Der Oberbürgermeister gibt den Hilfssheriff

Boris Palmer, das Oberhaupt von Tübingen, hat auf offener Strasse Streit mit einem Studenten. Nun wurde er angezeigt.

Um Verstösse gegen das Ortsrecht zu ahnden, habe er auf dem Heimweg eine Personenkontrolle durchführen wollen, begründet Oberbürgermeister Boris Palmer sein Handeln. Bild: Keystone

Um Verstösse gegen das Ortsrecht zu ahnden, habe er auf dem Heimweg eine Personenkontrolle durchführen wollen, begründet Oberbürgermeister Boris Palmer sein Handeln. Bild: Keystone

Christian Zürcher@suertscher

Und dann rannten sie um den Marktstand, voraus der Student, hinterher der Oberbürgermeister. Es war spätabends – und kein Spass. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer wollte den 33-Jährigen stellen, irgendwann gab er auf. Doch die Sache war damit nicht vorbei, nein, richtig ernst wurde es die Tage danach. Die Begleiterin des Studenten hat den Oberbürgermeister wegen Nötigung angezeigt, die Kriminalpolizei ermittelt nun. Was ist geschehen? 

In der Version von Palmer habe der Student ihn beim Vorbeigehen wegen seiner Politik beleidigt. Der grüne Politiker habe nachgefragt, darauf soll der Student sofort «laut geschrien, wild gefuchtelt und randaliert» haben. Der Student der Erziehungswissenschaften sagt, er habe «Ach nee, der auch noch» zu seiner neben ihm gehenden Kollegin gesagt, als er Palmer entgegenkommen sah. Dieser soll erst weitergegangen, dann kehrt gemacht und die beiden darauf mit lauter Stimme bedrängt haben. Als der Student weitergehen wollte und dies mit lauter Stimme ausdrückte, habe Palmer den Weg blockiert. Irgendwann habe er seinen Personalausweis gezückt, um die Personalien aufzunehmen und habe zwecks Identifizierung mit dem Handy Fotos gemacht (was der Student nicht wollte).

Palmer begründet sein Handeln damit, dass er als Leiter der Ortspolizeibehörde auf dem Heimweg eine Personenkontrolle durchführen wollte, um Verstösse gegen das Ortsrecht (Ruhestörung) zu ahnden. Schliesslich habe er als Oberbürgermeister dazu die Befugnis. Der Oberbürgermeister wird in seiner Stadt zum Hilfssheriff.

«Ich hätte sogar körperlichen Zwang einsetzen dürfen, worauf ich natürlich verzichtet habe.»

Der Fall gelangt in die Medien, und Palmer ist sich sicher, alles richtig gemacht zu haben. Als wolle er das der Welt zeigen, postete er auf Facebook seinen Dienstausweis und schrieb, dass «der linke Student» den Streit begonnen und ihn «attackiert» habe. «Ich hätte sogar körperlichen Zwang einsetzen dürfen, worauf ich natürlich verzichtet habe», sagt er. Er räumt zwar ein, dass auch er laut gesprochen habe, aber «stets leiser» als der Student.

Das «Schwäbische Tagblatt» fand zum Vorfall zwei Augenzeugen. Diese beschrieben Palmers Verhalten als «extrem befremdlich» und erzählten, dass der Politiker vollkommen neben sich gestanden sei und immer lauter und aggressiver wurde.

Gegenwind und Zuspruch

Es ist nicht das erste Mal, dass Palmer Schlagzeilen macht. Der Mann gilt als rechter Grüner, der «Spiegel» nennt ihn einen Asylpopulisten. 2015 schrieb der 42-Jährige auf Facebook: «Wir schaffen das nicht!» 2016 forderte er, dass straffällig gewordene Flüchtlinge nach Syrien abgeschoben werden – mitten im Bürgerkrieg. Palmer war einst mit seiner pragmatischen Art der grüne Hoffnungsträger in Baden-Württemberg. Er wurde gar als künftiger Ministerpräsident gehandelt.

Nach seinem unkonventionellen Handeln in der Pfleghofstrasse hat Palmer von den 90000 Tübingern einiges an Zuspruch bekommen, doch ebenso viel Gegenwind erfahren. Er hat den Vorfall verschriftlicht und die Verwaltung beauftragt, ein Bussgeld zu verhängen. Wegen Ruhestörung und der Weigerung, sich auszuweisen. Und macht ein Angebot: Falls der Student den Mut habe, mit ihm zu sprechen, dann würde man sich überlegen, die Busse fallen zu lassen.

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