor Gericht, der ein behindertes Mädchen aus Pakistan zehn Jahre lang zu erzwungenem Sex und Hausarbeit im Keller gefangen hielt. Mal verurteilen Richter in London einen Prinzen aus Saudiarabien wegen Mordes an seinem Diener zu lebenslanger Haft.

Ein andermal findet ein Arzt 23 Nägel im Körper einer Frau aus Sri Lanka, die ihre saudischen Arbeitgeber ihr bei jeder Klage über unmenschliche Arbeitsbedingungen ins Fleisch rammten: «Teufel ohne einen Funken Mitleid» seien ihre Peiniger gewesen, sagte das ehemalige Dienstmädchen laut «Arab News».

Nie alleine aus dem Haus

Die wenigen bekannt gewordenen Fälle beschränken sich nicht auf ferne Länder: «Seit vier Jahren war ich nicht beim Arzt, ich durfte nie allein raus, ich habe immer nur gearbeitet, ich habe keinen Lohn bekommen», erzählte eine 52-Jährige aus Ghana im vergangenen Jahr von ihrem Dasein in einem Berliner Diplomatenhaushalt. Sie fand Hilfe in einer Beratungsstelle gegen Menschenhandel.

Und 2013 erstritt eine damals 33-jährige Indonesierin vor Gericht 35'000 Euro für 19 Monate sklavenähnliche Tätigkeit als Haushaltshilfe eines arabischen Attachés in Berlin; der Prozess war erst möglich geworden, als der Mann ausreiste und damit seine Immunität als Diplomat verlor.

SDA/nag

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