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Überlebenskampf der UnicornsCorona entlarvt Verlustmodelle hochgejubelter Start-ups

Die Pandemie schürt Existenzängste bei völlig überbewerteten Firmen. Die Pandemie hat vielen Anlegern deutlich gemacht, dass deren Geschäftsmodelle – Umsatz bolzen und Verluste machen – nicht nachhaltig sind. Einige sind bereits pleite.

Vorbereitung für den Launch der US_Satellitenfirma OneWeb in Baikonur, Kasachstan am 6. Februar 2020.
Vorbereitung für den Launch der US_Satellitenfirma OneWeb in Baikonur, Kasachstan am 6. Februar 2020.
Kommersant Photo / Polaris/laif

Die Covid-19-Pandemie trifft die weltweite Start-up-Szene hart. Davon sind auch die sogenannten Einhörner betroffen – das sind junge Unternehmen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. «Einige Unicorns werden untergehen», orakelte Uber-Chef Dara Khosrowshahi kürzlich gegenüber dem britischen Magazin «Economist».

Erste Pleiten werden sichtbar. Am 28. März stellte die US-Satellitenfirma OneWeb einen Insolvenzantrag. Grund: Eine neue Finanzierungsrunde sei «von der Coronavirus-Krise torpediert worden». OneWeb wollte mit Hunderten Satelliten eine weltumspannende Internetversorgung aus dem All aufbauen.

Im Februar erwischte es den Onlinehändler Brandless, im Monat davor den Pizzalieferdienst Zume, der seine Pizzas von Robotern backen lässt. Im Dezember gab der texanische Elektroscooter-Anbieter Unicorn Rides auf. Und vor wenigen Tagen musste das chinesische Start-up Luckin Coffee zugeben, dass Umsatzzahlen in Höhe von rund 300 Millionen Dollar gefälscht worden waren.

Furcht, dumm dazustehen

Fünfzig Start-ups im Silicon Valley haben laut «New York Times» bereits 6000 Mitarbeiter entlassen. Anleger handeln angesichts von Covid-19 und Börsenabsturz vorsichtiger. Ihre «Furcht, leer auszugehen» sei durch die «Furcht, dumm dazustehen» ersetzt worden, meint Alfred Lin, Partner beim Risikokapitalgeber Sequoia Capital im Silicon Valley.

Das Modell von Wachstum um jeden Preis hat ausgedient, Anleger wollen Substanz und Gewinne sehen. Sequoia bezeichnet in einem Rundschreiben Covid-19 als «Schwarzen Schwan 2020» für die Szene. Überrissene Bewertungen von Einhörnern, gescheiterte Börsengänge wie jener des Büroflächenanbieters WeWork, der Grössenwahn von Firmengründern und der Börsencrash im März haben einen Realitätsschock bewirkt.

Chinesische Einhörner wie der Gesichtserkennungsanbieter Sensetime oder der Dronenhersteller DJI werden aktuell um 10 Prozent niedriger gehandelt, das Start-up HelloBike sogar um 20 Prozent niedriger. Die Bewertung wird anhand neuer Finanzierungsrunden ermittelt, wenn Anleger ihre Anteile aushandeln. Eingesetztes Risikokapital in China ist laut dem Fernsehsender CNN in diesem Jahr um 66 Prozent eingebrochen.

Auch Anleger wie der Vision-Fonds des japanischen Telekommunikations- und Medienkonzerns Softbank müssen bluten. Softbank-Chef Masayoshi Son gab diese Woche einen Verlust von 12,5 Milliarden Dollar bekannt. Er musste Anteile im Wert von 41 Milliarden Dollar verkaufen, um den eigenen Schuldenberg zu drücken.

Kleine Schweizer Start-ups gefährdet

Die Krise macht auch in der Schweiz die Runde. Kleinere Start-ups bangen um ihre Existenz. Der Zürcher E-Bike-Verleiher Smide muss seit Beginn der Corona-Krise «einen deutlichen Rückgang der Nachfrage von bis zu 30 Prozent» verkraften, wie Geschäftsführer Raoul Stöckle sagt. Bei der Konkurrenz seien es gar «bis zu 80 Prozent», so Stöckle. Daher ändert er seine Strategie auf Langzeitmieten von etwa zwei bis drei Monaten. So hat er vier Spitäler mit seinen Bikes ausgestattet. Stöckle verweist auf mehr Aufwand bei der Wartung der E-Bikes. Alle Räder müssten täglich desinfiziert werden.

Die Investoren seien zurückhaltend, beobachtet der Firmenchef, die «Gesprächsbereitschaft gleich null». Stöckle sieht keine Liquiditätsengpässe, kann aber bei der Expansionsstrategie aktuell «nicht mehr Gas geben». Der Unternehmer erwartet «eine Marktbereinigung durch Corona». Stöckle will jedoch durchhalten. Um den Barbestand zu erhöhen und die E-Bike-Flotte zu modernisieren, verkauft er seine Gebrauchträder für Preise um die 3500 Franken. Neue Modelle kosten fast dreimal so viel.

Bund soll Start-ups unter die Arme greifen

Der Schweizer Investor Nicolas Berg fordert vom Bundesrat eine Milliarde Franken für einen Start-up-Fonds, an dem sich Bund und Privatanleger zu je gleichen Teilen beteiligen sollen. Junge Unternehmen seien «als Motor für Innovation und zukunftsträchtige Jobs systemrelevant», sagt Berg. Er befürchtet, dass die Investitionen in diesem Jahr um etwa 50 Prozent einbrechen und dass ab Mai bei 40 bis 80 Jungunternehmen, die aus den Hochschulen hervorgingen, «die Lichter ausgehen».

Laut ETH-Professor Markus Gross hat Covid-19 das Geschäftsmodell vieler Start-ups, etwa im Reisesektor, «ausgesetzt oder gar zerstört». Angesichts der Börsenturbulenzen und der finanziellen Verluste reagierten Anleger «risikoscheu». Sie würden Hochrisikopositionen in ihrem Portfolio vermindern. Auch Pascale Vonmont, die Geschäftsführerin der Basler Gebert-Rüf-Stiftung, beobachtet eine Verschlechterung der Lage für Start-ups. Die Anleger seien «vorsichtig und in Warteposition». Die Stiftung leistet Anschubfinanzierungen und hilft Start-ups bei Finanzierungslücken. Aktuell betreut sie 15 Unternehmen.

Gewisse profitieren von der Krise

Laut dem «Swiss Venture Capital Report 2020» gibt es hierzulande rund 2500 bis 3000 Start-ups. Pro Jahr kommen 300 bis 400 Neugründungen dazu. Im vergangenen Jahr wurden rund 2,2 Milliarden Franken an frischem Kapital investiert. Zum Vergleich: In den USA waren es ein Jahr zuvor rund 120 Milliarden Dollar.

Unter den 465 wertvollsten Einhörnern der Welt finden sich drei Schweizer Firmen: die Schaffhauser Softwarefirma Acronis, der Lausanner Neuromedizin-Spezialist Mindmaze und das Zürcher Fintech-Unternehmen Numbrs. Alle drei werden mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet.

Acronis hat im September 2019 eine erfolgreiche Finanzierungsrunde in Höhe von 147 Millionen Dollar durchgeführt. Grösster Geldgeber ist die US-Investmentbank Goldman Sachs. Acronis entwickelt Speziallösungen im Bereich Cybersicherheit und verzeichnet infolge von Covid-19 eine steigende Nachfrage – gemäss Firmengründer Serguei Beloussov wegen «zunehmender Aktivitäten von Cyberkriminellen». Die Homeoffice-Infrastruktur sei nicht so gut geschützt wie bei Unternehmen, erklärt Beloussov. Es gebe daheim keine Sicherheitsarchitektur, aber viele Endgeräte, Familienmitglieder hätten zudem kein professionelles Cyber-Sicherheitstraining. Hacker sähen deshalb zunehmende Chancen für Attacken. Das Cloud-Geschäft von Acronis zur sicheren Lagerung von Daten hat laut Beloussov im ersten Quartal um 88 Prozent zugenommen.

Auch der Neuromedizin-Spezialist Mindmaze hat gute Überlebenschancen, dank einer 100 Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde vor vier Jahren. Ebenfalls gut finanziert ist das Fintech-Unternehmen Numbrs. Es hat im Juli vergangenen Jahres rund 40 Millionen Dollar an frischem Kapital eingesammelt. Prominente Anleger sind der frühere UBS-Präsident Marcel Ospel oder Privatbankier Pierre Mirabaud. Insgesamt dürfte das Unternehmen bisher rund 200 Millionen Dollar erhalten haben.

37 Kommentare
    Sacha Meier

    Aus der Perspektive der Wirtschaftspolitik betrachtet, ist diese im Westen seit den WTO-Globalismusbeschlüssen 1995 obsolet geworden, da ja das Primat über die Wirtschaft an die Wirtschaft selber überging. Ganz anders in China, wo die Regierung mittels Programmen, wie «Project Torch», OBOR, «Made in China 2025», etc. klar die industrielle, natur- und ingenieurwissenschaftliche und auch die ökonomische Weltherrschaft anstrebt. Dafür nimmt sie auch grosse Investitionen auf sich. Rein objektiv gesehen, hat der Westen seine Deindustrialisierung längst unumkehrbar gemacht - wie das Debakel um fehlende Medikamente, Desinfektionsmittel und Schutzmasken nicht klarer hätte zeigen können. Somit hat die Pandemie letztlich China genützt, das sich jetzt auch bald noch die letzten Reste der verflossenen westlichen Industrie unter den Nagel reissen kann. Besonders Hochtechnologie-KMU und Startups aus den Bereichen der «Old-Economy» hatten schon vor der Krise sehr grosse Probleme, weil seit einem Jahrzehnt schon kein Investor mehr in Technologien investiert, wo absehbar ist, dass China schon bald die Marktdominanz übernimmt. Diese Betriebe werden wohl alle untergehen und die Technologie nach China transferiert werden. Dazu denke ich, dass China nach dem Untergang der längst nach römischem Vorbild konsumverblödeten und dekadent gewordenen abendländischen Zivilisation das Erbe der Menschheit weiterführen wird. Weil die wirtschaftlichen Karten nach der Coronakrise (mindestens ein wenig) neu gemischt werden, dürfte es bei den New Economy StartUps zu einer Selektion via den Marktaussichten kommen. Konsum-, Pharma-, SocialMedia- und FinTech-Betriebe können wohl weiterhin auf üppige Investments zählen. Solche aus der Tourismus-, Gastronomie- und Dienstleistungsveredelungs-Branche eher weniger. Ich denke, es ist noch zu früh, sich festzulegen. Sollte SARS Cov-2 endemisch werden (d.h. nie ganz verschwinden), wird sich die westliche Wirtschaftsgesellschaft ganz anders entwickeln, als wenn das Virus ganz verschwindet. Profitieren wird in jedem Fall China. Schliesslich brauchen wir weiterhin unsere Alltagsgüter, Technologieprodukte mit geplanter Obsoleszenz, Medikamente, und auch Reis, Tomatenprodukte, Pilze und italienische Modeartikel aus chinesischer Hand.