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Betagte und Corona«Nur etwa 20 Prozent der Hochaltrigen überleben die Intensivstation»

Betagte Menschen sollten sich dringend Gedanken darüber machen, ob sie bei einer Corona-Ansteckung ins Spital oder lieber begleitende Massnahmen zu Hause möchten, rät der Alters- und Palliativmediziner Roland Kunz.

Ältere Menschen müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie bei einer Corona-Infektion ins Spital gehen möchten oder nicht.
Ältere Menschen müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie bei einer Corona-Infektion ins Spital gehen möchten oder nicht.
Guglielmo Mangiapane/Reuters

Die grösste Risikogruppe sind alte Menschen. Wie gross sind ihre Chancen, eine Corona-Infektion zu überleben?

Rund 85 Prozent der über 80-Jährigen überstehen die Ansteckung. Das heisst aber auch: 15 Prozent überleben nicht. Zum Vergleich: Bei den unter 50-Jährigen ist es nur ein halbes Prozent. Zusätzlich kommt es bei hochaltrigen Patienten oft zu einem schweren Verlauf der Krankheit. Ein Teil muss auf die Intensivstation verlegt werden, und dort ist die Mortalität sehr hoch, um die 80 Prozent.

Wann kommt man auf eine Intensivstation?

Wenn jemand Atemnot hat und künstlich beatmet werden muss. Bei älteren Menschen führt die Atemnot jedoch schnell zu einer Stresssituation, die sich auch auf die übrigen lebenswichtigen Organe auswirkt. Sie versagen dann nach und nach, und die Patienten sterben.

Macht es überhaupt Sinn, Hochaltrige auf eine Intensivstation zu verlegen?

Das ist eine zentrale Frage. Wenn man betagt ist, bereits an mehreren Krankheiten leidet und im Alltag auf Hilfe angewiesen ist, rate ich ganz klar davon ab, weil die Heilungschancen verschwindend klein sind. Deshalb empfehle ich dringend, dass sich alte Menschen nun Gedanken darüber machen, welche Massnahmen sie sich bei einer Corona-Infektion wünschen, ob sie überhaupt noch ins Spital wollen oder lieber zu Hause möglichst gut allenfalls auch in den Tod begleitet werden möchten.

Das müsste allerdings passieren, bevor sie sich anstecken.

Genau. Die Weichen muss man vor dem Spitaleintritt stellen. Denn gerade bei betagten Corona-Patienten kann sich der Zustand innerhalb von wenigen Stunden dramatisch verschlechtern. Man hat dann gar nicht mehr die nötige Zeit, mit diesen Menschen darüber zu reden, was sie sich wünschen und was sie lieber nicht mehr möchten.

Ist das die Aufgabe von Angehörigen?

Nicht nur. Da sind vor allem die Hausärzte gefordert, in den Alters- und Pflegeheimen sollte das Personal diese Thematik mit den Bewohnern besprechen, damit der Rettungsdienst im Notfall nicht etwas unternimmt, was der Patient gar nicht möchte.

Bei älteren Menschen führt Atemnot schnell zu einer Stresssituation, die sich auch auf die übrigen Organe auswirkt.

Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung hat eine Patientenverfügung. Wie kann man jetzt auf die Schnelle festhalten, ob man sich lebensverlängernde Massnahmen wünscht?

Eine Patientenverfügung nützt bei einem akuten Corona-Fall wenig, da sie erst zum Zug kommt, wenn die Patienten schon auf der Intensivstation liegen und die Ärzte entscheiden müssen, ob sie das Beatmungsgerät abstellen. Es ist sinnvoller, in einem Dokument schriftlich festzuhalten, wie man bei einer Infektion behandelt werden möchte. Also dass man zum Beispiel gar nicht erst ins Spital will.

Wie sollte so ein Dokument aussehen?

Es ist sicher hilfreich, die Massnahmen zuerst mit einer Fachperson, zum Beispiel mit dem Hausarzt, zu besprechen. Die Patienten schreiben die gewünschten Massnahmen danach nieder, und der Hausarzt unterschreibt das Papier. Man nennt es eine ärztliche Notfallanordnung.

Ältere Menschen können sich auch einen «No CRP»-Sticker (keine Cardio-Pulmonale Reanimation) auf die Brust kleben, der signalisiert, dass sie im Notfall nicht wiederbelebt werden möchten. Wie nützlich sind diese Kleber?

Diese Variante ist juristisch noch nicht wasserdicht. Es könnte nämlich sein, dass jemand aus der Verwandtschaft diesen Kleber quasi böswillig angebracht hat, etwa bei dementen Patienten. Der «No CRP»-Sticker muss also nicht zwingend Ausdruck der eigenen Haltung sein. Kommt hinzu, dass der Rettungsdienst nicht selber entscheiden darf, ob eine Reanimation sinnvoll ist. Das können nur Ärzte. Wenn man also nicht auf der Intensivstation landen möchte, ist das zuverlässigste Mittel ein Dokument, das vom Hausarzt unterschrieben wurde.

Wie viele betagte Menschen wollen überhaupt hospitalisiert werden?

Derzeit verdrängen viele die Bedrohung noch. Sie gehen nach wie vor spazieren und einkaufen. Das heisst, sie haben sich kaum mit solchen Fragen befasst. Aus Umfragen weiss man aber, dass die meisten Menschen nicht auf einer Intensivstation an Schläuchen angehängt sterben wollen. Wenn man alte Leute über die schlechten Prognosen aufklärt und mit ihnen all die guten Palliativmassnahmen bespricht, dann schätze ich, dass sich etwa zwei Drittel gegen einen Spitalaufenthalt entscheiden.

Welche sterbebegleitenden Massnahmen kommen bei Corona-Patienten zum Zug?

Bei leichter Atemnot verabreichen wir zu Beginn Medikamente, die das Gefühl der mangelnden Sauerstoffaufnahme lindern. Fällt das Atmen zunehmend schwer, versetzen wir die Patienten in einen Schlafzustand. So können sie ruhig sterben, weil sie die Atemnot nicht mehr wahrnehmen.

Es ist wichtig, dass sich Angehörige richtig verabschieden können. Bei Corona-Patienten ist das leider fast nicht möglich.

Sollten sich betagte Menschen aus Solidarität mit Jüngeren für die Palliativpflege entscheiden?

Grundsätzlich hat jeder Mensch ein Recht zu leben, und wir können nicht sagen, die einen müssen zugunsten von anderen verzichten. Wenns auf den Intensivstationen eng wird, kommt es aber klar zu einer Selektion. Dazu sind bereits Richtlinien erlassen worden.

Man wird also betagte Menschen sterben lassen?

Man wird jene mit der höchsten Überlebenschance bevorzugen, um ihnen eine intensivmedizinische Behandlung zu ermöglichen.

Dagegen werden sich einige Angehörige von älteren Menschen sicher wehren.

Diese Angst teile ich weniger. Wenn die Tochter weiss, wie schlecht die Prognosen sind, dass ihr multimorbider 85-jähriger Vater die Intensivstation heil verlässt, wird sie ihn vielleicht doch lieber gehen lassen.

Wie steht es um die Kapazitäten in der Palliativpflege für Menschen zu Hause oder in Altersheimen?

Momentan haben wir in der Region Zürich genügend mobile Palliativteams im Einsatz. Bei einem grossen Schub von Corona-Patienten oder wenn das Virus in Alters- und Pflegeheimen ausbricht, wird es sicherlich zu Engpässen kommen. Wir sind deshalb daran, eine Hotline aufzubauen, damit sich die Leute möglichst rund um die Uhr an jemanden wenden können.

Wo vermuten Sie die nächsten grossen Herausforderungen?

Es ist wichtig, dass sich Angehörige richtig verabschieden können. Bei Corona-Patienten ist das leider fast nicht möglich. Es finden derzeit keine Beerdigungen statt, ausserdem muss man die Verwandten wegen der Ansteckungsgefahr sehr schnell von den Verstorbenen trennen. Bisher weiss niemand, wie sich diese Hektik auf all die Hinterbliebenen auswirkt, wie sie den Verlust verkraften, wenn ihnen niemand richtig beistehen kann.

Kann man sich derzeit von Corona-Patienten überhaupt noch verabschieden?

Ja, aber nur mit einem Schutzanzug, Handschuhen und Maske. Die Angehörigen dürfen Sterbende jedoch nicht umarmen und ihnen zum Beispiel auch keinen Kuss mehr geben.

Darf man Sterbenden wenigstens noch die Hand halten?

Das geht, allerdings nur mit Gummihandschuhen.