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Vor Quarantäne-TurnierNBA hebt Strafe auf Cannabis auf – nur vorübergehend?

Medizinalhanf ist in den USA weit verbreitet – auch in den Profiligen. Die NBA hinkt hinterher – und könnte jetzt ausgerechnet durch Corona einen Schritt nach vorn machen.

Die Disney-World in Orlando: Hier spielen 22 Teams ab Ende Juli um den NBA-Titel. Die Spieler werden in dieser Zeit nicht auf Marihuana getestet.
Die Disney-World in Orlando: Hier spielen 22 Teams ab Ende Juli um den NBA-Titel. Die Spieler werden in dieser Zeit nicht auf Marihuana getestet.
Foto: John Raoux (Keystone)

Die NBA hat ein Problem mit Cannabis. Oder vielleicht eher eines ohne.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die weltbesten Basketball-Profis gerne auf Marihuana und dessen schmerzlindernde Substanzen zurückgreifen. Matt Barnes hat in seiner Karriere für neun verschiedene NBA-Teams gespielt, 2017 wurde er mit den Golden State Warriors Champion. Gegenüber dem amerikanischen Online-Sportmagazin «Bleacher Report» sagte er kürzlich: «Ich bin nach dem Training nach Hause, habe einen Joint geraucht, ein Nickerchen gemacht, bin aufgestanden, habe gegessen und bin zum Spiel gefahren. Ich war nicht immer high. Aber in 15 Jahren waren es sehr viele Spiele.»

Dass ein Betäubungsmittel in den USA in einer Sportliga halbwegs toleriert wird, mag auf den ersten Blick erstaunen: In den «War on Drugs» fliesst in den USA immer noch eine Menge Geld, die Bekämpfung des Drogenhandels hat in der Politik eine hohe Priorität. Doch in der Handhabung medizinischer Hanfprodukte sind die USA eines der fortschrittlichsten Länder der Welt: Mehr als die Hälfte aller 50 Bundesstaaten lässt Cannabis zu medizinischen Zwecken zu, diverse Verwaltungen haben den Konsum komplett freigegeben, und nur eine Handvoll Staaten setzen noch auf ein vollständiges Verbot.

Sollen die Tests überhaupt wieder eingeführt werden?

Für die nächsten Wochen interessiert die NBA-Profis vor allem die Gesetzeslage in Florida. Die Liga trägt nach der Corona-Pause ihr Saisonfinale in der Disney-World in Orlando aus, am 30. Juli soll es losgehen, 22 Teams sind schon jetzt vor Ort und sollen sich per sofort auf den Rhythmus Essen-Trainieren-Schlafen konzentrieren.

Schon im Juni liess die Liga verlauten, dass sie während des Saisonfinales auf das Testen von sogenannten «recreational drugs» verzichten werde. Ganz überraschend kommt das offenbar nicht, die Debatte drehte sich in der Folge vielmehr darum, ob und warum man die Tests überhaupt wieder aufnehmen müsse.

NBC Sports hat schon im Februar nach einer gross angelegten, anonymen Umfrage bilanziert, dass mindestens 50, eher 80 Prozent aller NBA-Spieler Marihuana in diversen Formen zur Regeneration verwenden. Die Palette reicht von Salben, Konzentraten und Ölen über Pflaster bis hin zum herkömmlichen Rauchen. Beliebt sind sowohl die medizinischen Cannabidiol-Produkte (CBD) ohne das psychoaktive Tetrahydrocannabinol (THC) als auch THC-haltige Stoffe. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat CBD von ihrer Liste entfernt, THC steht nach wie vor drauf.

Ausserhalb der sogenannten «bubble», in einer normalen NBA-Saison, ist der Konsum von Cannabis nach wie vor verboten. Kontrollen und Strafen gelten aber als lasch. Beim ersten Mal gibt es eine Verwarnung, beim zweiten Mal eine Busse von 25’000 Dollar – angesichts des NBA-Durchschnittsgehalts von neun Millionen Dollar verschmerzbar. Erst die dritte Strafe wird publik, weil sie eine Sperre von fünf Spielen nach sich zieht. In den letzten drei Jahren rapportierte die Liga nur fünf Spielsuspensionen in dem Zusammenhang.

Den Konsum in der Sportwelt zu legalisieren, ist zumindest aus medizinischer Sicht nicht so abwegig. Der Dopingexperte Fritz Sörgel gab gegenüber dem Deutschlandfunk kürzlich zu bedenken, wie sehr Profisportler mittlerweile bereit sein müssen, ihren Körper zu schikanieren. «Wenn wir akzeptieren, dass im Sport Schmerz zur Leistung dazugehört, dann muss man sich überlegen, ob man solche Substanzen nicht zulässt.»

In den USA ist die NBA sogar die Profiliga mit den strengsten Auflagen bezüglich Cannabis. Die Baseballer von der MLB haben es von der Liste illegaler Substanzen gestrichen. Die NHL testet noch auf Cannabis, aber ein positiver Test allein hat noch keine Konsequenzen. Erst wenn die Vermutung naheliegt, ein Spieler könnte sich mit einem gefährlich hohen Level an THC selber in Gefahr bringen, schreitet die Liga ein. Und die NFL will die illegale Menge an THC im Blut anpassen, von 35 auf 150 Nanogramm. In der NBA gilt schon ein Resultat ab 15 Nanogramm als positiver Cannabis-Test.

Reicht ein Pfund Gras bis in den NBA-Final?

In der «bubble» in Orlando jedenfalls dürfen die Profis jetzt nach Lust und Laune konsumieren. Das Gesetz in Florida erlaubt die medizinische Verwendung von Hanfprodukten. Und das Portal «The Athletic» hat bereits gemutmasst, wie viel Gramm Marihuana jeder Spieler mit sich führen müsse, damit er durch die Wochen kommt. Der Autor kam zum Schluss, dass Spieler, die es bis in den Final schaffen, mit einem Pfund Gras schon in Nöte geraten könnten.