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BeherbergungsverboteNeue Regeln vermiesen den Deutschen die Herbstferien

In unserem Nachbarland wächst der Ärger über Massnahmen, die den Tourismus im Inland massiv einschränken, zur Eindämmung des Virus aber wenig beitragen.

Schön, aber für viele Deutsche derzeit fast unerreichbar: Der Strand vor Westerland auf der Insel Sylt, in Schleswig-Holstein.
Schön, aber für viele Deutsche derzeit fast unerreichbar: Der Strand vor Westerland auf der Insel Sylt, in Schleswig-Holstein.
Foto: Andreas Herzau (Keystone)

Endlich Herbstferien! Über Wochen hatten Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer die Deutschen beschworen, sie sollten doch im Herbst nicht ins Ausland verreisen, sondern ihre Ferien möglichst in Deutschland verbringen. Nun heisst es plötzlich: Am liebsten fahren Sie gar nicht weg, sondern bleiben zu Hause! Welche Ferien?, fragen sich da viele.

Weil Ermahnungen bekanntlich nicht immer fruchten, gab es Ende letzter Woche noch das passende Gesetz dazu: Das sogenannte Beherbergungsverbot verbietet es Hoteliers und Vermietern von Ferienwohnungen, Gäste aus Risikogebieten aufzunehmen.

Vor allem in deutschen Grossstädten ist in den letzten Tagen die Zahl der Neuinfektionen sprunghaft gestiegen. Berlin, München, Köln, Bremen, Frankfurt oder Stuttgart zählen mittlerweile zu den «Risikogebieten», weil sie innerhalb der letzten 7 Tage mehr als 50 Fälle pro 100'000 Einwohner meldeten. Vor einer Woche standen auf dieser Liste noch 6 Landkreise oder Städte, am Montag waren es bereits 33. Und es werden täglich mehr.

Findet die Beherbergungsverbote unsinnig: Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Findet die Beherbergungsverbote unsinnig: Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Foto: Roberto Pfeil (Keystone)

Je mehr Gebiete quer durch die Republik betroffen sind, umso weniger leuchten freilich die Reisebeschränkungen ein: Darauf wies am Sonntag der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hin, in dessen dicht bevölkertem Bundesland die Zahlen gerade besonders stark steigen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), nannte das Beherbergungsverbot «weder zielführend noch erklärbar». Es schaffe nur «Verwirrung und Unverständnis».

Nicht nur Politiker, auch viele Virologen stimmten Laschet und Müller zu. Der innerdeutsche Tourismus sei bisher kein Treiber der Pandemie gewesen, hiess es. Die Verbreitung wachse vielmehr in den Städten und bleibe mehrheitlich dort. Wolfgang Kubicki, Vizechef der FDP, hält das Beherbergungsverbot zudem für «rechtswidrig», der Chef eines Ärzteverbandes gar für «idiotisch». Und Karl Lauterbach, der Experte der SPD, dem die Regeln sonst nicht streng genug sein können, schimpfte über einen «Fehler», der am Ende auch die Akzeptanz sinnvoller Massnahmen bedrohe.

Bisher hat das innerdeutsche Beherbergungsverbot jedenfalls vor allem Chaos ausgelöst. Das hängt zum einen daran, dass nicht alle Bundesländer es in Kraft gesetzt haben, zum anderen, dass es sehr verschieden gehandhabt wird. Wer jetzt eine Reise plant, muss jedenfalls erst stundenlang Verordnungen studieren, um zu wissen, was gilt. In einzelnen Bundesländern befreit ein negativer Test von allen Einschränkungen, in anderen, etwa an der Ostsee, muss man trotzdem erst mal in Quarantäne.

Fällt das Verbot am Mittwoch?

Die Tests, die gesunde Reisende brauchen, um sich von den Restriktionen zu befreien, binden wiederum Kapazitäten, die die Gesundheitsämter eigentlich gern anders einsetzen würden. In Städten wie Berlin sind Tests jetzt schon knapp (und teuer) – ein Reisewilliger muss oft tagelang auf das Resultat warten. Und der schon im Frühjahr hart getroffenen Tourismusindustrie schaden die Einschränkungen bereits jetzt gravierend.

Merkels Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) verteidigt die Beherbergungsverbote mit dem Hinweis, dass sie im Vergleich zu Einreiseverboten und Quarantäneanordnungen «das mildere Mittel» seien. In der Wirkung ähneln sich die aktuellen und die Massnahmen des Frühjahrs freilich stark: Sie vermiesen den Deutschen nachhaltig das Verreisen. Laschet, einer der drei Kandidaten für den Vorsitz der CDU, hat jedenfalls angekündigt, das Beherbergungsverbot bei den Krisengesprächen zwischen Bund und Ländern am Mittwoch infrage zu stellen.

10 Kommentare
    Werner Terhaag

    Das Beherbergungsverbot betrifft nicht nur Touristen.

    Auch die Wirtschaft ist betroffen: z.B. bundesweiter Außendienst in allen möglichen Branchen, Montage-Mitarbeiter, Personal zur Wartung von Industrieanlagen etc.

    Die Übernachten üblicherweise auch in Hotels, was jetzt regional wieder nicht geht. Vieles ist eben aus Entfernung und Homeoffice nicht möglich.

    Die Überreaktionen "von oben" sind inzwischen lächerlich und alles andere als sinnvoll und der Widerstand wächst - mit Recht.