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Tschans PanoptikumNicht über Corona schreiben

Der Frühling wärmt, die Wälder grünen, die Vögel freuts. Nur der Mensch plagt sich so mit seinen existenziellen Gedanken.

Die Frühlingssonne wärmt das Rheinufer, die Enten haben ihren Spass daran.
Die Frühlingssonne wärmt das Rheinufer, die Enten haben ihren Spass daran.
Foto: Pino Covino

Erste Schwalben sind da.

Die Sonne wärmt schon in der Früh. Und immer länger.

Der Atem geht. Der Heuschnupfen lässt ab und zu die Augen tränen.

Der Milan kreist und die Raben verscheuchen ihn.

Die Raben verscheuchen alle. Wer verscheucht die Raben?

Einer trägt in der linken Hand eine Bibel und in der rechten einen Colt.

Den, den er erschoss, ist nicht auferstanden.

Die Holzkohle glüht. Bob Dylan singt 17 Minuten.

Butch Cassidy, Sundance Kid und Etta Place leben wahrscheinlich noch in Patagonien. Napoleon lebt definitiv nicht mehr.

Der Bärlauch blüht noch nicht. Viele Menschen machen jetzt Bärlauch-Pesto ein. Die Metzger machen Bärlauch-Würste.

Der Wald erblüht. Die Hunde müssen an der Leine gehalten werden und die Rehkitze geschützt werden. Die Rehkitze wissen das noch nicht. Aber die Hunde. Vielleicht.

Frauen tragen draussen wieder Leibchen mit Spaghettiträgern und die Männer knielange Hosen. Auch im Wald. Leinenlos.

Es ist schwer, jemandem, von dem man sich unter Schmerzen getrennt hat, aufrichtig Glück zu wünschen.

Die Magnolien vor der Pauluskirche sind bereits verblüht. Wohnt Gott noch in der Pauluskirche oder ist er in die Matthäuskirche umgezogen? Oder in die Bruderholzkirche?

Einer versucht, mitten auf der Schussfahrt zu wenden. Alle anderen nicht.

Ein Igel kreuzt den Garten im Dämmerlicht. Schwalben jagen Mücken. Nach ihnen jagt eine Fledermaus Mücken. Mücke zu sein war schon immer ein schwieriges Dasein.

Die Fische im Rhein sind die Fische im Rhein. Hasen können nicht schwimmen.

Der Hund legt sich auf den Rücken und bietet seinen Bauch zum Kraulen an. Hört er schon das Futter in den Napf fallen?

Die Nachbarin hämmert im Garten. Der Nachbar hat sich einen Hexenschuss eingefangen. Wenn die Nachbarin ausgehämmert hat, kann der Roboter-Rasenmäher den Rasen mähen. Das wird er fortan immerzu tun.

Der Grosse Wagen fährt bald wieder über unseren Himmel. Viele Menschen deuten auf das Sternbild und zeigen es ihren Kindern. Meist ist es das Einzige, das sie kennen. Und ihre Kinder auch. Und deren Kinder auch.

Wo sind die Sonntagsanzüge geblieben? In der Kleidersammlung? Oder gab es die Sonntagsanzüge bereits nicht mehr, als es die Kleidersammlung gab?

Einer trug in der rechten Hand eine Bibel und in der linken einen Colt. Der, den er erschiessen wollte, hatte überlebt. Er ist ein Klapperschlangen-Priester geworden.

Ein Erpel schwimmt ruhig über den Teich. Seine braungefiederte Partnerin brütet derweil im Schilf. Wenn sie auf Futtersuche geht, bedeckt sie das Gelege mit Nistmaterial. Der Erpel hat nichts mehr damit zu tun.

Sitzen wir alle auf demselben Zeitstrahl? Auch Basel?

Es gab das Kino «Union», da konnte man zwei Filme für fünf Franken sehen. Man durfte auch sitzen bleiben, wenn der zweite Film zu Ende war. Im Winter taten dies viele, um Heizmaterial zu sparen.

Es gibt Legenden, die sagen, Butch Cassidy und Sundance Kid seien im Union umgekommen. Etta Place wollte den Tod der beiden nicht sehen und verschwand in der Rio Bar.

Napoleon verschwand im Dôme des Invalides.

Ein Harlekin entstieg unbemerkt aus seinem Bild, schnappte sich eine Halbmaske und mischte sich unter das Fasnachtstreiben. Als er betrunken und müde zurück in sein Bild wollte, liessen ihn die Museumswächter nicht hinein. Er hatte weder eine Eintrittskarte noch einen Museumspass.

Die Rabbis im anderen Saal nahmen sich dies zu Herzen und unterliessen fortan jegliche Fluchtversuche. Auch nicht, um in der Synagoge zum Rechten zu sehen.

Die Laiengemeinschaft der Beginen war die Spitex des mittelalterlichen Basel. Die Franziskaner trugen den Beginen auf, ihren Patienten gegen entsprechende Gaben ein Grab bei der Barfüsserkirche schmackhaft zu machen. Die Franziskaner wurden rasch reich. Die Beginen blieben arm.

Wenn wir Sterne sehen, die heute 3,5 Milliarden Jahre alt sind, warum können wir sie nicht sehen, als sie 2,5 Milliarden Jahre alt waren? Sitzen wir alle auf demselben Zeitstrahl? Auch Basel?

«Es isch esoo», pflegte Imkervater Erwin jeweils zu sagen. Ich habe Erwin nicht gekannt. Ambros schon.

Patrick Tschan, Schriftsteller, lebt mit Basel