Eine Frau, geboren fürs Abenteuer

Porträt

Sarah Harrison betreute die beiden Top-Staatsfeinde der USA: Julian Assange und Edward Snowden.

Selber bald heimatlos? Sarah Harrison (31), Unterstützerin von Julian Assange und Edward Snowden.

Selber bald heimatlos? Sarah Harrison (31), Unterstützerin von Julian Assange und Edward Snowden.

(Bild: Reuters)

Constantin Seibt@ConstSeibt

Als wäre es ansteckend, beginnt diese Woche ihr eigenes Exil. Zuvor hatte sie andere diesbezüglich beraten. Nun kann sie selbst nicht in ihre Heimat, nach Grossbritannien, zurück. Der Club der westlichen Dissidenten ist um ein Mitglied gewachsen. Immerhin kennt sich die 31-Jährige mit den juristischen Problemen ihrer Lage inzwischen aus. Sarah Harrison, eigentlich Literaturstudentin, hat in den letzten drei Jahren einen Crashkurs in internationalem Recht, Diplomatie und Gegenspionage gemacht: Wie man Nachrichten verschlüsselt, Verfolger abschüttelt und klandestine Organisationen aufbaut, weiss sie genau.

Ihr neues Leben begann 2010 mit einem Praktikum beim Club der Investigativjournalisten in London. Dort traf sie auf Wikileaks-Gründer Julian Assange. Dessen Organisation erreichte gerade Weltruhm, indem sie eine erste Portion von geheimen amerikanischen Kriegs- und Diplomatendepeschen veröffentlichte. Mit dem Ruhm kam für Assange der Abstieg: Pfusch mit Daten, Krach mit Mitarbeitern, Bruch mit Pressepartnern, eine Vergewaltigungsklage aus Schweden. Für Wikileaks bedeutete es fast das Aus. Für Harrison jedoch den Beginn des Abenteuers. Innert Monaten war sie die Nummer 2 der Organisation. In Kriegs- und Krisenzeiten laufen Beförderungen schnell.

Seitdem gilt Sarah Harrison als Topberaterin von Julian Assange. Sie hat die zuvor chaotische Organisation von Finanzen, Pressearbeit, Juristischem übernommen. Und sie tat es professionell wie eine Anwaltskanzlei. Sie assistierte ihrem Boss vor Gericht und organisierte, als er ausgeliefert werden sollte, seine Flucht in die Botschaft von Ecuador. Sie schaltete auch schnell, als der Informatiker Edward Snowden im Sommer das gigantische NSA-Leck aufdeckte. Sie buchte den nächsten Flug nach Hongkong. Dort rieten die Anwälte Snowden, sich zu stellen. Harrison organisierte eine Alternative: die Flucht mit einem Visum aus Ecuador.

Literaturkennerin

Der Plan klappte nur zur Hälfte. Snowden wurde bei der Zwischenlandung in Moskau festgesetzt. Er und Harrison blieben 39 Tage im Transitbereich des Flughafens stecken. Die wenigen Leute, die sie trafen, schildern Harrison als stets gut gelaunt, tatkräftig, umsichtig in Geheimhaltungsfragen, niemals schlafend. Kurz: als einen Menschen, der für das Abenteuer gemacht ist. Irgendwie schaffte sie es, mit der russischen Regierung ein Ein-Jahres-Visum für Snowden auszuhandeln. Und betreute ihn in seinem Versteck. Diesen Montag flog sie zurück. Sie landete in Berlin mit der trockenen Bemerkung: Snowden habe sich gut eingelebt, es brauche sie nicht mehr.

Zu ihren eigenen Plänen äusserte sie sich nicht. Nur, dass ihre Anwälte ihr geraten hätten, nicht nach England zurückzukehren. Premier David Cameron hatte offen gedroht, die Regierung werde gegen Journalisten und Medien vorgehen, die weitere Enthüllungen über die Geheimdienstarbeit machten. Stattdessen veröffentlichte Harrison ein kurzes Manifest zur staatlichen Überwachung und der Notwendigkeit, Informanten zu schützen. Zu Anfang betont nüchtern im Ton, steigert es sich gekonnt zu Pathos. Es ist ganz eindeutig das Werk einer Literaturkennerin. Wie in jedem wirkungsvollen Text ist der letzte Satz der stärkste. Er lautet: «Mut ist ansteckend.»

Tages-Anzeiger

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