Wer nicht spurte, wurde verprügelt oder vergewaltigt

Vier Roma-Zuhälter, die Prostituierte vom Zürcher Sihlquai misshandelt und ausgebeutet haben sollen, stehen vor Gericht. baz.ch/Newsnet berichtet ab 8.30 Uhr über den Prozess am Zürcher Bezirksgericht.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Die Anklageschrift gegen die Männer, die Frauen auf den Strassenstrich am Zürcher Sihlquai schickten, ist schockierend. Es geht nicht nur um Menschenhandel, Förderung der Prostitution und Ausbeutung, sondern auch um Messerattacken, Morddrohungen, Nötigung, Schläge, Vergewaltigung und Schändung mit verschiedensten Gegenständen. Zum Prozess am Zürcher Bezirksgericht kommt es, weil 16 Prostituierte im Alter von 17 bis 42 Jahren gegen die vier mutmasslichen Zuhälter ausgesagt haben. Die 30- bis 41-jährigen Männer stammen aus der Roma-Ethnie in Ungarn - wie die meisten Frauen, die am Strassenstrich am Zürcher Sihlquai anschaffen.

Mitangeklagt ist auch eine Prostituierte, die für ihren Zuhälter «Aufpasserdienste» auf dem Strassenstrich leistete. Ihr wirft die Staatsanwaltschaft Gehilfenschaft zu Menschenhandel und Förderung der Prostitution vor. Die Vorfälle, die das Zürcher Bezirksgericht zu beurteilen hat, passierten in den Jahren 2007 und 2008.

Sadistische Methoden

Die Anklageschrift bietet einen Einblick in das brutale Geschäft der Strassenprostitution am Sihlquai. Sie zeigt, wie die Zuhälter die Frauen quasi als Eigentum behandelten und für Summen von 800 bis 7000 Franken untereinander verkauften. Die Prostituierten wurden systematisch unter Druck gesetzt und mit sadistischen Methoden gefügig gemacht. Auf Befehl der Zuhälter mussten die Frauen auch ungeschützten Sex anbieten. Wer nicht spurte, musste noch mehr leiden.

Zwei schwangere Dirnen erlitten einen Abort, nachdem sie von ihren Zuhältern mit Faustschlägen und Fusstritten in den Bauch misshandelten worden waren. Die Anklageschrift schildert viele Beispiele von Sadismus. In einem Fall wollte ein Zuhälter einer Frau mit Javelwasser die Scheide verätzen. Sie entkam zwar dieser Tortur, ihr Peiniger verletzte sie jedoch mit einem Messer am Oberschenkel. Einem der Opfer wurde nach der Flucht in die Heimat gedroht, die kleine Tochter werde vergewaltigt.

Falsche Versprechen

Die meisten Opfer stammen aus ärmlichen Verhältnissen in Ungarn, und sie hatten weder Geld noch Arbeit. Die Frauen wurden mit falschen Versprechen in die Schweiz gelockt, wo sie angeblich als Babysitter oder Raumpflegerinnen arbeiten sollten. In der Schweiz angekommen und wegen der Reisekosten verschuldet, realisierten die Frauen rasch, dass die scheinbar hilfsbereiten Männer sie zur Prostitution zwingen würden. Von den Tageseinnahmen in der Höhe von 200 bis 700 Franken blieb meist nicht viel übrig, weil die Zuhälter kräftig mitkassierten und allerlei Abgaben verlangten.

Die teilweise geständigen Angeklagten sitzen seit zwei Jahren in Untersuchungshaft. Die angeklagte Prostituierte verbüsste zweieinhalb Monate in U-Haft. Die Strafanträge für die mutmasslichen Zuhälter gibt die Staatsanwaltschaft erst an der heute Morgen beginnenden Gerichtsverhandlung bekannt. Der Prozess dauert zwei Tage.

baz.ch/Newsnet

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