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Schlichte Melodien in ungestümen Noise-Landschaften

Im Vorfeld hatte Festivalchef Arno Troxler in Interviews auffallend zurückhaltend gewirkt. 40 Jahre Jazzfestival Willisau: Was er da vorhabe, fragte man ihn. Kaum Spezielles, antwortete Troxler. Er werde wie stets aktuelle Musik an sein Festival bringen. Fast etwas müde wirkte er, als er meinte, er habe unterschätzt, wie sehr das Festival bis heute mit seinem Onkel Niklaus Troxler, dem Festivalgründer, identifiziert werde.

Das jüngere Ohr

Nachvollziehbar war, dass der Neffe bei der Jubiläumsausgabe nicht zur grossen Retrospektive ausholen wollte. So hätte er ja nur wieder das «alte» Festival beschworen. Arno Troxler war vor fünf Jahren mit dem Anspruch angetreten, mit seinem jüngeren Ohr in der Programmierung selber Akzente zu setzen.

Aus diesem Geiste gestaltete er auch das diesjährige Festival, rund 4500 Besucherinnen und Besucher verfolgten die Konzerte an den fünf Tagen (ein Zuwachs nochmals im Vergleich zum letzten Jahr). Immer nachhaltiger schält sich das stilübergreifende Profil des «neuen» Anlasses heraus mit aktuellen Spielformen zwischen Jazz, Indie-Rock, Electronica; und besser spräche man also statt vom 40. Jazzfestival Willisau vom 5. Festival von Arno Troxler.

Der Sonntag des Festivals war exemplarisch: Nach Marc Ribot folgte mit Steve Coleman einer der wichtigsten Gegenwartsjazzer. Gerade Coleman wirkte in Willisau aber merkwürdig rückwärtsgewandt – fast klang seine Band mit ihrem kühlen, repetitiven Hyperfunk so wie in den frühen 80er-Jahren, als Coleman den M-Base-Jazz lostrat.

Überraschender als dieses Konzert – und damit typischer für Willisau – waren die etlichen nur regional bekannten Bands der Vortage, die eine Musik brachten, von der man nicht schon von vornherein wusste, wie sie tönen würde. So hörte man das Zürcher Quartett Objets Trouvés mit freien, oft das Fragmentarische suchenden Klängen; hörte das reizvolle Quartett der Berliner Sängerin Johanna Borcher (Schlagzeug: Julian Sartorius), die schlichte Melodielinien einkleidete in oft ungestüme Noise-Landschaften; hörte Chimaira, das Quartett des jungen Zuger Drummers Alex Huber mit drei wendigen Instrumentalisten aus Berlin. Das alles brachte Unerwartetes. Nicht selten aber spürte man auch etwas Formalistisches, eine gewisse Steifheit im Zugriff auf Musik, die man scheinbar eher als «Material» denn als Emotion begriff.

Melos trifft auf Ekstase

Ganz anders waren da jene beiden Unternehmen, die in Willisau am Wochenende für die grösste Begeisterung sorgten. Voller musikalischem Elan vital musizierte der Berner Bassist Bänz Oester mit südafrikanischen Musikern: seine Band The Rainmakers spielte sich auf einfachen Vorlagen hoch in einen Sturm der Emotionen.

Dann Brian Blade mit seiner Fellow­ship Band: Das Ensemble des begnadeten amerikanischen Schlagzeugers begann sein Konzert am Samstag harmonisch, fast unanständig einfach, sodass man sich an Blades wundervolles Zart-Pop-Projekt Mama Rosa erinnert fühlte. Eine Seelenmusik, die auf Afroamerika aufbaut, auf Gospel und Spiritual. Doch Blade spielte hier auch seinen harten Schlagzeugschlag aus: Mit unerhörter Wucht liess er oft die Donner und die Blitze fahren. Dazu kamen in der Frontlinie zwei Gospelprediger an Alt- und Tenorsaxofon (Melvin Butler und Myron Walden), die in Zungen redeten. Melos und Ekstase trafen sich hier, Selbstversenkung und Extravertiertheit. Und das Publikum wollte am Schluss nur noch stehend applaudieren.Christoph Merki

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