Die Stasi setzte 50 Spitzel auf Lenzlinger an

Der Fall Lenzlinger: Teil 3

Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi reisten wiederholt in die Schweiz, um Hans Ulrich Lenzlinger, seine Ehefrau und die Mitarbeiter zu bespitzeln. Zudem führte die Stasi «Zersetzungsmassnahmen» durch.

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Stefan Hohler@tagesanzeiger

Inoffizielle Mitarbeiter, kurz IM, spielten in der DDR eine wichtige Rolle in der Überwachung und Bespitzelung von Staatsfeinden. Für Erich Mielke, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und oberster Herr der 90'000 Stasi-Mitarbeiter, waren die IM die «Hauptwaffe im Kampf gegen den Feind». Beim Zusammenbruch der DDR 1989 waren es rund 190'000 IM. Das heisst, auf 89 DDR-Bürger kam ein IM.

Im Allgemeinen waren die IM konspirativ tätig. Sie arbeiteten neben ihrem «normalen» Berufs- und Privatleben heimlich für die Geheimpolizei. Die IM erhielten einen Decknamen. In den Stasi-Unterlagen wird der wirkliche Name nur in ganz wenigen Einzelfällen erwähnt. Die IM arbeiteten meist unbezahlt. Sie wurden von einem MfS-Führungsoffizier betreut, dem sie regelmässig Rechenschaft ablegen mussten. Die Stasi-Mitarbeiter dagegen waren in der Regel Berufssoldaten und genossen viele Privilegien.

Tony bandelte mit Bernadette an

Auch im Fall Leopard setzte die Stasi unzählige IM ein, mindestens 50 Decknamen werden in den Akten erwähnt. Einerseits waren sie in der DDR als vermeintliche Fluchtwillige aktiv, andererseits in der Schweiz als Spitzel gegen Lenzlingers Firma Aramco AG oder gegen die Fluchthelfer vor Ort in Westberlin. Der wichtigste IM mit dem Decknamen Tony war ein jordanischer Student. Der Mann lebte seit 1970 in Westberlin und siedelte 1976 zu seiner Freundin nach Ostberlin über. Er arbeitete seit 1975 für die Stasi im Zusammenhang mit der Aktion Leopard.

Die Stasi war mit IM Tony zufrieden: «Er hat gute Ergebnisse berichtet.» Sein Auftrag war, mit Lenzlingers Ehefrau Bernadette eine vertrauliche Beziehung aufzubauen und dabei Auftraggeber für Fluchten, Autos, Schleuser, Kuriere zu erkunden und sie zu identifizieren.

Die 28-jährige Bernadette Lenzlinger führte seit Anfang 1976 die Firma, weil ihr Mann wegen verschiedener Delikte in der Schweiz im Gefängnis sass. Tony nahm mit ihr Kontakt auf. Er gab an, eine Interessentin für einen Fluchtversuch zu haben. In den Gesprächen mit Bernadette bekundete er sein Interesse an der Unterstützung «der Bande», wie es im Stasi-Bericht hiess. Tony beschrieb die Frau als «geschäftserfahren und knallhart». Im Weiteren sollte IM Tony Kontakt mit einem ihm bekannten Angestellten der Schweizer Botschaft in Ostberlin aufnehmen. Ziel der Übung: Informationen zu Lenzlingers Firma zu erhalten und die Reisemöglichkeiten eines weiteren IM in die Schweiz zu sichern.

Hohes Kopfgeld auf Lenzlinger

Bernadette Lenzlinger sagte gegenüber Tony, dass sie und ihr Mann nie nach Westberlin fliegen würden. Sie hätten Angst, von der Stasi «entführt oder abgeknallt» zu werden. Auf ihren Mann sei ein Kopfgeld von einer halben Million D-Mark gesetzt. Ihr Kopf sei vielleicht nicht ganz so viel wert, aber man würde sich ihn schon einiges kosten lassen. Lenzlinger selbst hatte – zumindest anfänglich – keine Angst vor einem Attentat oder einer Attacke, obwohl er wusste, dass ihn die Stasi beobachtete. In einem ARD-Beitrag wurde Lenzlinger 1974 gefragt, ob er Angst um sein Leben habe: «Nein, das habe ich nicht. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste, habe ein schönes Leben gehabt, und jeder muss irgendwann mal unter irgendwelchen Umständen gehen.»

Ein weiterer IM namens Tony Motta observierte vom 18. bis zum 21. Dezember 1976 Lenzlingers Haus an der Ackersteinstrasse in Höngg. Er nahm sogar eine Stelle im Restaurant Rebstock am nahen Meierhofplatz als Hilfskraft an, um Lenzlinger weiter zu beobachten. Sein monatliches Nettogehalt betrug 1400 Franken. Tony Motta hatte den Status eines IMF, eines «Inoffiziellen Mitarbeiters der Abwehr mit Feindverbindung zum Operationsgebiet». So wurden vor allem IM bezeichnet, die in einem Land ausserhalb des Ostblocks tätig waren. «Die Stasi hat auf meinen Mann ein Kopfgeld von einer halben Million D-Mark gesetzt», sagt Bernadette Lenzlinger.

Zusammenarbeit für Haftverkürzung

Im gleichen Jahr spitzelte noch ein weiterer IM mit dem Decknamen Blume Lenzlingers Liegenschaft und die vor dem Haus parkierten Autos aus. Im Bericht zuhanden der Stasi gab er eine Einschätzung preis, wie der Fluchthelfer bei seinen Landsleuten ankomme. Dabei berief er sich auf ein Gespräch mit einem Portier eines Zürcher Hotels, in dem er abgestiegen war. Gemäss dem Portier, so Blume, seien die «Züricher mit dem Treiben des Lenzlingers nicht einverstanden und würden es als nationales Unglück betrachten». Man solle den Lenzlinger nicht mehr aus dem Gefängnis lassen (wo er zu diesem Zeitpunkt sass) oder ihn ausweisen, wie es die DDR mit dem Sänger (gemeint war wohl Wolf Biermann) auch gemacht habe. Der Stasi-Hauptmann notierte am Ende des Berichts: «Quelle zuverlässig».

Im Allgemeinen arbeiteten die IM freiwillig. Dass die Stasi aber auch Druck aufsetzte, zeigte ein Beispiel einer im April 1976 missglückten Schleusung. Dabei wurden verschiedene Helfer verhaftet. Im Fall einer Frau schrieb die Stasi, dass sie «auf der Basis der Wiedergutmachung zur Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit geworben wurde». Im Klartext: Sie war bereit, mit der Stasi zusammenzuarbeiten und erhielt dabei Haftvergünstigung.

In einem anderen Fall wird von einem IM-Ehepaar Jörg und Susi berichtet. Der Mann war 1975 aufgrund von kompromittierendem Material zur «freiwilligen» Mitarbeit geworben worden – also erpresst. Die Frau konnte zwei Jahre später «auf Basis der Überzeugung» zur Mitarbeit herangezogen werden, wie der MfS-Offizier bei der Kurzeinschätzung des Paares schrieb – sie machte vermutlich notgedrungen mit.

Lenzlingers Mitarbeiter bedroht

Die Stasi plante und führte gegen Lenzlinger und seine Mitarbeiter «Zersetzungsmassnahmen» durch. Was man sich darunter vorstellen muss, wird an folgenden Beispielen aufgezeigt:

Die Freundin eines Berliner Fluchthelfers, die schon lange dessen Ausstieg aus der Fluchthelferszene wünschte, wurde mit Angriffen bis «auf Leib und Leben» bedroht. Einem ehemaligen Buchhalter von Lenzlinger schickte die Stasi durch einen Kurier aus der BRD einen Brief zu. Darin droht ein angeblich durch die Aramco finanziell Geschädigter dem Buchhalter mit einer «Abrechnung». Die Frau eines Aramco-Mitarbeiters erhielt einen Brief aus der BRD, in dem sie aufgefordert wurde, sich von ihrem Ehemann zu distanzieren, falls sie nicht an Leben und Gesundheit schaden nehmen wolle. Die Stasi «warnte» auch Berliner Mietwagenfirmen vor einer Konfiszierung ihrer an die Fluchthelfer ausgeliehenen Wagen. Dabei stellte sich ein IM telefonisch oder schriftlich als ehemaliger Fluchthelfer vor. Er riet der Mietwagenfirma ab, weiter Autos an die namentlich genannten Fluchthelfer zu vermieten. Denn bei einer missglückten Schleusung würden die Wagen durch die DDR eingezogen, und der Autoverleiher habe den Schaden.

Neben Mietwagen benützten die Fluchthelfer auch eigens präparierte Autos. Lenzlinger präsentierte diese Wagen nicht nur der Zürcher Boulevardpresse – er zeigte sie auch voller Stolz der Stadtpolizei, wie der ehemaliger Stapo-Sprecher Bruno Kistler sagt. Kistler arbeitete damals bei der motorisierten Verkehrspolizei, und Lenzlinger war wegen Tempoüberschreitungen an der Ackersteinstrasse der Polizei bestens bekannt. Trotz der Bussen fuhr Lenzlinger aus eigenem Antrieb bei der Polizei vor und zeigte ihr sein Werk. Kistler: «Er hatte uns Autos vorgeführt, in denen der Rücksitz oder das Reserverad ausgebaut worden war, sodass sich die Flüchtlinge im Kofferraum verstecken konnten.»

IM Meienberg war Schweizer

Die Stasi-Überwachung von Lenzlingers Fluchthelferfirma hörte auch nach Lenzlingers Ermordung 1979 nicht auf. Sein Geschäftsführer löste die Firma in Zürich-Höngg auf und betrieb sie an seinem Wohnort in Reinach AG unter dem neuen Namen Armesco AG weiter. Als die Stasi feststellte, dass eine Flucht mit einem Sattelschlepper durch die damalige Tschechoslowakei in den Westen durchgeführt worden war, schickte sie einen IM nach Reinach. Dieser sollte den Geschäftsführer und seine Autos auskundschaften. Der IM unter dem Decknamen Niklaus Meienberg war insofern aussergewöhnlich, weil er Schweizer war. Der Typograf lebte und arbeitete in Ostberlin und war mit einer DDR-Bürgerin verheiratet. Mit seinem Schweizer Pass konnte er problemlos in sein Heimatland fahren und spitzeln.

Tages-Anzeiger

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