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Der Aufholbedarf ist gross

Die Fintech-Branche fordert weniger Regulierung; die Universitäten in Zürich und St.?Gallen die Gründung eines Fintech-Zentrums bis 2020. Die Schweiz hinkt hinterher.

Die Bankiervereinigung befasst sich seit über einem Jahr intensiv mit Fintech. «Dies ist eine stark wachsende Branche mit grossem Potenzial in der Schweiz», sagt Sprecher Thomas Sutter. Er absolviert derzeit eine Podiumsdebatte nach der anderen zum Thema. Überall werde ihm die gleiche Frage gestellt: «Haben die Schweizer Banken, hat der Verband den Fintech-Trend verschlafen?»

Glaubt man den Autoren einer Studie der Universitäten Zürich und St. Gallen vom Februar 2015, steht es um den ­Finanzplatz tatsächlich mässig gut. Am 18. Juni warnten Bankenprofessor Thorsten Hens und Finanz-IT-Wissenschaftler Thomas Puschmann sogar an einer Tagung, es drohe der Abstieg, wenn man das Steuer nicht herumreisse. Zürich und Genf würden an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Hochschulen in Boston, Stanford, New York, Montreal, Singapur und Hongkong würden «innovative Ecosysteme» für Fintech schaffen. Selbst der Wirtschaftsrat des US-Präsidenten habe sich des Themas angenommen. Nicht so in der Schweiz. «Wie holen wir Zürich zurück auf die Fintech-Weltkarte?», fragte Hens rhetorisch.

Bankiervereinigung am Ball

Eine Massnahme wäre die Gründung ­eines Fintech-Innovationszentrums bis ins Jahr 2020. Hinter dem Vorschlag stehen fünf Banken, sechs Hochschulen, zwei Verbände und der Kanton Zürich. Gemäss einer Studie der Protagonisten lockt viel Entwicklungsgeld in Fintech. Heute werden weltweit rund 12 Milliarden Dollar investiert. 2017 sollen allein die Banken 48 Milliarden in das Gebiet stecken, sogenannte Nicht-Banken weitere 60 Milliarden. Von diesem Kuchen soll die Schweiz ein Stück sichern.

Die Bankiervereinigung unterstützt das. «Wir können die Finanzplatzakteure vernetzen, das politische Lobbying koordinieren und Einfluss auf Rahmenbedingungen nehmen, damit Banken und Fintech optimale Voraussetzungen in der Schweiz haben.» Das Ziel sei, möglichst grosse Teile der Wertschöpfungskette in der Schweiz zu behalten.

Dafür müsse allerdings auch der Regulator mitspielen. Die häufigste Kritik der Branche an der Finanzmarktaufsicht (Finma) lautet: Zu lange Bewilligungsprozesse, Verhinderungsmentalität, zu hohe Kosten. Auch der Vorwurf, die Finma schütze das bestehende Geschäftsmodell der Banken, steht im Raum. Auch Sutter sagt: «Bei der Finma müsste die Devise zum Umdenken von ganz oben kommen.»

Die Finma weist die Vorwürfe zurück. «Wir beschäftigen uns auf strategischer wie fachlicher Ebene mit Fintech», sagt Sprecher Vinzenz Mathys. Man stehe «nicht nur mit etablierten Marktteilnehmern, sondern auch potenziellen, neuen Wettbewerbern in Kontakt». Man analysiere derzeit, «welcher Regulierungsrahmen gegen neue Technologien unnötig diskriminierend» wirke. Innovation sei ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.

Gleichzeitig dämpft die Behörde die Erwartungen. Ihre primäre Aufgabe sei, «die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte zu erhalten und das Kollektiv der Kunden – Anleger, Gläubiger und Versicherte – vor Insolvenzen zu schützen». Das verlange das Gesetz. Anders gesagt: Will die Branche mehr, muss das Parlament der Finma einen Auftrag erteilen.

Ein dringender Wunsch der Branche ist beispielsweise die Möglichkeit, Kunden digital zu identifizieren. Heute muss jeder, der ein Konto eröffnen will, persönlich am Schalter erscheinen. In Grossbritannien sei dies anders. Dort könne sich der Kunde online ausweisen.

Die elektronische Kundenidentifikation sei in der neuen Geldwäschereiverordnung bereits vorgesehen, kontert die Finma. Voraussetzung sei aber, dass die Echtheit einer Ausweiskopie «von der Datenbank eines anerkannten Anbieters von Zertifizierungsdienstleistungen» ­bestätigt werde. Eine solche Hürde ist der Fintech-Branche aber zu hoch.

Zum Fintech-Zentrum werden

Ob die fehlende digitale Unterschrift Fintech wirklich bremst, ist offen. «Die Vermögensverwaltung ist ein Traditionsgeschäft, das auf Vertrauen basiert. Hier hat Fintech zurzeit noch einen geringen Anteil», sagt Sutter. Heute werden rund 14 Milliarden Franken an Vermögen über Fintech-Tools verwaltet. Wie stark dieser Anteil wächst, hängt vom Angebot ab. Entscheidend für Schweizer Banken ist laut Sutter, dass sie sich den direkten Kontakt zum Kunden bewahren. «Anbieter wie Google oder Facebook haben demgegenüber unendlich viele Daten zu den Nutzerbedürfnissen. Hier müssen die Banken aufholen.» Sonst laufen sie Gefahr, dass Google und Facebook dereinst zum digitalen Finanzberater würden. Der Bank bliebe dann nur noch das direkte Bankengeschäft. «Ohne den direkten Kundenkontakt aber sind wir nur noch der Maschinenraum», so Sutter. Aus der Luft gegriffen ist dieses Szenario nicht. In den USA vermittelt Google bereits Versicherungen. In China verkauft der Onlinemarktplatz Alibaba Versicherungen und Fonds und baut ein Konkurrenzangebot zu den Finanzinformationen von Bloomberg auf.

Risikoforschung fehlt

Fintech ist aber nicht nur eine Bedrohung für das traditionelle Bankgeschäft – es ist auch eine Chance. Und zwar nicht nur im Geschäft mit den Endkunden. Der weltweite Erfolg der beiden Schweizer Fintech-Player Avaloq und Finnova zeige, dass «gutes Geld im Geschäft mit Unternehmen» zu verdienen sei, sagt Finanzprofessor Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern. Dieses Segment beurteilt er sogar als «erfolgversprechender» als das Geschäft mit Endkunden. Viele Fintech-Geschäftsmodelle müssten ihr wahres Potenzial aber erst noch unter Beweis stellen, warnt Bankenprofessor Hens.

Was müssen Banken konkret tun, um den Zug nicht zu verpassen? «Sie müssten den Mut und die Bereitschaft haben, etwas auszuprobieren», sagt Dietrich. Hens fordert die Finanzinstitute auf, ihre Organisation zu ändern: «Radikale Veränderungen gelingen zumeist nicht, wenn sie als Stabsstellen in der eigenen Organisation verankert sind.»

So gross die Chancen sind, so wenig wird zu den Risiken geforscht. Die Finma nennt auf Anfrage einige wenige: Das Risiko, dass «virtuelle Anbieter im Ausland mit Schweizer Identität werben»; «Geldwäschereirisiken aus Geldübertragung mit virtuellen Währungen»; «Cyberrisiken (Attacken)».Andreas Valda

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