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Corona-Privilegien der SuperreichenDer Impf-Tourismus floriert

Dubai und Abu Dhabi sind besonders beliebt für teure Impfferien. Aber auch in Russland kann man sich mit den richtigen Verbindungen gegen Corona immunisieren lassen. Oder im Kanton Thurgau. Die Frage ist, wie lange noch.

Besonders beliebt für Impfferien: Dubai.
Besonders beliebt für Impfferien: Dubai.
Foto: Rustam Azmi (Getty Images)

Der südafrikanische Milliardär Johann Rupert ist nicht der Einzige, der sich fern der Heimat gegen Corona impfen liess. Möglich ist das offenbar nicht nur im Kanton Thurgau (wir haben darüber berichtet), sondern auch in den Golfemiraten Dubai und Abu Dhabi. Das schrieb die britische Zeitung «Telegraph». Falls man nicht zu einer Risikogruppe gehört und deshalb noch nicht zur Impfung zugelassen ist, lässt sich mit einem solchen Ausflug die lange Wartefrist überspringen. Hilfreich ist ausserdem, dass die Einreisebestimmungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten eher locker und die Pizer-Impfung offenbar ausreichend vorhanden sind.

Vor allem bei superreichen Briten sind die Emirate als Impfdestination beliebt. Der «Telegraph» zitiert Stuart McNeill, Chef des Knightsbridge Circle, eines privaten Concierge-Service. Kostenpunkt für die Mitgliedschaft: 25’000 Pfund pro Jahr. McNeill ist es gewohnt, seinen Kunden Backstage-Drinks mit Berühmtheiten wie Lady Gaga oder ein Mittagessen mit dem Papst einzufädeln. Notfalls besorgt er auch exklusive Handtaschen, die leider bereits ausverkauft sind.

Der aktuelle Renner sind jedoch Arrangements mit Strandferien samt Impfung gegen das Coronavirus. «Dubai und Abu Dhabi bieten bereits private Termine für den Pfizer-Impfstoff an. Etwa 20 Prozent unserer Kunden haben sich dafür entschieden, dorthin zu fliegen und sich impfen zu lassen. Ausserdem ist Dubai derzeit für britische Gäste quarantänefrei, sodass die meisten in den Wochen zwischen der ersten und der zweiten Impfung am Strand entspannen», so McNeill. Was will man mehr?

Sputnik für Oliver Stone

Der Knightsbridge Circle, eine Art Rundum-Butler-Dienst für alles, was das Leben angenehmer und leichter macht, zählt Adlige, Prominente und Geschäftsleute zu seinen Kunden. Einige seien in der Öffentlichkeit gut bekannt und wollten sich nun impfen lassen, fügte McNeill hinzu. Für die Kunden des Knightsbridge Circle sind die privaten Impfungen kostenlos, ihre Mitgliedsbeiträge decken die Kosten.

Das Schweizer Webportal finews.ch, das über die Finanzbranche berichtet und sich an Banker und Versicherer wendet, schreibt sibyllinisch, dass Schweizer Privatbanken, die Concierge-Dienste im Gesamtpaket mit der Vermögensverwaltung anbieten, solche Anfragen «ebenfalls nicht fremd sein dürften».

Beziehungen helfen: Filmregisseur Oliver Stone interviewt Wladimir Putin in Moskau (19. Juni 2019).
Beziehungen helfen: Filmregisseur Oliver Stone interviewt Wladimir Putin in Moskau (19. Juni 2019).
Foto: Alexey Druzhinin (AFP)

Wer lieber Winter-Impfferien macht, ist unter Umständen in Russland gut aufgehoben. So wie der amerikanische Filmregisseur Oliver Stone («Platoon», «JFK»), der mit Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich bekannt ist. Der 74-jährige Oscarpreisträger liess sich Anfang Dezember die Sputnik-Impfung verpassen, obwohl er in Russland eigentlich nicht zur Risikogruppe gezählt hat. «Ich habe vor ein paar Tagen einen Impfstoff bekommen. Ich weiss nicht, ob es funktionieren wird, aber ich habe gute Dinge über den russischen Impfstoff gehört», sagte Stone dem russischen Staatssender. Angeblich soll auch Putins Tochter die Impfung erhalten haben.

Geschäftsmodell mit kurzer Halbwertszeit

Eigentlich ist der internationale Flugverkehr derzeit eingeschränkt. Mit dem Verweis auf Geschäftsinteressen können wohlhabende Menschen möglicherweise eher einen Vorwand für Auslandsreisen finden als andere. Allerdings dürfte der Impftourismus ein Geschäftsmodell mit kurzer Halbwertszeit sein. Denn sobald weitere Impfstoffe zugelassen sind und die Produktion generell steigt, dürfte die Corona-Impfung ihre Exklusivität verlieren.

«Die Welt steht am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens.»

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der WHO

Derweil gibt es auch den Impftourismus von Normalverdienern. Er spielt sich jedoch vor allem innerhalb der Landesgrenzen ab. In den USA etwa hat sich Florida als beliebtes Impfziel erwiesen, da in diesem Bundesstaat die Kampagne besser angelaufen ist als etwa in Alabama. Deshalb gab Florida am Donnerstag neue Gesundheitsrichtlinien heraus, um den Impftourismus zu unterbinden. Fortan sollen Covid-19-Impfstoffe nur an permanente und saisonale Bewohner abgegeben werden, berichtete CNN. Auch in Deutschland kam es zu Impftourismus zwischen einzelnen Bundesländern.

Verteilung der Impfstoffe läuft extrem ungleich ab

Offensichtlich läuft die Verteilung der Impfstoffe extrem ungleich ab. Wer geimpft wird, entscheidet sich oft danach, wer am meisten bezahlt, und nicht danach, wer die Impfstoffe am ehesten benötigt. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für ganze Länder oder gar Kontinente. «Die Welt steht am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens», sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation. «Der Preis für dieses Versagen wird mit Leben und Lebensgrundlagen in den ärmsten Ländern der Welt bezahlt werden.»

Das gilt insbesondere für Afrika, das zunächst von der Pandemie nur glimpflich betroffen schien, nun aber von der zweiten Welle voll erfasst wird. Davon betroffen ist selbst Südafrika, das reichste Land des Kontinents und die Heimat von Milliardär Johann Rupert. Das Land mit knapp 60 Millionen Einwohnern hat Millionen von Impfdosen bestellt. Wann sie eintreffen, steht nicht fest.

In Anlehnung an alte Zeiten möchte man anfügen: Wenn das Geld im Kasten klingt, das Virus aus dem Körper springt.

16 Kommentare
    Gerrit Gerritsen

    Es ist schön, dass Superreichen und Co. sich als "auch Versuchskaninchen" zur Verfügung stellen. Da diese sowieso oft im Rampenlicht stehen, kann man dann die Langzeitwirkungen der Vaccine live beobachten.