Gift aus dem Nichts

Fünf Sandkörner davon bringen den Tod. Was ist Nowitschok? Wer hats erfunden?

Seltener Einblick: Russisches Chemiewaffen-Lager in Gorny. (Mai 2000)

Seltener Einblick: Russisches Chemiewaffen-Lager in Gorny. (Mai 2000)

(Bild: Keystone)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die Pupillen schrumpfen, werden winzig wie Stecknadeln. Das Atmen fällt schwer, der Mann weiss nicht, was passiert. Eigentlich will er ein Pflanzenschutzmittel entwickeln, doch dieses Experiment missrät ihm teuflisch: Gerhard Schrader hat gerade das Nervengift Tabun gemixt. Der Chemiker überlebt seine Erfindung knapp.

Es ist 1936, und natürlich interessieren sich die Nazis für die bräunlich-tödliche Flüssigkeit. Wenig später entwickelt Schrader ein weiteres, schlimmeres Gift: Sarin, jüngst der UNO zufolge in Syrien eingesetzt. Wer das geruchlose Gas einatmet, bekommt Schweissausbrüche, verliert das Bewusstsein, erstickt.

Nach der Zufallsentdeckung beginnt das Tüfteln. Wer Schraders Vorlage zu nutzen versteht und das Molekül geschickt variiert, kann die Wirkung steigern: Das Gift geht schneller ins Blut, die Wirkung dauert länger, die Heilung wird verkompliziert. 1944 entwickeln die Deutschen den Kampfstoff Soman, der noch giftiger ist als Sarin und länger haltbar. Im Zweiten Weltkrieg bleiben die Kampfstoffe dann aber unbenutzt; Hitler fürchtet wohl eine alliierte Revanche.

Anschlag mit Nowitschok: Was bisher geschah. (Video: AFP)

Die Schrader-Studien werden nach dem Krieg in Ost wie West aufgegriffen. 1953 stirbt ein englischer Soldat bei einem Sarin-Experiment. Das ist kein Zufall: Die Briten verwandeln Schraders Stoff in Nervengift VX, das wie Motoröl aussieht, nach faulem Fisch riecht und Erbrechen, Schwindel und Krämpfe bewirkt. Erst letztes Jahr kam es in Kuala Lumpur zum Einsatz: Ein Kommando griff im Flughafen den Bruder von Nordkoreas Diktatur Kim Jong-un an, spritzte ihm VX ins Gesicht. Der abtrünnige Kim Jong-nam starb am selben Tag.

Orange Flecken vor Augen

Schliesslich die russische Ableitung Nowitschok, auf Deutsch «Neuling». Diesen März wird es in England gegen den russischen Doppelagenten Skripal und dessen Tochter verwendet. Ende Juni, Monate später also, kommt es zu Kollateralopfern: offenbar ein drogensüchtiges Pärchen, das im Städtchen Salisbury an einem verseuchten Fläschchen gerochen hatte. Die Frau ist tot, der Mann in kritischem Zustand. Nowitschok wirkt mindestens 50-mal so stark wie Sarin. Überliefert ist ein Unfall in einem Moskauer Labor 1987, bei dem ein Chemiker kurz giftige Nowitschok-Dämpfe einatmete. 1992 erzählte der erkrankte Wissenschaftler in einem Interview vom Horror: orange Flecken vor Augen, klingelnde Ohren. Im Jahr darauf stirbt er an den Folgen. Nowitschok verhindert, dass Botenstoffe abgebaut werden. Die Zellen bleiben im Modus maximaler Anstrengung, die Muskeln verkrampfen sich, die Atmung erlahmt. Eine Nowitschok-Menge von fünf Sandkörnern könne einen Menschen töten, sagt Toxikologie-Professor Peter Dittrich dieser Zeitung.

Eine Chronologie der zwei Nowitschok-Fälle in Bildern

  • loading indicator

Nowitschok ist nicht nur giftiger als ältere Kampfstoffe. Die Herstellung in den 1980ern – auch unter Gorbatschows «Glasnost» heimlich weitergeführt – basierte teils auf der Gleichung «Gewöhnlich plus gewöhnlich gleich absolut tödlich». Als «binärer Kampfstoff» konnte das Nowitschok beiläufig fabriziert werden, indem zwei deutlich weniger gefährliche Stoffe, etwa Pestizide, miteinander kombiniert wurden. So konnte der Kampfstoff erst dort scharf gemacht werden, wo man ihn einsetzen wollte. Und die UdSSR behielt das Nowitschok in der Rückhand, ohne gegen internationale Abrüstungsverträge zu verstossen. Die beiden Ausgangsstoffe an sich waren waffentechnisch ja unproblematisch.

Exakte Formeln weiterhin unbekannt

Das Wissen zu Nowitschok stammt grossteils von Wil Mirsajanow, einem Whistleblower. Mirsajanow leitete in den 80ern die sowjetische Spionageabwehr im Bereich Chemiewaffen und veröffentlichte nach dem Kollaps der UdSSR Informationen in Artikeln und einem Buch. Bekannt wurde er auch als wichtige Quelle für Jonathan Tuckers Standardwerk «War of Nerves». Heute lebt Mirsajanow in den USA.

  • loading indicator

Verblüffend vieles ist unklar: So sind die exakten chemischen Formeln weiterhin unbekannt, es könnte weitere, noch unentdeckte Nowitschok-Varianten geben. Chemiker reden daher von der «Nowitschok-Gruppe» als Sammlung diverser Kampfstoffe. Unklar ist auch, wer heute Nowitschok besitzt. Zwar gilt die Herstellung als kompliziert und gefährlich, und für Mirsajanow ist klar, dass heute vor allem Russland verdächtig ist. Anderseits hat Mitte der 1990er kaum jemand erwartet, dass eine obskure Organisation wie die Aum-Shinrikyo-Sekte fähig sein könnte, in der U-Bahn von Tokio einen Sarin-Anschlag zu verüben.

Nowitschok geht an die Nerven, auch im übertragenen Sinn. Weil es ein Gift ist, das niemand ahnen kann. Kein Brummen eines Flugzeugs und keine Explosion einer Granate warnt davor, kein Gestank. Die Kontamination erfolgt quasi aus dem Nichts. Die Angst, jederzeit und überall vergiftet werden zu können, ist mit Salisbury auch im Westen angekommen. Jenes Unbehagen, das Schriftsteller Haruki Murakami nach dem Sarin-Anschlag von Tokio ans Auftauchen der «Schwärzlinge» erinnerte, einer Unterweltskreatur ohne Augen – für Murakami der «Inbegriff der Gefahren, die stets im Dunkeln lauern».

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt