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Von Komma-Ignoranten und Hoffnungslosigkeit

Das Komma, dieser Held der Interpunktion, der einst eine grosse Rolle als sprachlicher Ordnungshüter spielte, verliert an Autorität.

Das Komma – einst war es ein Satzzeichen, das vor Selbstbewusstsein und Stolz nur so strotzte. Obwohl von Gestalt schlank, ja unscheinbar, gestattete man ihm, gebieterischer aufzutreten als ein Ausrufezeichen. Man holte es immer gerne dann zu Hilfe, wenn es galt, Haupt-von Nebensätzen zu trennen, Wörter auseinanderzuhalten oder Strukturen zu schaffen in einem Text. Das Komma hatte die Lizenz, als eine Art sprachlicher Polizist aufzutreten, der für Ordnung sorgte, sei es in einem Zeitungsartikel, sei es in einem Buch.

Leider ist es so, dass heutzutage nicht nur der Polizist im Begriff ist, in der Gesellschaft an Autorität zu verlieren, sondern auch das Komma. Kaum jemand achtet es, kaum jemand ruft mehr nach ihm, kaum jemand nimmt es noch ernst. Wenn man es doch einmal einsetzt, geschieht das oft zur falschen Zeit, am unpassenden Ort.

Kannibalismus oder netter Enkel?

Da liest man zum Beispiel: «Hänschen rief: ‹Wir essen jetzt Opa›» und stellt sich die bange Frage: Will uns der Autor wirklich eine Geschichte über eine Familie erzählen, die sich anschickt, einen Angehörigen zu verspeisen? Geht es also um Kannibalismus? Oder hatte der Komma-Ignorant nicht vielmehr vor, eine Szene zu entwerfen, in der ein Enkel seinen Grossvater freundlich auffordert, sich mit an den Esstisch zu setzen, indem er ihm zuruft: «Wir essen jetzt, Opa!»

Das korrekte Setzen des Kommas kann über Leben und Tod entscheiden. Wenn der Richter dem Henker sagt: «Warte, nicht hängen!», lässt er Gnade vor Recht ergehen, und der Verurteilte hat noch mal Glück gehabt. Befiehlt der Richter aber: «Warte nicht, hängen!», bleibt dem Delinquenten keine Zeit mehr, über die letale Wirkung eines falsch gesetzten Kommas nachzudenken.

Schier hoffnungslose Lage

Das Komma, einst Held der Interpunktion, ist zum Aussenseiter geworden, den man ignoriert – ein Kerl, dessen Gesellschaft man nicht schätzt. Wäre ich ein Komma, würde ich schwermütig: Was haben alle gegen mich, dass sie meine Existenz nicht zu schätzen wissen?

Die Lage des Kommas im Jahr 2019, in dem selbst renommierte Buchverlage glauben, auf Lektoren und Korrektoren verzichten zu können, ist, auf den Punkt gebracht: hoffnungslos.

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