Vom Nutzen einer Psychoanalyse

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Therapie.

Fast schon eine Reliquie: Der Überwurf, der auf Sigmund Freuds berühmter Couch lag, hier als Exponat in der Library of Congress in Washington (Oktober 1998). Foto: Khue Bui (AP, Keystone)

Fast schon eine Reliquie: Der Überwurf, der auf Sigmund Freuds berühmter Couch lag, hier als Exponat in der Library of Congress in Washington (Oktober 1998). Foto: Khue Bui (AP, Keystone)

Peter Schneider@PSPresseschau

Als langjährige Analysandin wundere ich mich immer wieder, wie sehr sich Exponentinnen und Exponenten der Psychoanalyse scheuen, den therapeutischen Nutzen ihres Tuns deutlich zu formulieren, beziehungsweise wie sehr sie damit kokettieren, nicht effi­zient zu sein. Ich liebe das psycho­analytische Denken und Grübeln, bin aber auch dankbar für die ganz handfesten Ergebnisse.
A. H.

Liebe Frau H.

Ich kenne einige Kolleg*innen, die grosse Hemmungen haben, den therapeutischen Nutzen einer Psychoanalyse zu propagieren. Und ich gehöre dazu. Da ich die Motive der anderen nicht kenne, rede ich im Folgenden also einfach von mir.

Wie meistens muss ich dazu ein wenig ausholen. Seit knapp dreissig Jahren übe ich diesen Beruf nun aus, und ich schätze, dass am Anfang bei der Betonung der Nicht-Effizienz der Psychoanalyse tatsächlich ein gutes Mass Koketterie eine Rolle gespielt hat – oder vielleicht besser: trotz gegenüber der Nutzen-Fixiertheit mancher Therapeut*innen und der sich damals etablierenden Berufsverbände. Die Betonung der Effizienz kam mir vor, als würde ein Pfarrer nicht von Gott reden, sondern immer nur betonen, wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass Beten nachhaltig den Blutdruck senkt und darum von der Krankenkasse bezahlt werden sollte.

Keine Königin der Theorie

Die Psychoanalyse war für mich aber damals vor allem Theorie mit therapeutischen Side Effects. Im Laufe der Jahre jedoch hat sich bei mir eine Ernüchterung hinsichtlich der Theorie eingestellt. Die Sorgen, ob dieses oder jenes «noch» Psychoanalyse sei, die Expansion der diffizilen Begriffswichserei ohne irgendeinen Erkenntnisgewinn und die gefühlt 167. Freud- oder Lacan-Lektüre gehen mir nur noch auf den Keks. Was nicht bedeutet, dass die psychoanalytische Theorie für mich hinfällig geworden ist. Sie zählt zu meinem theoretischen Kanon wie etwa Judith Butler, Michel Foucault oder Ian Hacking als eine von anderen, aber gewiss nicht (mehr) als die Königin von allen.

All dies hat es mit sich gebracht, dass meine Ansichten zum Verhältnis von Theorie und Therapie sich merklich entspannt haben. Ich glaube, dass vielen Menschen eine Psychoanalyse guttut, dass es ihnen mit einer solchen Therapie besser geht als ohne.

Für therapeutischen Realismus

Ich kann sie trotzdem nicht reihum empfehlen wie einen Blutdrucksenker. Es ist schwierig, vorherzusagen, was sie wem bringt und in welchem Ausmass. Die Psychoanalyse ist gewiss nicht bloss ein Placebo für ohnehin Gesunde. Aber sowenig wie sie bloss «Wellness» bietet, ist sie auch kein Allheilmittel für jedes psychische Elend. Nicht hinter jedem Unglück steckt ein psychoanalytisch zu klärender unbewusster Konflikt; manche Patienten brauchen eher kontinuierlich Zuwendung, andere mehr finanzielle Sicherheit. Manche Symptome sind derart unspezifisch, dass eine auf individuellen unbewussten Sinn ausgerichtete Psychoanalyse nichts gegen sie ausrichten kann.

Nur, manches wird erst im Laufe der Zeit sichtbar; und manche Erfolge der Psychoanalyse sind unspezifisch in Bezug auf diesen therapeutischen Zugang. Wenn ich das heute sage, dann ist meine therapeutische Bescheidenheit keine Koketterie mehr, sondern nur therapeutischer Realismus. Und ich kann Ihnen versichern, dieser Realismus hat nicht dafür gesorgt, dass ich in Miesepetrigkeit verfallen bin.

Er sorgt im Gegenteil meistens für gute Laune.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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