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Diese «Deutschstunde» ist eine Sternstunde

Johan Simons inszeniert den Romanklassiker von Siegfried Lenz: ein Ereignis.

Achtung, Superlativ, und er hat seinen Grund: Am Thalia-Theater ereignet sich Theatergeschichte. Die Feier schierer Sprachgewalt, entgrätet um allen Firlefanz und falsches Pathos, sechs Körper auf leeren, windschiefen Dielen, geknäuelt, frei stehend, fallend, Halt ­suchend! Ein Fanal furioser Schauspielkunst, atemlose zwei Stunden. Ein ­grosser Niederländer inszeniert einen grossen Deutschen, Siegfried Lenz’ «Deutschstunde», ein Hauptwerk in den Annalen deutscher Nachkriegsromane.

Das Ergebnis ist ein Ereignis, übertrifft sich selbst an Wahrheit und Klarheit, übertraf die kühnsten Erwartungen, die man an Johan Simons haben kann, den langjährigen Intendanten der Münchner Kammerspiele und neuen Leiter der Ruhrtriennale.

Warum sind wir die, die wir sind? Es ist diese Frage, die Lenz ins Zentrum seines Versuchs einer Spurensuche stellt. Siggi Jepsen (Jörg Pohl) sitzt wegen Bilderdiebstahls in einer Jugendstrafanstalt und will sich erinnern, an die Jahre 1943 bis 1954, an seinen Vater, den Landpolizisten an der norddeutschen Küste. Jens Ole Jepsen – Jens Harzer spielt ihn mit einem im Zuchtstockleib eingewachsenen Sadismus – hat nichts als die Pflicht im Sinn, wenn er seinen Jugendfreund, den Maler Nansen (Sebastian Rudolf, ein Emil Nolde leichtfüssiger Art) denunziert; obwohl der ihm damals, als Kind, das Leben gerettet hat.

Aber Jepsen verfolgt Nansen nicht nur während der Nazizeit aus blinder Dienstbereitschaft, er fährt damit auch fort, als der Krieg längst vorüber ist. Daran erinnert Sohn Siggi in seinem Aufsatz zum Thema «Die Freuden der Pflicht», es ist sein Versuch, Geschichte durch Geschichten beizukommen gemäss Lenz: «Denn was sind Geschichten? Zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen.»

Und diese Bühnenfassung bekennt sich und bekennt Farbe! Simon kondensiert epische 500 Seiten, indem er sich auf den Urgrund alles Bösen, Irrationalen beschränkt: die Familie. Und wenn ihre Mitglieder auf Bettina Pommers Bühnendeich windschief rudernd wie sinnlose Windmühlen wirken, wird der Kampf sichtbar, der hier Leben meint. Leben, Entscheide fällen, schuldig werden. Es gibt kein Entkommen. Nur die Freiheit, den Kampf auch als Kampf mit sich selbst zu verstehen.

Daniele Muscionico

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