«So wird jeder Bär zum Risikobär»

Der Zoologe Jörg Hess sieht in unserem Verhältnis zu Wildtieren die Hauptursache, dass sich Bären in der Schweiz so schwertun. Die Bevölkerung müsse lernen, mit dem Bären umzugehen.

«Wir wollen uns mit der gleichen Akribie um das freundliche Element des Bären kümmern», sagt Jörg Hess: Bär M13 im Oberengadin im April 2012.

«Wir wollen uns mit der gleichen Akribie um das freundliche Element des Bären kümmern», sagt Jörg Hess: Bär M13 im Oberengadin im April 2012.

(Bild: Keystone Mario Riatsch)

Res Strehle@resstrehle

Der Braunbär M13 wurde als Risikobär erschossen – richtig? Ich bin kein Bärenspezialist, aber es schockiert mich immer etwas, wenn ich so was höre. Wir tun uns nach wie vor sehr schwer, mit wieder angesiedelten Wildtieren in der Schweiz zusammenzuleben. Sobald uns ein Wildtier stört, muss es weg. Umgekehrt wird jeder Bau einer neuen Skipiste sofort bewilligt.

Der Mensch im Mittelpunkt – das sagte schon Gottlieb Duttweiler. Genau, wir haben das Gefühl, wir seien etwas ganz anderes als alle anderen Wesen, und erlauben uns, über Tiere so zu befinden, wie es uns passt. Auch über den Wolf hat man in der Schweiz nie richtig diskutiert. Unendlich viele Schafe kommen in den Alpen um, weil sie nicht gehütet werden. Verglichen damit reisst der Wolf ein paar wenige, in diesen Fällen entschädigt der Bund die Schafhalter. Aber warum wird ein Schafhalter nicht gebüsst, wenn er seine Schafe nicht hüten lässt?

Klappt die Wiederansiedlung von Wildtieren nicht, weil die Schweiz zu dicht besiedelt ist? Nein, es gibt auch in der Schweiz dünn besiedelte Regionen, in denen Bär und Wolf Platz hätten. Aber hier kamen schon beim ersten eingewanderten Bären viele Touristen und Gaffer, so kann die Wiederansiedelung nicht funktionieren. Man versuchte dann den Bär mittels Gummigeschossen zu vergrämen - man hätte besser mit den Gummigeschossen die Gaffer vertrieben.

Schon die Bibel sagt, der Mensch sei das von Gott auserwählte Wesen, das sich die Natur untertan machen solle. Dieser Anthropozentrismus – übrigens nicht nur im Christentum – ist ein Problem. Immerhin geben Hinduismus und Buddhismus ein anderes Verhältnis zum Tier vor. Wichtiger als die Religion scheinen mir in diesem Zusammenhang aber Egoismus und Konsumhaltung: Die gleichen Leute, die den Bären im Schweizer Nationalpark nicht dulden wollen, buchen ganz selbstverständlich eine Bärensafari in Rumänien. Nur schon die Haltung – einzelne Bären und Wölfe als Problem- oder Risikotiere zu bezeichnen – beelendet einen, wenn man den Kopf auch nur ein wenig bei den Tieren hat.

Das anthropozentrische Denken ist Ihnen fremd? Völlig. Wir kennen das Rätsel des Lebens nicht. Das Einzige, was wir wissen, ist doch, dass uns dasselbe beseelt, das auch einen Wurm oder Schmetterling beseelt. Wenn ich das weiss, müsste ich den Schmetterling als gleichwertiges Mitlebewesen akzeptieren, und zwar nicht nur dann, wenn es mir passt. Und wenn ich die Gleichheit der Lebewesen akzeptiere, darf ich ein Tier nicht gleich eliminieren, wenn es mich stört. Natürlich weiss ich auch, dass ein Bär gefährlich werden kann. Aber was wir jetzt erleben, ist etwas ganz anderes: Dämonisierung ohne Kenntnis eines Lebewesens. Mit dieser Haltung werden auch die nächsten zehn Bären, die in die Schweiz einwandern, zu Risikobären.

Zu dichte Besiedlung kann zwangsläufig zur Konfrontation führen. Nicht generell. Schauen Sie doch an, wie der Luchs in der Schweiz wieder heimisch wurde. Es gibt heute wieder Luchse, die unbemerkt in den Schweizer Wäldern leben und in keiner Weise auffällig sind. Ein Bär ist zweifellos auffälliger, und er wird jedem Angst machen, wenn er ein paar Schritte auf einen zukommt. Besonders dann, wenn wir nichts über sein Verhalten wissen: Vielleicht ist er nur neugierig oder will etwas abklären. Stattdessen meinen wir, er greife an. Heute muss sich immer das Tier anpassen, wenn die Besiedelung irgendwo zu dicht wird. Natürlich hat in der Schweiz nie eine Bärenpopulation wie in Osteuropa Platz, aber in den Randgebieten scheint mir eine Wiederansiedelung durchaus möglich. Die Bären werden deswegen nicht in die Städte kommen und die Städter aufessen.

Der Anspruch des Menschen, die Fläche zu besetzen, ist für Sie nicht vorrangig? Nein, diese Haltung schaudert mich. Schliesslich waren Bär und Wolf früher da. Aber heute fehlt dafür in der Bevölkerung jedes Verständnis. Das hat auch mit fehlender Aufklärung und der Rolle der Medien zu tun. Ein Bär wie M13, dessen Lebensweise mit unseren Interessen kollidiert, scheint für sie hundertmal interessanter als ein Bär, den man nicht sieht. Dasselbe gilt für ein Wolfsrudel. In Deutschland entwickelte sich eine neue Wolfspopulation in einem grossen Buschgebiet rund um einen stillgelegten Flughafen. Das war nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil man kein grosses Aufsehen daraus gemacht. Erst nach etwa zehn Jahren sagte man der Bevölkerung, dass zwei, drei Rudel dort leben, und die hat das dann problemlos akzeptiert. Deshalb hoffe ich, dass es möglichst lange ruhig bleibt um den nächsten eingewanderten Bären.

Die Stimmung gegen den Wolf kippt immer dann, wenn einer ein Blutbad unter Schafen anrichtet. Ich weiss, aber das hat nichts mit einem angeborenen Blutrausch des Wolfes zu tun, sondern damit, dass diese Tierart naturgeschichtlich nicht an unsere Lebensweise angepasst ist. Es liegt in der Natur des Wolfs, dass er Beutetiere tötet. In der Wildnis ist das ein einzelnes: Wenn er ein Reh gerissen hat, sind die anderen weg. Aber wir offerieren ihm ungeschützte Schafe auf der Platte, da tötet er, solange er Tötungssignale erhält. Dafür ist nicht der böse Wolf verantwortlich, sondern der uneinsichtige Mensch.

Bei Hunden können die meisten Menschen deren Verhalten deuten. Aber wie soll ein 14-jähriges Mädchen das Verhalten eines Bären deuten, der auf es zugeht? Ich kann diesen Fall nicht im Detail beurteilen, dafür müsste ich wissen, wie der Kontakt zustande kam. Aber wenn die Wiederansiedelung gelingen soll, müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen in den betroffenen Gebieten mit dem Verhalten von Bären vertraut werden. Das muss nicht gleich so weit gehen wie bei jenem Fotografen, der seit längerer Zeit immer wieder mit Grizzlys lebt. Einige Grizzlys kommen heute zu ihm hin, wenn er fotografiert, offenbar sind sie genauso fähig, sein Verhalten zu lesen, wie wir auch. Auch für den Bären gilt, dass das Kennenlernen zu freundlichen Beziehungen führt. Wir sollten Kurse anbieten, wie man sich gegenüber Bären verhalten soll. Bloss fürchte ich, dass sich niemand dafür interessiert. So werden die üblichen Verhaltensmuster bleiben: Touristische Neugierde, Ablehnung, Erschiessen von Problembären.

Was wäre richtig? Sich mit dem Bären und seiner Lebensweise auseinanderzusetzen. Denn unseren Teil können wir beeinflussen: wie sich verhalten, wenn man Kontakt mit einem Bären hat? In Rumänien gelten auf den Bärensafaris ein paar einfache Regeln: nicht stehen bleiben, kein Interesse zeigen, den Bären im Auge behalten und in die andere Richtung weggehen. Auch sogenannt gefährliche Wildtiere können das Verhalten des Menschen lesen und gehen ihm in der Regel aus dem Weg. In keinem Fall soll man auf einen Bären zugehen, sonst wird er sich bedrängt fühlen.

Sie haben viele Begegnungen mit Gorillas beschrieben, in denen Sie deren Verhalten deuteten. Lässt sich dies vergleichen mit der Begegnung mit einem Bären? Nein, denn wenn ein Gorilla auf einen zukommt, ist das absolut ungefährlich. Gorillas sind Vegetarier. Sie haben absolut nichts davon, wenn sie einen verletzen. Ausserdem hat die Genforschung inzwischen nachgewiesen, dass wir mit dem Gorilla eng verwandt sind. Wer Gorillas kennt, wird die Erfahrung machen, dass der Gorilla diese biologische Nachbarschaft ebenfalls empfindet. da kann gar nichts passieren.

Wann wird eine Begegnung mit einem Bären gefährlich? Wenn eine Mutter ihre Jungen schützt? Oder reicht es, wenn ein Bär sehr hungrig ist? Im europäischen Raum sind menschenfressende Bären kaum bekannt. Aber es ist völlig klar, dass ein Bär gefährlich werden kann, wenn er sich bedrängt fühlt. Die Chance dafür wird umso grösser sein, je mehr Aufhebens man macht, wenn ein Bär zu uns kommt, und alle sich fragen: Was hat er wieder gemacht? Ist er schon Problembär? Wir sollten uns mit der gleichen Akribie um das freundliche Element kümmern: wie mit Bären umgehen? Mit jedem Hund muss man einen Hundehalterkurs besuchen, für Bären gibts das nicht. Der erste Schritt vom Konflikt weg ist gegenseitige Akzeptanz, sich kennen lernen.

Das ist mit Bären relativ schwierig. Sie verstehen, was ich meine: Es geht darum, eine Tierart zu entdämonisieren. Bei andern Tieren, etwas der Ratte, ist das schon gelungen. Früher galten Ratten als bedrohlich, wurden für Seuchen verantwortlich gemacht, und es kursierten über sie alle möglichen Schauergeschichten. Heute werden Ratten als Haustiere gehalten. Wer eine Ratte näher kennt, wird merken, dass es mit ihr genauso spannend sein kann wie mit einer Katze. Sobald man ein Wesen kennen lernt, ändert sich unser Verhältnis zu ihm.

Das könnte auch unser Verhältnis zum Bären normalisieren? Mit dem Bären ist alles schwieriger, weil man ihn nicht streicheln kann, ausserdem besteht zum Menschen ein ganz anderes Kraft- und Aggressionsgefälle als bei den meisten andern Tieren. Aber das Prinzip ist dasselbe: kennen lernen wollen, und zwar freundlich: Was hat der Bär Gutes, was könnte weniger gut sein? Bei der Ratte half der direkte Kontakt, beim Bären natürlich nicht. Die Aufklärung über spannendes Verhalten von Tieren erreicht so leider meist nur jene, die ohnehin nicht reflexartig reagieren, aber Verständnis für sein Verhalten kann man sicher breiter wecken. Das Problem wird einzig sein, dass man diejenigen, die wollen, dass Bären abgeschossen werden, kaum wird erreichen können.

Denken Sie, dass auch durch Tierskandale, wie gegenwärtig ums Pferdefleisch, mehr Bewusstsein entsteht? Im Prinzip ja, aber leider sind solche Lehren sehr kurzlebig. In den vergangenen Jahren gab es rund zwanzig Tierskandale. Die meisten wurden in den Medien gross abgehandelt, aber meist verschwanden sie ebenso rasch wieder aus den Schlagzeilen – oft mitten im Prozess, in dem die Menschen hätten sensibilisiert werden können. Zum Beispiel auch diese Geschichte, als in einer Region Bussarde im Tiefflug angeblich Jogger attackierten – sie verschwand wieder, noch bevor jemand versuchte, das Verhalten von Bussarden richtig zu verstehen.

Tages-Anzeiger

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