«Diese Flamme ist kein Problem»

Über 20 Tonnen Gas sind aus dem Leck an der Nordsee-Plattform Elgin bereits ausgetreten – unweit davon brennt noch immer eine Flamme. Die Betreiberfirma Total sieht keine Gefahr.

In weniger als 100 Meter Entfernung von der evakuierten Plattform wird noch Gas abgefackelt. Die Betreiber sind nicht beunruhigt.

Mit Spezialtechnik will der französische Energiekonzern Total gegen eine drohende Umweltkatastrophe in der Nordsee vor Schottland vorgehen. Nach dem Leck an der Gasplattform Elgin habe der Konzern das Überwachungsschiff Highland Fortress in Stellung gebracht, sagte ein Total-Sprecher. Die Ursache für das Leck ist nach wie vor unklar. «Wir haben den Grund für den Vorfall noch nicht genau ausgemacht», sagte ein Total-Sprecher.

Aus allen Konzernbereichen zusammengezogene Experten berieten derzeit darüber, wie das Problem in den Griff zu bekommen sei. In Frage komme eine Entlastungsbohrung, die aber bis zu sechs Monate dauern könne, sagte der Total-Sprecher. Auch ein sogenannter «Kill» mit einer Schlamminjektion komme in Betracht. Eine Entscheidung, für welche Methode sich der Konzern entscheide, sei aber noch nicht getroffen. Bestes Szenario sei, dass der Gasfluss von alleine versiege, hiess es. Bisher traten nach Angaben von Total rund 20 Tonnen Gas aus.

Umweltminister fordert Transparenz

Der schottische Umweltminister Richard Lochhead kritisierte die Informationspolitik von Total: «Es handelt sich um eine sehr ernste Situation und wir können natürlich nicht vor Ort nachschauen, was los ist.» Der französische Energiekonzern müsse daher «absolut transparent» informieren.

Die Umweltorganisation Greenpeace schickte ein Flugzeug mit zwei Kameraleuten und einem Experten an Bord in die Region, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Die Flugverbotszone werde Greenpeace nicht verletzen, sagte ein Greenpeace-Sprecher. Greenpeace habe bereits bei früheren Flügen festgestellt und dokumentiert, dass auch im Normalbetrieb Schadstoffe austreten würden. Dies schreibt die Organisation in einer Meldung.

Die deutsche Sektion des WWF warnt vor einem Kollaps des Ökosystems. «Es scheint sich in diesem Fall um sogenanntes saures Gas zu handeln, das mit Schwefelwasserstoff angereichert ist», sagte ein WWF-Meeresschutzexperte in Berlin. Bei einem von Experten befürchteten langfristigen Gasaustritt könnten Todeszonen in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen.

Gasfackel könnte zu Katastrophe führen

Noch immer wird auf der Förderplattform Erdgas abgefackelt. Experten zeigten sich beunruhigt über die Tatsache, dass dort noch immer eine Gasfackel brennt. Wenn das durch das Leck austretende Gas mit der Fackel in Kontakt kommt, könnte es zu einer Explosion kommen, warnen sie. «Falls dieses Gas in die Nähe einer Zündquelle gerät, könnte die Plattform komplett zerstört werden», bestätigt ein Vertreter der Ölarbeiter-Gewerkschaft RMT. Die Gefahr für eine Katastrophe bestehe nach wie vor.

Der Total-Sicherheitschef für Grossbritannien, David Hainsworth, wiegelte aber ab: Der Wind wehe momentan in die entgegengesetzte Richtung, die Gaswolke werde von der Flamme weg getrieben. Die Wettervorhersage lasse ausserdem erwarten, dass sich die Windrichtung in den nächsten fünf bis sechs Tagen nicht ändern werde. Man prüfe im Moment verschiedene Möglichkeiten, wie die Flamme gelöscht werden könnte.

Kurssturz der Total-Aktie

Wie die britische Zeitung «Guardian» bereits letztes Jahr berichtet hatte, sind solche Vorkommnisse auf den Nordsee-Plattformen nichts Ungewöhnliches: Durchschnittlich komme es einmal pro Woche zum Austritt von Öl oder Gas. Am meisten Zwischenfälle gibt es demnach auf den Plattformen des Energiekonzerns Shell, Total folgt an zweiter Stelle.

Das Gasleck hat die Aktien von Total heute erneut auf Talfahrt geschickt. Die Papiere rutschten um bis zu 3,4 Prozent auf ein Drei- Monats-Tief von 37,26 Euro ab. Damit hat das gemessen an der Marktkapitalisierung grösste Unternehmen der Euro-Zone binnen zwei Tagen 9,4 Prozent eingebüsst. Dies ist der grösste Kursrutsch seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Der Börsenwert reduzierte sich seit Montag um 8,8 Milliarden Euro. «Dies ruft den Leuten das BP -Drama in Erinnerung», sagte ein Börsianer. «Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgehen wird, daher ist es besser, sich aus der Aktie zu verabschieden – oder 'short' zu gehen, wenn man risikofreudig ist.»

Leck noch nicht gefunden

Die Lage vor Ort ist laut Total stabil, das Leck sei jedoch noch nicht gefunden. Die Region ist für Schiffe und Flugzeuge gesperrt, die betroffene Förderplattform Elgin wurde evakuiert. Auch der Konzern Shell brachte Arbeiter von einer benachbarten Plattform in Sicherheit. Das Leck trat am Sonntag auf.

Nach Angaben des Total-Sprechers handelt es sich bei dem austretenden Stoff um ein Gas-Kondensat, das in flüssiger Form gefördert wird. Die Auswirkungen auf die Umwelt seien jedoch deutlich geringer als etwa bei Erdöl. Das Gas-Kondensat sei sehr leicht und verflüchtige sich. Die ersten Hinweise deuteten darauf hin, dass es «momentan keine signifikanten Beeinträchtigungen der Umwelt» gebe.

ami/fko/sda

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