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Basler Regisseurin erzähltNach Folter und Vergewaltigung: So leben die Jesidinnen heute

Männer wurden vom IS erschossen, Kinder und Frauen versklavt. Nun will das jesidische Volk eine neue, gleichberechtigte Gesellschaft aufbauen. Regisseurin Anina Jendreyko hat das Gebiet Shengal besucht.

RegisseurinAnina Jendreyko mit dem Sänger Süleyman Carnewa und einer ezidischen Kämpferin im Shengal.
RegisseurinAnina Jendreyko mit dem Sänger Süleyman Carnewa und einer ezidischen Kämpferin im Shengal.
Foto: Georg Faulhaber

In der nordirakischen Region Shengal befinden sich noch 70 ungeöffnete Massengräber. Niemand weiss so genau, wie viele Leichen darin liegen, wessen Vater, Bruder oder Sohn dort verscharrt wurde. Fest steht nur, wer sie getötet hat. Es ist der 3. August 2014, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der vom jesidischen Volk bewohnten Shengal-Ebene einfällt, mordet und schändet. Humanitäre Beobachter sprechen von einem Völkermord.

Man geht davon aus, dass die Islamisten bei diesem Angriff rund 10’000 Menschen getötet und 8000 Mädchen und Frauen verschleppt haben. Als «Sex-Sklavinnen des IS» erlangten diese Frauen auf der ganzen Welt traurige Berühmtheit. Einige Hundert konnten von den jesidischen Fraueneinheiten befreit werden, andere wurden freigekauft, wieder anderen gelang die Flucht. Heute gelten noch immer mehr als 2500 Frauen
als vermisst.

«Es gab eine Frau, eine Freiheitskämpferin, sie ist so klein, dass du sie in die Tasche stecken kannst – aber sie stand da und hat gegen den IS gekämpft.»

Ein Jeside aus Shengal

Die Basler Regisseurin Anina Jendreyko hat mit ihrem Team die Region Shengal seit dem Abzug des IS im Jahr 2017 mehrfach besucht. Mittlerweile ist daraus ein Theaterstück entstanden. Sie ist tief berührt und stark beeindruckt, wie die dortige Gesellschaft mit aller Kraft versucht, das Trauma zu überwinden. Die Rolle der Frauen sei in diesem Prozess besonders wichtig – und neu für die bislang sehr geschlossene, patriarchale Gesellschaft der Jesiden.

Das zeige sich unter anderem im Umgang mit den aus der Versklavung befreiten Frauen. «Früher wurde eine Frau nach einer Vergewaltigung aus der Gemeinschaft verstossen, und ihre durch Vergewaltigungen gezeugten Kinder gehörtem dem Täter. Über die an der Frau verübte sexualisierte Gewalt sollte die ganze Gesellschaft getroffen werden. «Heute wird die Frau wieder in die Gesellschaft aufgenommen, auch vom religiösen Oberhaupt – sie wird nicht mehr als Opfer stigmatisiert.»

Aufbau nach dem Kriegstrauma: Anina Jendreyko im Interview mit der Jesidin Dayke Gine.
Aufbau nach dem Kriegstrauma: Anina Jendreyko im Interview mit der Jesidin Dayke Gine.
Foto: Georg Faulhaber 

Die Jesidinnen sind auch am Wiederaufbau der zerstörten Region beteiligt, zu gleichen Teilen wie die Männer. Sie sind daran, gemeinsam eine basisdemokratische, zivile Verwaltung aufzubauen, mit Komitees für Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft, Ökologie und Verteidigung. In Sitzungen wird über Anliegen aus dem Volk diskutiert, gestritten und nach Lösungen gesucht. In allen Komitees sitzen zur Hälfte Frauen.

Eine, mit der Jendreyko gesprochen hat, ist selber erstaunt über ihr Engagement: «Früher hätte ich mich niemals getraut, vor Männern zu sprechen. Und nun ergreife ich in Sitzungen häufig als Erste das Wort und widerspreche regelmässig auch meinen männlichen Kollegen», sagt sie.

Frauenmiliz befreit versklavte Jesidinnen

Aber was gibt den Ausschlag für einen so schnellen und radikalen Wechsel vom Patriarchat zur Gleichberechtigung? «Für die Männer und Frauen im Shengal waren es die Kämpferinnen der kurdischen Freiheitsbewegung aus Rojava und der Türkei», sagt Jendreyko. «In dem Moment, als alle anderen die Jesiden im Stich gelassen haben, waren sie die Einzigen, die ihnen direkt zur Hilfe kamen.» Es waren selbstbestimmte Frauen, die Seite an Seite mit den Männern Krieg gegen den IS führten.

Der kurdischen Freiheitsbewegung gelang es schliesslich, einen Korridor durch das von den Terroristen kontrollierte Gebiet zu schlagen, durch den rund 150’000 Jesidinnen und Jesiden gerettet werden konnten. Der Anblick der gleichberechtigten kurdischen Kämpferinnen hat nicht nur bei den Jesidinnen, sondern auch bei ihren Männern ein Umdenken bewirkt. «Früher habe ich Frauen als schwach und klein angesehen», sagte einer zu Jendreyko. «Ich bin damals beim Angriff weggelaufen, wie viele andere Männer auch. Es gab eine Frau, eine Freiheitskämpferin, sie ist so klein, dass du sie in die Tasche stecken kannst – aber sie stand da und hat gegen den IS gekämpft, sie hat Hunderte von uns gerettet. Das habe ich gesehen, und das war der Beginn einer grossen Veränderung in mir.»

«Die Kinder hören den Ruf der Moschee – es ist derselbe Ruf, mit dem der IS uns angriff.»

Eine Jesidin aus Shengal

Mittlerweile haben sich die Frauen in Shengal in Vereinen und anderen Gruppen organisiert. Sie setzen sich unter anderem für Bildung ein und versuchen, eine Gesundheitsversorgung aufzubauen. Viele von ihnen sind aus IS-Gefangenschaft zurückgekehrt. «Die vertraute Umgebung, die die Frauen wieder aufnimmt und ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu beteiligen, das schafft Heilung», sagt Jendreyko. Diese Selbstermächtigung mache aus ihnen nicht Opfer, sondern handelnde Menschen.

Eines steht für die Jesidinnen aus dem Shengal mittlerweile fest: «Sie wollen die von ihnen aufgebaute zivile Selbstverwaltung und den eigenen Schutz der Bevölkerung nie mehr in fremde Hände geben» , sagt Jendreyko. Mithilfe der Kurden aus Rojava hat die Bevölkerung deshalb schon während des Kriegs gegen den IS eine Milizarmee gegründet. Die dazugehörige Frauentruppe konnte viele Gefangene aus der Gewalt der Islamisten befreien.

Der Ruf der Angreifer

Nach dem Ende des Islamischen Staats wurden die Jesidinnen immer wieder gefragt, ob sie an der arabischen Bevölkerung Rache üben wollen, weil sie mit ihren Peinigern kollaboriert hatte. «Das machen wir nicht. Andere Menschen anzugreifen, ist bei uns Sünde. Wenn jemand einen Fehler macht, hast du doch nicht das Recht, ihn zu töten. Der Mensch kann sich verändern, daran glaube ich», antwortete eine von Jendreykos Gesprächspartnerinnen auf diese Frage.

In Shengalstadt wurde nach der Befreiung von einer irakischen Miliz als Erstes wieder eine Moschee aufgebaut. «Die Kinder hören den Ruf – es ist derselbe Ruf, mit dem der IS uns angriff», erzählte die Jesidin. «Wir versuchen, diesen Ruf nicht mehr mit dem Ferman (so nennen die Jesiden den Genozid an ihrem Volk) in Verbindung zu bringen. Das ist nicht einfach – es braucht Zeit. Aber wir möchten eine Zukunft, in der die Unterschiedlichkeit der Kulturen, Glaubensrichtungen und Menschen zum Ausgangspunkt einer Lösung gemacht wird.»

Es ist unter anderem dieser «gelebte Humanismus», den Jendreyko mit ihrem Stück «Shengal – die Kraft der Frauen» auf die Volksbühne Basel bringen möchte. Und sie will der westlichen Bevölkerung ihre Verantwortung in Erinnerung rufen. «Unsere Gesellschaft ist in einer moralischen Apathie, die uns blind macht für Kriege und Elend. Es ist aber unsere Pflicht, über den Tellerrand hinauszuschauen.»

«Shengal – die Kraft der Frauen» am 17., 18., 20., 21., 22., 23. und 24. jeweils um 19.30 Uhr.
D
RUCKEREIHALLE, ACKERMANNSHOF, ST. JOHANNS-VORSTADT 19–21, BASELWWW.DRUCKEREIHALLE.CH

4 Kommentare
    Gion Saram

    Niemand ist dazu verpflichtet die ihm aufgedrängte Opferrolle anzunehmen, jeder kann und darf sich wehren wenn sein Leben und seine Freiheit in Gefahr sind. Mein tiefster Respekt vor diesen Menschen und insbesonderen den Frauen.