China – Indien 64:3

Analyse

Beide Staaten haben über eine Milliarde Einwohner, verfügen über Atombomben und sind aufstrebende Grossmächte. Doch ein Blick auf den olympischen Medaillenspiegel offenbart eine Kluft. Die Hintergründe.

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Manuela Kessler@manukesslair

China, das erst 1979 in die Olympiafamilie aufgenommen wurde, sammelt Auszeichnungen am laufenden Band: Die Sportler aus der Volksrepublik brillieren in London nicht nur in Trampolin und Gewichtheben, sondern auch in Kerndisziplinen wie Schwimmen und Leichtathletik. 64 Medaillen, fast die Hälfte in Gold, haben sie bisher geholt: China wetteifert mit den USA um den Titel als erfolgreichste Sportnation.

Der indische Staat hinkt

Derweil liegt Indien, das im Jahr 1900 erstmals vertreten war, mit einer silbernen und zwei bronzenen Auszeichnungen weit hinten. Der Paradesport der Inder ist das Schiessen. Das ist höchstens insofern bemerkenswert, als es ihnen unter britischer Herrschaft streng verboten war, privat Waffen zu besitzen. Betrachtet man die Ausbeute aller Olympiateilnahmen (und klammert die Kleinstaaten ohne jede Medaille aus), ist Indien gemessen an der Bevölkerung das erfolgloseste Land.

In keinem anderen Bereich – ausser der öffentlichen Infrastruktur – fällt der Vergleich ähnlich brutal aus. Das ist kein Zufall. Während China ultramoderne Flughäfen, Schnellstrassen und Highspeed-Zugstrecken aus dem Boden stampft und die Olympischen Spiele 2008 nutzte, um Pomp und Pracht zu demonstrieren, hinkt der indische Staat der wirtschaftlichen Entwicklung hinterher. Das Strassennetz ist bescheiden, die Eisenbahn heillos überlastet, die Strom- und Wasserversorgung völlig ungenügend. Und die Commonwealth Games 2010 in Delhi, die bisher grösste Sportveranstaltung im Land, machte Schlagzeilen mit einer eingestürzten Brücke, undichten Toiletten und leeren Stadien.

Zugespitzt ausgedrückt: In China sehen wir eine nationale Anstrengung, an die Weltspitze zu kommen, zentral gesteuert von der Kommunistischen Partei, das macht die Stärke der Volksrepublik wirtschaftlich wie sportlich aus. In Indien sind es Individuen, die nach oben streben – allen Unzulänglichkeiten der grössten Demokratie der Welt zum Trotz. Beeindruckende Beharrlichkeit, Flexibilität und Erfindungsgabe zeichnen die grossen und kleinen Unternehmer des Landes aus. Warum kommen diese Qualitäten im Sport so gar nicht zum Tragen? Schliesslich ist Indien nicht das einzige Land, das keine Früherfassung und Sportinternate wie China kennt.

Pingpong hier, Yoga da

Sehen wir über diese Drillanstalten hinweg; der kulturelle Faktor dahinter, die Einstellung zu körperlicher Betätigung, ist nicht minder wichtig. Die Revolution in China bestand unter anderem darin, dass Mao das ganze Volk zu schwerer Arbeit zwang. Stubenhocker waren dem Grossen Vorsitzenden und seinen Kampfgenossen verhasst. Er selbst demonstrierte Fitness beim Durchschwimmen des Jangtsekiangs. Und die Chinesen eiferten ihm nach. Schattenboxen, Pingpong, Badminton und Volleyball entwickelten sich zu Breitensportarten mit Hunderten Millionen von Praktizierenden. Das letzte Jahrzehnt hat nicht nur eine Kommerzialisierung mit Profi-Ligen gesehen, weg von direkter Staatskontrolle, es hat auch einen Boom in Trendsportarten wie Golf, Reiten und Skateboard gebracht – und kleine Fitnessparcours für die älteren Semester.

Der indische Hinduismus hingegen schätzt körperliche Arbeit gering, sie ist traditionellerweise Sache der unteren Kasten und Unberührbaren. Den meisten Schulen fehlen Geld wie Interesse, Sport zu unterrichten. Wer es sich in Indien leisten kann, lässt sich bedienen und chauffieren. Die britischen Kolonialherren haben in den Grossstädten zwar Gymkhanas hinterlassen, Sportzentren an zentraler Lage, die einst ihnen vorbehalten waren. Aber diese sind zu den exklusivsten Clubs der neuen Upperclass geworden. Die einzigen wirklich populären Sportarten – Cricket und Yoga, die auf jeder freien Fläche betrieben werden können – sind nicht olympisch.

4428 schwingende Hüften

Weltrekorde wie verrückt sammelt Indien anderswo, im einschlägigen Guinnessbuch. Wer jetzt an die längsten Fingernägel denkt, liegt falsch. Die gehörten mit 9,85 Metern einem verstorbenen Amerikaner. Inder vollbringen Kunststücke, wie mehr als 20 Stunden mäuschenstill zu stehen oder die gefesselten Arme 27-mal unter den Füssen durch und über den Kopf zu winden. Oder den grössten Bollywood-Tanz aller Zeiten zu inszenieren: eine Welle von 4428 schwingenden Hüften, Dick und Dünn, Gross und Klein vereint – das ist schlicht betörend.

Tages-Anzeiger

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