«Als Quotenzugpferd wäre Kachelmann interessant für Sender wie RTL»

Hintergrund

Wird Jörg Kachelmann ins Fernsehen zurückkehren? Experten halten dies für möglich und sagen, was es für ein TV-Comeback braucht.

Erinnerung an bessere Zeiten: Jörg Kachelmann als TV-Wettermoderator im Jahr 2009.

Erinnerung an bessere Zeiten: Jörg Kachelmann als TV-Wettermoderator im Jahr 2009.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

«Wollen Sie Jörg Kachelmann wieder auf der Mattscheibe sehen?», fragte die «Bild»-Zeitung, nachdem der Schweizer TV-Wettermoderator vom Landgericht Mannheim freigesprochen worden war. Und das Ergebnis der Umfrage war klar: Mehr als jeder zweite Deutsche will Kachelmann als Wettermoderator zurück. Ausserdem zeigte ein Monitoring von Ethority, einer deutschen Marketingagentur für Social Media, dass Facebook- und Forennutzer sowie Twitterer und Blogger wenige negative Kommentare über den 52-jährigen Meteorologen äusserten. Ein prominenter deutscher Medienpsychologe, Jo Groebel, erachtet ein TV-Comeback als möglich, wie er dem «Kurier» sagte, «weil Kachelmann die Öffentlichkeit braucht» – «vielleicht als Moderator einer Talkshow über persönliche Schicksalsschläge und grosse Dramen». Für eine solche Sendung sei Kachelmann geradezu prädestiniert.

Noch grösserer Promi- und Bekanntheitsstatus nach Prozess

Nach Ansicht von Experten ist der Weg zurück ins Fernsehen allerdings noch lang – sofern Kachelmann dies überhaupt möchte. «Er ist nicht mehr der nette und sympathische Kachelmann», sagt der Schweizer Kommunikationsexperte Marcus Knill im Gespräch mit baz.ch/Newsnet. Der Freispruch, der im Übrigen noch nicht rechtskräftig sei, habe ihn nicht reingewaschen. «Das Negativ-Image als Folge des Vergewaltigungsprozesses und der Frauengeschichten wird an ihm hängen bleiben.» Dennoch: «Die Chance ist da, dass Kachelmann nach einiger Zeit wieder im Fernsehen auftreten darf», sagt Knill. Ein TV-Comeback sei allerdings nur möglich, wenn das Verfahren in Mannheim abgeschlossen ist und nicht neu aufgerollt wird.

Laut Knill hat Kachelmann einen Promi- und Bekanntheitsstatus, der durch den international stark beachteten Prozess zusätzlich verstärkt wurde. Dieser Status sei ein Kapital, das Kachelmann nutzen könnte, um zum Beispiel ein Buch über seine Geschichte zu schreiben. Oder er könnte wieder als Moderator für das Fernsehen arbeiten. «Als Quotenzugpferd wäre Kachelmann interessant für deutsche Privatsender wie RTL», sagt Knill. «Und die ARD, für die er gearbeitet hatte, hat eine Rückkehr nicht zum Vornherein ausgeschlossen.»

«Zahlreiche unglückliche Kommunikationsaktionen»

Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation in Winterthur, ist der Ansicht, dass Kachelmann nicht so schnell ins Fernsehen zurückkehren werde. Öffentlich-rechtliche Sender wie ARD oder grosse Privatsender wie RTL würden kaum das Risiko eingehen, Kachelmann im Moment zu engagieren. Vor allem nicht, solange der Prozess andauere. «Die beschädigte Reputation von Kachelmann könnte auf den Fernsehsender zurückfallen.» Allenfalls könnte er es bei einer kleinen lokalen TV-Station versuchen.

Es würden ein paar Jahre vergehen, bis eventuell ein Comeback bei einem grossen Sender möglich sein werde, sagt Gullotti. Dies habe auch mit «zahlreichen unglücklichen Kommunikationsaktionen» rund um den Prozess in Mannheim zu tun. Die Anwälte von Kachelmann hätten mit Nebenklagen gegen Medien immer wieder weiteren Stoff für Geschichten geliefert. Das möge juristisch Sinn machen, Kachelmanns Reputation habe es nicht geholfen. Im Gegenteil: «Diese zusätzliche und unnötige Publizität schadete Kachelmann, da er immer wieder Schlagzeilen lieferte.»

Kachelmann-Attacken auf Medien via Twitter sind «nicht klug»

Wäre er Kachelmanns Reputationsmanager, würde Gullotti dem TV-Moderator raten, sich ausschliesslich auf den Prozess zu konzentrieren, bis es zu einem letztinstanzlichen Urteil kommt. Ausserdem: «Als Privatperson sollte Kachelmann die Öffentlichkeit im Moment nicht suchen; auch nicht in den Social Media.» Genau das macht aber Kachelmann: Auf Twitter kommentiert er das Wetter. Aber nicht nur: Immer wieder attackiert er das deutsche Medienhaus Burda, das unter anderem die Zeitschrift «Bunte» herausgibt, die manche wenig schmeichelhafte Artikel über Kachelmann veröffentlichte. Diese Twitter-Attacken sind «nicht klug», sagt Gullotti. «Denn damit bleibt er viel stärker Thema in den Medien. Es ist ein Fehler, Medien gegen sich aufzubringen.»

Auch Kommunikationsexperte Knill meint, «dass Medienschelten der grösste Fehler sind, den Kachelmann in seiner Situation machen kann». Dies könnte sich kontraproduktiv auswirken. Eigentlich sei Kachelmann ein Medienvollprofi, sagt Knill. Und er verweist auf die Auftritte Kachelmanns in Mannheim. Kachelmann wisse, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentieren müsse, denn er kenne die Wirkung von Bildern. «Alle Auftritte Kachelmanns vor Gericht schienen inszeniert. Er war immer rasiert und sauber gekleidet, stets beherrscht und gefasst. Nie wirkte er griesgrämig. Alle Auftritte waren bedacht.»

Eigene Firma Meteomedia und Radio Basel als gute Ausgangslage

Knill räumt Kachelmann gute Chancen für ein öffentliches Comeback ein. Nach einer Weile des Wartens könne er den Karriereknick Schritt für Schritt wieder wettmachen und dabei Vertrauen aufbauen. Mit seiner Firma Meteomedia habe Kachelmann eine gute Ausgangslage. Dazu komme das Engagement bei Radio Basel, das seinem Freund Christian Heeb gehört. Laut Heeb werde Kachelmann gelegentlich ein Projekt präsentieren, das sehr schnell grosse Beachtung finden werde.

Klar ist, dass Kachelmanns Weg zurück über ein besseres Image führen muss. Der Vorwurf der Vergewaltigung wird allerdings an ihm hängen bleiben, wie Gullotti sagt. Vielleicht nicht juristisch – aber als moralischer Beigeschmack. «Wer im Gerichtssaal gewinnt, verliert unter Umständen im Gerichtssaal der Öffentlichkeit.» Kachelmann habe dereinst die Chance, durch Taten sein Image zu verbessern. «Dabei sehe ich Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in der Kommunikation als die beste Strategie, sein Image zu verbessern. Es geht darum, Schwächen oder Fehler einzugestehen», erklärt Gullotti. Ein Beispiel dafür sei Tiger Woods, der nach seinen sexuellen Eskapaden öffentlich Reue gezeigt und sich entschuldigt hat. Die Reputation des Golfstars sei weitgehend wiederhergestellt.

«Zusätzliche öffentliche Auftritte sind nicht ausgeschlossen»

Und was meint Kachelmann, dessen Comeback nach dem Freispruch Anlass für Spekulationen ist? Kachelmann schweigt wie schon im Prozess in Mannheim. Kachelmann will sich zurzeit nicht in den Medien äussern, wie sein Sprecher von der PR-Firma Farner Consulting in Zürich auf Anfrage von baz.ch/Newsnet sagte.

Unmittelbar nach der Urteilseröffnung des Landgerichts Mannheim hatte der Farner-Mann verlauten lassen, dass «Kachelmann ab sofort seine Kraft wieder ganz der Meteomedia Gruppe widmen können wird». Dazu gehörten seine Kommentare zum Wettergeschehen in Medien wie Radio Basel, Radio Primavera und Twitter. Und weiter: «Zusätzliche öffentliche Auftritte sind in Zukunft nicht ausgeschlossen.»

baz.ch/Newsnet

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