Mitt Romney und das entlarvende Sandwich

Der republikanische Präsidentschaftskandidat bestellt ein Sandwich per Touchscreen und überschlägt sich vor Begeisterung. Die Episode lässt tiefer blicken, als es auf den ersten Blick erscheint.

So geht Volksnähe: Mitt Romney bei seinem Besuch in einem Tankstellenladen der Kette Wawa. (16. Juni 2012)

So geht Volksnähe: Mitt Romney bei seinem Besuch in einem Tankstellenladen der Kette Wawa. (16. Juni 2012)

(Bild: AFP)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Über und von Mitt Romney kann einiges gesagt werden. Nicht aber, dass er ein Mann des Volkes sei. Wie beispielsweise Bill Clinton, dessen teils plebeische Tendenzen offenkundig waren. Wer Clintons wunderbare Mutter Virginia erleben durfte, konnte den Sohn problemlos als formidables Gegenstück zu einem Aristokraten einordnen.

Bei Mitt Romney, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten und Sohn eines ehemaligen Gouverneurs, Auto-Managers und Multimillionärs, liegen die Dinge völlig anders. Er wuchs priviligiert auf und scheffelte als Geldmann obendrein rund 250 Millionen Dollar auf die eigenen Konten.

Drücken und staunen

Dass Romney durch und durch ein Mann des amerikanischen Geldadels ist, bewies er schlagend am vergangenen Wochenende. Beim Wahlkampf im Staat Pennsylvania betrat der Republikaner einen Tankstellenladen der Kette Wawa – sie heisst wirklich so! – und sah sich unversehends mit den täglichen Freuden des gemeinen Volks konfrontiert: Erstmals in seinem doch schon über sechs Jahrzehnte währenden Leben entdeckte Romney einen – aufgepasst! – Touchscreen, mittels dessen er bei Wawa ein Sandwich oder einen Hamburger oder was auch immer bestellen konnte.

Vor sich den Berührungsbildschirm mit bunten Bildern, Symbolen und Buchstaben, erlebte Romney einen existenziellen Freak-out, den er später am Tag bei einem Wahlkampfauftritt wie folgt beschrieb: «Du drückst da einen kleinen Berührungsschirm…du drückst auf dieses und dieses, bezahlst an der Kasse – und schon hast du dein Sandwich!....Es ist unglaublich!».

Die Reichen sind anders als du und ich

Ja nun, unglaublich mag dieser Vorgang schon sein für einen, der stets Untergebene drücken lässt, wenn es ihn nach einem Sandwich gelüstet und deshalb noch nie eine Fingerkuppe auf einen Touchscreen gesetzt hat. Das für Romney offenbar transzendentale Ereignis bei Wawa lässt tief blicken, überrascht jedoch nicht.

Die Reichen, meinte schon F. Scott Fitzgerald, seien anders als du und ich. Niemand in der Menge in Pennsylvania echauffierte sich über Romneys Abgehobenheit, nein, eher schon dürfte es die Herzen der Menschen angerührt haben, dass Mitt Romney sich wie ein kleiner Junge über den sensationellen Bildschirm enthusiasmierte. Schau mal, Mama, hier drücken! Wow! Ein Sandwich!

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt