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Fans des 1. FC NürnbergÖffentliches Gedenken an einen Neonazi erstaunt

Teile der Nürnberger Fanszene trauern um einen verstorbenen Club-Anhänger – der war ein bestens vernetzter Neonazi und Rechtsrock-Aktivist. Drängende Fragen bleiben unbeantwortet.

Fans des 1. FC Nürnberg beim Zweitliga-Spiel gegen den SV Sandhausen am 27. September 2020.
Fans des 1. FC Nürnberg beim Zweitliga-Spiel gegen den SV Sandhausen am 27. September 2020.
Foto: Getty Images

Der Mann, der Mitte September starb, war glühender Anhänger des 1. FC Nürnberg und Dauergast in der Nordkurve des Max-Morlock-Stadions. Auf den ersten Blick mag es also durchaus geboten erscheinen, dass Teile der Club-Fanszene seiner auch öffentlich gedachten. «Ruhe in Frieden, Kecki», stand auf einem grossen Transparent, das Fans in der vergangenen Woche am Aussenzaun zur Nordkurve anbrachten. Die «Rot-Schwarze Hilfe» (RSH), ein Zusammenschluss von Juristen, der Fans bei Schwierigkeiten mit der Polizei vertritt, legte ein Kondolenzbuch im Internet auf. Doch das ist aus dem Netz verschwunden, ebenso wie die Erklärung der RSH, man habe es schliessen müssen, weil es «für politische Zwecke missbraucht» worden sei.

Dass das die RSH wundert, ist wiederum verwunderlich. Denn der verstorbene Christian K. war nicht nur Fussballfan, er war auch einer der führenden Neonazis Bayerns und eine Schlüsselfigur in der rechtsextremen Musikszene. «K. war Aktivist des rechtsextremen Blood-and-honour-Netzwerkes», weiss Jonas Miller, der zum investigativen Rechercheteam des Bayrischen Rundfunks gehört und ein profunder Kenner der rechten Szene ist.

Auch Verbindungen zum NSU seien wahrscheinlich. Fotos zeigen K. zudem beim 2017 von 6000 Neonazis besuchten Rechtsrock-Festival «Rock gegen Überfremdung» in Themar (Thüringen) und auf einem europaweiten Rechtsrocktreffen im Veneto. Besonders gut waren seine Verbindungen zur Szene-Band «Sleipnir».

Warum rufen Fananwälte zu Trauerbekundungen für einen NS-Aktivisten auf?

Nach Augenzeugenberichten sollen Mitglieder der aus Ostwestfalen stammenden Band ebenso bei der Trauerfeier in Erlangen gewesen sein wie etwa 150 weitere Personen aus dem Nazi- und Hooligan-Spektrum. Sleipnir-Sänger Marco Bartsch veröffentlichte auf seiner Homepage eine Ode an den Verstorbenen, der «Nürnberg, deinem Club» und den «Brüdern» nun fehle. Christian K. habe sich wie kein anderer «für unsere Sache aufgeopfert» und trinke nun «vielleicht ein Bier mit Ian» – gemeint ist Ian Stewart Donaldson, der 1993 verstorbene Sänger der Band Screwdriver, die als europäische Ikone des Nazirock gilt. Die Organisatoren der Trauerfeier hatten explizit die Bekannten von Christian K. aus dem politischen und dem Fussball-Spektrum eingeladen; zu unterschiedlichen Uhrzeiten.

Nun kann man aus gutem Grund im Kondolenzbuch ausgedrückte Häme vieler Menschen über das Ableben K.'s pietätlos finden. Doch es bleibt die Frage, warum sich Fananwälte bemüssigt sehen, öffentlich zu Trauerbekundungen für einen NS-Aktivisten aufzurufen. Und warum Fans ein Transparent am Zaun zur Fankurve anbrachten. Dass dies ohne Wissen der aktiven Fanszene mit der Signatur «Nordkurve Nürnberg» geschah, ist nicht vorstellbar.

Wer in Nürnberg recherchiert, trifft auf viele Menschen, die sich nicht öffentlich äussern möchten. Zwei Argumentationsmuster hört man dennoch. Zum einen, dass eine jahrzehntelange Sozialisierung in einer Fankurve die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringe. Und dass dies Aussenstehende nicht verstehen könnten, liege in der Natur der Sache. Zum anderen, dass man zwischen der Person und der politischen Gesinnung K.'s trennen müsse. Diese Argumentation erinnert allerdings fatal an die Ereignisse rund um den Chemnitzer FC im März 2019, als die Fankurve des verstorbenen Neonazis Thomas Haller gedachte und dabei sogar mit einer Durchsage des Stadionsprechers unterstützt wurde.

Die damalige Fanbeauftragte, eine SPD-Politikerin, argumentierte – wie weite Teile der Fanszene – man könne zwischen dem Menschen und dessen NS-Gesinnung trennen. Der CFC, der später zurückruderte und Drohungen der rechten Szene publik machte, äusserte sich zunächst ähnlich: «Das Bedürfnis der Menschen nach gemeinsamer Trauer gilt es für uns zu respektieren.» Es handele sich dabei allerdings nicht um eine «Würdigung des Lebensinhalts des Verstorbenen».

«Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben in der Club-Familie keinen Platz. Wir distanzieren uns klar von solchem Gedankengut.»

Katharina Fritsch, Leiterin Unternehmenskommunikation 1. FC Nürnberg

Auch die «Rot-schwarze Hilfe» in Nürnberg ist einer ideologischen Nähe zu Rechtsaussen unverdächtig. Zu gerne hätte man deshalb erfahren, warum sie das Kondolenzbuch aufgelegt hat, und ob dabei die gleiche Denkweise wie in Chemnitz zu Grunde lag, wonach zwischen Person und Ideologie getrennt werden könne. Doch diese und andere Fragen, die die «Süddeutsche Zeitung» am 24. September an die RSH sandte, blieben bis heute unbeantwortet. In grossen Teilen der Nürnberger Fanszene ist die Verärgerung über die Trauerbekundungen für K. deutlich zu spüren. Das Kondolenzbuch musste geschlossen werden, weil Rechte wie ihre Gegner Kommentare dort hinterliessen.

Doch die RSH ist eine private Organisation, die organisatorisch völlig unabhängig vom FCN ist. Der Zweitligist wiederum reagierte sofort, als 2018 publik wurde, dass ein NPD-Mitglied im Vorstand eines Fanklubs aktiv war und drängte erfolgreich auf dessen Absetzung. Hier hatte man eine Handhabe, um den Fan in die Schranken zu weisen.

Nürnberg Vorreiter in der Aufbereitung

Katharina Fritsch, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Zweitligisten, betont dann auch, dass «Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der Club-Familie keinen Platz haben und wir uns klar von solchem Gedankengut distanzieren». Fussballvereinen komme «eine gesellschaftspolitische Bedeutung beim Abbau von Unwissenheit und Vorurteilen zu, die zumeist Nährboden für Rassismus sind». Am Freitag veröffentlichte der 1. FC Nürnberg dazu ein umfangreiches Statement auf seiner Homepage. Es sei für den Verein «inakzeptabel, dass einzelne Personen oder eine Gruppe von Fans einem verstorbenen Neonazi, der Club-Fan war, mit einem aussen am Max-Morlock-Stadion angebrachten Spruchband gedacht haben.» Öffentliche Trauer für eine Person, die sich politisch derart extrem positioniert habe, würde immer auch politische Botschaft verstanden. Man setze sich dafür ein, dass sich sowas nicht wiederhole.

Tatsächlich hat der Club kein grösseres Problem mit Rechten in der Fankurve als andere Vereine. Im Ligavergleich ist der 1. FC Nürnberg sogar eher einer der Vorreiter bei der Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte. So gedenkt er mit vielerlei Projekten des von den Nazis vertriebenen ehemaligen Trainers Jenö Konrad und organisiert Gedenkstättenfahrten ins Konzentrationslager Flossenbürg. Auch für Geschäftsführer Niels Rossow und die gut 50 Club-Fans, die bei der Fahrt in die Oberpfalz dabei waren, muss es eine unangenehme Vorstellung sein, dass in der Kurve offenbar auch Menschen geduldet werden, die die NS-Zeit ganz anders thematisieren, als sie selbst es tun.