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Historiker über Mythos Eiger«Noch heute übernachtet man im Todesbiwak»

Der Historiker Rainer Rettner besitzt das grösste Privatarchiv zur Eigernordwand. Der Buchautor sagt, warum die legendäre Wand bis heute mit Tragödien verbunden wird – und wo sich der Klimawandel am deutlichsten zeigt.

Alpinist und Co-Autor des Buchs «Passion Eiger» Roger Schäli in der Nordwand.
Alpinist und Co-Autor des Buchs «Passion Eiger» Roger Schäli in der Nordwand.
Foto: PD

Rainer Rettner, wieso braucht es ein weiteres Buch über den Eiger?

Durch die Wand ziehen heute fast 40 unterschiedliche Routen, hinter jeder einzelnen stecken spannende Geschichten. Bekannt sind vor allem die Anfänge, also die Dramen ab 1935 und natürlich die Erstbegehung durch Heckmair 1938 und Co. Ab 1966 gab es viele spektakuläre neue Routen, die viel weniger dokumentiert wurden. Das wollten wir nachholen.

Zum Beispiel die Harlin-Direttissima?

... wobei diese Geschichte noch zu den gut dokumentierten gehört. Eine deutsche und eine angloamerikanische Expedition wollten 1966 die erste Direttissima am Eiger schaffen, also möglichst direkt auf den Gipfel. Zuerst waren sie Rivalen, später schlossen sie sich zusammen. John Harlin, der amerikanische Leader, der von der Direktlinie besessen war, stürzte ab, als ein Seil riss. Nach einem Monat standen ein Schotte und vier Deutsche auf dem Gipfel. Anders als die Linie der Erstbegeher um Anderl Heckmair wurde die Direttissima aber nicht nur gefeiert, sondern auch stark kritisiert.

Weswegen?

Der Gedanke der Direttissima besagt, dass die ideale Linie «dem Weg des fallenden Tropfens» folgt. Also in direkter Linie zum Gipfel. Man nutzte daher nicht immer die natürlichen Schwachstellen der Wand, sondern arbeitete sich mit grossem Materialaufwand empor, verlegte Fixseile und stieg daran häufig hoch und runter in der Wand. Die Presse verglich das sogar mit einer Baustelle. Manchmal verbrachte man die Nacht feiernd auf der Kleinen Scheidegg und stieg anderntags an den Fixseilen wieder hoch, um die Kletterei fortzusetzen. Trotzdem war es eine starke Route, eben im Stil dieser Zeit durchgeführt. Demgegenüber ist die Heckmair-Route eine ganz andere Linie: Es gibt viele Quergänge, die Linie ist dadurch alles andere als direkt und misst rund drei Kilometer, obschon die Wand «nur» 1800 Meter hoch ist.

Dabei ging man schon ganz am Anfang davon aus, dass der direkteste Weg der beste war ...

Genau. Als die beiden Münchner Max Sedlmayr und Karl Mehringer 1935 anreisten, beobachteten sie die Wand eine Woche lang und erkannten, dass es im zentralen Teil oft gefährlichen Steinschlag gab. Also dachten sie wohl, man müsste auf geradem Weg so schnell wie möglich hoch. Sie kamen bis zum zweiten Eisfeld, wobei sie bereits bis dorthin Kletterstellen im sechsten Grad bewältigen mussten, was damals das Limit des Menschenmöglichen war. Sie gerieten in einen Wettersturz und starben oberhalb des zweiten Eisfelds. Die Stelle, wo man dann eine der Leichen aus einem Flugzeug sichtete, trägt seither den Namen Todesbiwak und wird heute noch als Übernachtungslager genutzt.

Weshalb hält der Mythos Eiger bis heute?

Die Wand liegt einen Steinwurf von der Kleinen Scheidegg entfernt, von wo aus durchs Fernrohr schon 1935 sehr genau zugeschaut wurde. Die Tragödien wurden ausgeschlachtet, nacherzählt, verfilmt. Das brachte dem Eiger einen Ruf, der bis heute anhält. Auch wenn das mit der heutigen Realität teilweise nicht mehr viel zu tun hat.

«Die Eigernordwand bleibt ein Begriff, der eng an die Tragödien geknüpft ist, die vor über 80 Jahren geschahen.»

Wie meinen Sie das?

Es gibt längst unzählige Routen im Alpenraum, die um ein Vielfaches schwieriger sind als die klassische Heckmair-Route, doch davon nimmt die Öffentlichkeit kaum Kenntnis. Die Eigernordwand bleibt ein Begriff, der eng an die Tragödien geknüpft ist, die vor über 80 Jahren geschahen. Damals gab es keine zuverlässigen Wetterprognosen, weder Handy noch Helme, und schon gar keine Rettungshelikopter. Dafür Seile, die rissen, und schwere Schuhe mit mühsam zu fixierenden Steigeisen. Kein Vergleich mit heute.

Sprechen wir über den Zeitraum ab 1966. Was geschah dann?

Bis in die 60er wurde die Heckmair-Route vielfach wiederholt. Das öffentliche Interesse daran war so gross, dass selbst die x-ten Wiederholer noch als mediale Stars gefeiert wurden. Doch irgendwann ermüdete das. Eine direkte Linie zum Gipfel wurde als das «letzte Problem der Westalpen» definiert. Die Harlin-Route war dann zwar die erste Direktroute, doch wurde sie eben auch stark kritisiert. Es folgten die Japaner mit einer Sommer-Direktlinie, in den 1970ern dann die Tschechen. 1983 vollendete der Slowake Pavel Pochylý die Ideal-Direttissima, welche 1935 Sedlmayr und Mehringer im unteren Wandteil begingen, ehe sie starben. Er gehört zu den vielen spannenden Köpfen, die in der Zeit zwischen 1966 und 1991 am Eiger auftraten und auf deren Geschichten wir im Buch den Fokus legen.

«Die markanten Eisfelder, die früher ganzjährig Bestand hatten, verschwinden heute im Sommer.»

Wie hat sich die Eigernordwand seit 1938 verändert?

Deutlich sichtbar ist der Klimawandel: Die beiden markanten Eisfelder, die früher ganzjährig Bestand hatten, verschwinden heute im Sommer. Die Heckmair-Route wird seit etwa 15 Jahren kaum mehr im Sommer geklettert, der Steinschlag ist zu gefährlich, und die Bedingungen sind zu schlecht in der auftauenden Wand. 1980 war eine Winterbegehung noch eine Sensation. Heute ist das der Normalfall, während sich im Sommer höchstens noch irgendwelche Koreaner in die zentrale Wand trauen, die diesen Wandel noch nicht mitbekommen haben. Davon ausgenommen ist der rechte Wandteil mit dem Genferpfeiler. Da hat das Klettern im Sommer stark zugenommen. Auch das ist ein sichtbarer Wandel, ein gesellschaftlicher.

Inwiefern?

Das alpine Sportklettern hat insgesamt stark zugenommen. Am Genferpfeiler sowie links und rechts davon verlaufen viele Routen, die in reiner Felskletterei begangen werden. Dort ist der Fels kompakt und trocken, es gibt kaum Steinschlag. Da geht es um den Freiklettergedanken: Der Weg ist das Ziel – nicht der Gipfel.

Der Eiger hat also noch nicht ausgedient?

Noch lange nicht! Die Faszination für die Heckmair-Route ist im Winter ungebrochen. Da sind bei guten Verhältnissen, welche über die sozialen Medien natürlich wie ein Lauffeuer die Runde machen, locker mal zehn Seilschaften gleichzeitig am Werk. Und im rechten Wandteil gab es in den letzten Jahren viele neue Felsrouten, da greift jetzt die Generation Kletterer an, die mit Kletterhallen gross wurden. Einzig die zahlreichen Direktlinien im zentralen Wandteil sind stark aus der Mode gekommen. Davon sind viele bis heute nicht einmal wiederholt worden. Roger Schäli ist einer der wenigen Alpinisten, die sich auch dieser Routen angenommen haben. Auch deshalb wollten ihn Jochen Hemmleb und ich unbedingt als Co-Autor mit dabeihaben.

1 Kommentar
    Jacquemoud Ph

    Ich fände extrem schade - und ich verstehe den Zweck nicht - den Mythos Eigernordwand demontieren zu wollen. Natürlich gibt es zig Routen in den Alpen, die sicherlich schwieriger sind. Aber die magische Attraktion war in dieser "heroïschen" Periode einmalig. Auch wenn andere Nordwände (Matterhorn, Jorassen in Mt-Blanc Massif etc) Medien und Publikum durchaus auch (zwar später und selektivet) faszinierten durch die Anstrengungen von damaligen spitzen Bergklettern wie Bonatti oder Demaison, sie in solo zu besteigern, zuerst im Sommer, dann im Winter. Aber keine Nordwand hat es so gebracht und verdient, ein Mythos zu sein und ich plädiere vehement dafür, dies nicht auch "canceln" zu wollen. Was soll das bitte bringen? Es wäre Jammerschade. Unzählige Filme und Bücher haben das Mythos so schön und spannend verfesstigt. Ne touche oas à ma face Nord de l'Eiger (auch wenn ich diese Route persönlich nicht besteigert habe, denn die objektive Gefahren waren dort viel zu hoch für einen reinen Hobbykletterer)...