Mitten im Gemüsesturm

Der Türke Ahmet Caliskan ist zum Helden von Kreuzberg geworden.

Winkelried der Gentrifizierung: Ahmet Caliksan. Foto: AFP

Winkelried der Gentrifizierung: Ahmet Caliksan. Foto: AFP

Beat Metzler@tagesanzeiger

Für Ahmet Caliskan, Besitzer eines Gemüseladens in Berlin-Kreuzberg, sah die Zukunft düster aus. Im Mai bekam er die Kündigung für sein Ladenlokal. Ein neues würde er sich kaum leisten können. Auf den 55-Jährigen ohne Schulabschluss warteten Arbeitsamt, Niedriglohnjobs, eine verpfuschte Rente nach einem Leben voll harter Arbeit.

Doch die letzten zwei Monate haben viel verändert. Caliskan ist zu lokaler Berühmtheit aufgestiegen, zur Symbolfigur für alles, was schiefläuft in Kreuzberg, zum Winkelried der Gentrifizierung. Auch in seinem Laden darf er bleiben. Zumindest vorerst.

Calikans Fall bot alle Empörungsauslöser

Im Mai dachte Caliskan bereits darüber nach, wie er sich von seinen Stammkunden verabschieden sollte. Doch als diese – zu 95 Prozent Deutsche, wie er sagt – vom Ende erfuhren, wollten sie es nicht hinnehmen. Das linke Kreuzberg kennt eine lange Protesttradition. Calikans Fall bot alle Empörungsauslöser: Ein Investor von ausserhalb kauft ein Haus, wirft alle Mieter raus, darunter viele Ausländer, um dann teure Eigentumswohnungen zu bauen. Zudem: Viele mögen Caliskan und seine Spezialitäten.

Von nun an versammelten sich jeden Mittwochabend bis zu 500 Nachbarn vor Calilskans Bizim Bakkal («Unser Laden»), auch Politiker und Schriftsteller kamen. Sie schwenkten Transparante, erfanden Slogans wie «Bizim Kiez» oder «Je suis Bizim Bakkal». Der «Gemüsesturm» schuf breite Aufmerksamkeit, fast täglich führte Caliskan Journalisten durch das Geschäft, den er in holprigem Deutsch sein Leben erzählte.

Ab 1 Uhr früh im Einsatz

1974 war Caliskan mit seinen Eltern aus dem westtürkischen Burdur nach Berlin gekommen. 14 war er damals und ohne Ausbildung. Mit seinem Vater putzte er U-Bahn-Toiletten. 1987 eröffnete dieser einen Gemüseladen, Ahmet folgte ihm. Als die Eltern in die Heimat zurückkehrten, übernahmen er und seine Frau das Geschäft. Seither steht er jede Nacht um 1 Uhr auf, fährt auf den Grossmarkt, wo er die frische Ware holt. Um 7 Uhr schliesst er den Laden auf, den er bis 20.30 Uhr offenlässt. Die wenigen Stunden Schlaf verteilt er über den ganzen Tag.

Die Arbeit hat Caliskan ausgelaugt. Im Januar entging er nur dank einer Operation einem Schlaganfall, kaum hatte er sich erholt, schmetterte ihn die Kündigung nieder. Bald will er den Laden an den Sohn übergeben, er wisse nicht, wie lange er noch durchhalte.

Die gute Nachricht

Letzte Woche kam die gute Nachricht: Nach zähen Verhandlungen nahm der Investor die Kündigung zurück. Solche Erfolge sind selten in Kreuzberg. Die Protestierenden können kaum eine Renovation oder Räumung verhindern. Das Gesetz steht gegen sie. Entsprechend gross bleibt das Misstrauen. Calikans Vertrag lässt sich jederzeit auflösen. Die Unterstützer vermuten, dass der Investor dies tun werde, sobald die Aufmerksamkeit abflaue. Deshalb wollen sie mit ihren Treffen weitermachen, auch heute Abend.

Tages-Anzeiger

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