Nazi-Fehltritt: VW-Chef bringt Investoren gegen sich auf

Die Affäre um eine Äusserung mit Nazi-Assoziation von Volkswagen-Chef Herbert Diess zieht weiter Kreise.

Wegen des Ausspruchs «Ebit macht frei» in der Kritik: Volkswagen-Chef Herbert Diess. Foto: Keystone

Wegen des Ausspruchs «Ebit macht frei» in der Kritik: Volkswagen-Chef Herbert Diess. Foto: Keystone

(Bild: Keystone)

Unabhängige Investoren haben nun Fragen zur Zukunft des 60-Jährigen im Konzern gestellt. Die Kritik kommt aus den USA, wie die «Financial Times» berichtet, und wird von treuen VW-Aktionären geäussert. Sie erwischt den Konzern in einem Moment, als die Krise um den Vorstandsvorsitzenden bereits ausgestanden schien. Die namentlich nicht genannten US-Investoren rechnen mit einer Entlassung von Diess oder fordern diese sogar.

Herbert Diess hatte sich bereits vor einer Woche für seinen Ausspruch «Ebit macht frei» entschuldigt. Der Manager hatte tags zuvor bei einem Vortrag im Kreis von Führungskräften diesen Satz verwendet und damit eine Verbindung zur Schreckenszeit des Nationalsozialismus hergestellt: «Arbeit macht frei» verwendeten die Nazis als Toraufschrift an Konzentrationslagern. Ebit ist die Abkürzung für den Gewinn eines Unternehmens vor Zinsen und Steuern.

Worte des Bedauerns

Er bedaure die «sehr unglückliche Wortwahl», sagte der Österreicher dem deutschen «Manager-Magazin». «Falls ich damit unbeabsichtigt Gefühle verletzt haben sollte, tut mir das ausserordentlich leid. Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen.» Er habe nicht daran gedacht, dass dieser Zusammenhang hergestellt werden könne.

Diess sprach davon, dass die hohen Margen der Marke Porsche innerhalb des Konzerns mehr Freiheit gäben als andere Eigenmarken wie Audi. Die angebliche Harmlosigkeit der Bemerkung schützte ihn aber nicht vor einer Rüge durch den Verwaltungsrat des Autobauers. «Die Historie des Volkswagen-Konzerns und die sich daraus ergebende Verantwortung ist ein wichtiger Teil der Unternehmensidentität. Die Äusserung des Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess ist in diesem Kontext als unangebracht und nicht nachvollziehbar zu bewerten», zitierte das «Handelsblatt» das Gremium, das in Deutschland Aufsichtsrat genannt wird. Die Geschichte von Volkswagen ist mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Das Nazi-Regime hatte das Unternehmen in den 1930er-Jahren gegründet.

Ein langfristiger institutioneller Investor aus den USA nennt Diess laut FT einen der wenigen Manager, die das Unternehmen wahrscheinlich in die richtige Richtung bewegen könnten. Allerdings sei der Nazi-Fehltritt «so beleidigend, dass ich es nicht für wirklich entschuldbar halte».

«Das ist kein Satz, den man in Deutschland sagen darf.»Ulrich Hocker, Direktor einer Gruppe von Kleinaktionären

Die Äusserung könnte in den kommenden Wochen auch zum Spielball im internen Ringen zwischen dem mächtigen Betriebsrat und der Konzernspitze werden. Konfliktpotenzial ist einiges vorhanden: Deiss, der erst seit rund einem Jahr an der Spitze des wegen des Dieselskandals heftig kritisierten Konzerns steht, will bei der Marke VW in den nächsten fünf Jahren 5000 bis 7000 Stellen durch Automatisierung ersetzen und auf diese Weise rund sechs Milliarden Euro mehr in der Kasse haben, wie er Mitte März bekannt gab. Betriebsratschef Bernd Osterloh als oberster Arbeitnehmer nannte den Plan prompt «ein Hirngespinst».

In einer ersten Reaktion auf die Nazi-Assoziation begrüsste der Betriebsrat die Entschuldigung des Managers. Dies wohl nicht von ungefähr: Osterloh sitzt im Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrats, der den Manager zwar gerügt, aber nicht abgestraft hat.

Eine Rüge vom Verwaltungsrat

Mit Blick auf die Eigentümerstruktur dürfte sich Diess trotz des Fehltritts vorerst in Sicherheit wiegen. Zwar halten rund 40 Prozent der Volkswagen-Aktien institutionelle Anleger aus dem Ausland und Privatanleger. Den Ton bei Volkswagen geben neben dem deutschen Bundesland Niedersachsen vor allem die Familien Porsche und Piëch an. Das Vertrauen scheint vorhanden. Erst am Dienstag haben die Familien ihren Stimmrechtsanteil am Wolfsburger Autokonzern von 52,2 auf 53,1 Prozent erhöht

Das ändert jedoch nichts daran, dass sich Diess in den nächsten Wochen wohl kaum wird zurücklehnen können. Am 14. Mai ruft Volkswagen zur Aktionärsversammlung nach Wolfsburg. Dort droht dem Manager wegen der umstrittenen Äusserung weiterer Ärger: Ulrich Hocker, Direktor der DSW, einer Gruppe von Kleinaktionären in Deutschland, sagte der FT: «Das ist kein Satz, den man in Deutschland sagen darf.» Hocker verlangt demnach mindestens eine weitere Entschuldigung.

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