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Sehenswert im KunstmuseumNeue Frauen braucht die Wand

Werke von Frauen waren in den Museen lange Zeit untervertreten. Auch in Basel. Das Kuratorenteam am Kunstmuseum arbeitet daran, das Ungleichgewicht auszugleichen.

Dieser Torso auf Papier stammt von der US-Künstlerin Kara Walker. Das Werk gehört als «ewige Dauerleihgabe» zum Bestand im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums.
Dieser Torso auf Papier stammt von der US-Künstlerin Kara Walker. Das Werk gehört als «ewige Dauerleihgabe» zum Bestand im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums.
Foto: © Kara Walker

Im Kunstmuseum Basel vertreten 22 Künstler das 19. Jahrhundert. Anteil Frauen, gemäss Website-Liste: null. Kein Wunder, es gab kaum welche, die es je ins Museum geschafft hätten.

Und warum heisst es wohl «Alte Meister»? Weil die Herren um Hans Baldung Grien, Jan Breughel, Holbein, Cranach, Rubens, Witz unter sich blieben. Und das war vermutlich weniger gottgewollt, dafür aber sozial bedingt. Alte Meisterinnen? Fehlanzeige. Selbst hinter dem blumigen Namen Hyacinthe RIGAUD, den die Adligen des Ancien Régime so sehr schätzten und der sich in der Basler Sammlung findet, verbirgt sich eben: ein Mann. Übrigens ein durchaus hoch begabter.

Hat das Zeug zum Klassiker: Gabriele Münter, «Griesbräu. Obere Hauptstrasse in Murnau» (1908).
Hat das Zeug zum Klassiker: Gabriele Münter, «Griesbräu. Obere Hauptstrasse in Murnau» (1908).
Foto: © Kunstmuseum Basel, Pro Litteris

Nun ist das Kunstmuseum Basel seit einiger Zeit dabei, seine Bestände aus den Händen von Künstlerinnen signifikant zu stärken – vor allem seit 2016, seit Josef Helfenstein Direktor ist. Neue Frauen an die Wand – das ist ein anspruchsvolles Unterfangen: Aus dem späten 19. Jahrhundert oder früher «gute Werke von Künstlerinnen zu finden, ist sehr schwierig», wie Mediensprecherin Karen Gerig auf Anfrage mitteilt.

Für die Gegenwartskunst sieht es besser aus. Viel, viel besser. Helfensteins Team hat in letzter Zeit spektakuläre Ankäufe oder Schenkungen von Künstlerinnen realisiert, darunter Hauptwerke oder ganze Werkgruppen von Gabriele Münter, Linda Benglis, Lynette Yadom-Boakye, Shirley Jaffey, Kara Walker, Hito Steyerl, Klara Liden, Sari Dienes, Martha Rosler, Valie Export, «Das ist ein Glücksfall», meint Josef Helfenstein, «alle diese Künstlerinnen waren in der Sammlung des Kunstmuseums Basel noch gar nicht vertreten.»

Für Basler Kunstfreunde noch zu entdecken: Shirley Jaffe, «Medrano» (1958), angekauft mit Mitteln des Arnold-Rüdlinger-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft.
Für Basler Kunstfreunde noch zu entdecken: Shirley Jaffe, «Medrano» (1958), angekauft mit Mitteln des Arnold-Rüdlinger-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft.
Foto: Jonas Hänggi © Kunstmuseum Basel, Pro Litteris

Diese Namensliste zeigt, wie viel bewusster die Branche heute Künstlerinnen feiert. Die Wahl-New-Yorkerin Kara Walker (51), der das Kunstmuseum in der ersten Jahreshälfte hoffentlich trotz Corona noch die geplante Einzelausstellung widmen kann, ist dafür ein gutes Beispiel.

Die Ankäufe für Basel zeigen auch, dass die Stars der klassischen Moderne ihre Prominenz durchaus mit Frauen teilen können. Eva Reifert, Kuratorin am Basler Kunstmuseum, hat im Sommer bei der Neuhängung der klassischen Moderne im Hauptbau jedenfalls einige Werke von Künstlerinnen eingebettet – mehr, als je da zu sehen waren. Darunter sind auch die Neuzugänge von Gabriele Münter oder Verena Loewensberg. Falls das verhindert, dass man sich an den permanent ausgeschlachteten Im- und Expressionisten endgültig sattsieht, hätte die Museenwelt schon gewonnen.

Dieses unbetitelte Werk von Verena Loewensberg gehört zum Legat Roger und Marianne Kunz-Jäger. Die Malerin wuchs in Sissach auf und war Protagonistin der Zürcher Konkreten.
Dieses unbetitelte Werk von Verena Loewensberg gehört zum Legat Roger und Marianne Kunz-Jäger. Die Malerin wuchs in Sissach auf und war Protagonistin der Zürcher Konkreten.
Foto: Jonas Hänggi © Kunstmuseum Basel

Das erstarkte weibliche Selbstbewusstsein im Kunstmuseum äussert sich auch in der Führungsreihe «Inspired by Her». Sie stellt Werke von Künstlerinnen vor – seit dem Lockdown online.

Dennoch stellt Josef Helfenstein klar: «Es wäre aus meiner Sicht falsch, jetzt sozusagen aus Kompensation oder sogar Opportunismus, weil es populär ist, nur noch Kunst von Frauen zu kaufen.»

Mehr Kunst von Frauen, aber nicht ausschliesslich Kunst von Frauen: In diese Richtung darf sich die Sammlung im Kunstmuseum gern entwickeln.

Provokant weiblich: Screenshot aus Valie Exports 16-mm-Film «Syntagma» (1983).
Provokant weiblich: Screenshot aus Valie Exports 16-mm-Film «Syntagma» (1983).
Foto: Fritz Köberl  © Valie Export, Pro Litteris